Fabrikbesetzung in Istanbul, 04.11.2013 (Friedensratschlag)
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Sieg der Ausdauer

Besetzung, Widerstand, Produktion: In Istanbul betreiben Arbeiter seit vier Monaten ihre eigene Textilfabrik

Von Miray Erbey und Thomas Eipeldauer *

Am 28. September 2013 konnte man in Istanbul an einer eher ungewöhnlichen Modenschau teilnehmen. Eher ungewöhnlich deshalb, weil hier weder abgemagerte Topmodels, noch steinreiche Modezaren, keine Glamourreporter oder Fashion-Yuppies zu sehen waren. Statt dessen gab es Streiktransparente, eine Demonstration und die populäre kommunistische Band Grup Yorum. Im Unterschied zu einer Modenschau der Bourgeoisie handle es sich um eine proletarische, und deren Mode sei »Besetzung, Widerstand und Produktion«, so der Journalist Metin Yegin auf der Veranstaltung.

Geladen hatten die Arbeiterinnen und Arbeiter von Kazova Tekstil, einer seit Monaten besetzten und von der Belegschaft selbst verwalteten Fabrik im Istanbuler Stadtteil Sisli. Noch vergangenes Jahr war Kazova ein durchschnittlicher Betrieb mittlerer Größe, mit schlechten Arbeitsbedingungen, niedrigem Lohn und erzwungenen Überstunden. Eine Klimaanlage hatte nur das Stockwerk des Managements, die Arbeiter mußten bei bis zu 60 Grad schuften. Einen Aufzug gab es in dem fünfstöckigen Gebäude nicht, es war billiger, die Angestellten die Waren hinauf- und hinunter schleppen zu lassen.

Nachdem die Eigentümer, die den damals 94 Beschäftigten noch vier Monate Lohn schuldeten, im Januar 2013 die Produktion einstellen wollten, gingen die Arbeiter in die Offensive. Im Februar begannen sie, sich zu organisieren, von April an kampierten sie in einem Zelt vor der Fabrik, um zu verhindern, daß die Eigentümer, Ümit Somuncu und Mustafa Umut Somuncu, die Maschinen abtransportieren lassen. Ende Juni war es dann soweit: Kazova Tekstil wurde besetzt.

Die Beschäftigten gingen nun daran, notwendige Reparaturen durchzuführen, um so bald wie möglich die Produktion wieder aufnehmen zu können. »Am 28. Juni besetzten wir die Fabrik und begannen, die kaputten Maschinen wieder tauglich zu machen. Wir brauchen keine Diebe und Blutsauger, die uns ausbeuten. Es ist der erste Widerstand dieser Art in der Türkei«, zitiert die linke Zeitschrift Yürüyüs (8. Oktober 2013) einen Arbeiter.

Die Belegschaft will nun für jeden bezahlbare hochwertige Sweater und Pullover herstellen. Die Kleidungsstücke kosteten, als noch die Profitgier der Bosse zu bedienen war, zwischen 150 und 300 Lira bei Produktionskosten von 20 Lira (rund sieben Euro). Heute verkauft die Belegschaft sie für 30 Lira, bei 200 Sweater am Tag liegt die derzeitige Produktionskapazität. Allerdings läuft die Wiederaufnahme des Arbeitsprozesses nicht ohne Probleme ab. Lohn gibt es immer noch keinen, das Erwirtschaftete wird reinvestiert. Und es sind nur noch ein Dutzend Kollegen, die hier tätig sind. Die anderen hielten den langen Lohnausfall nicht durch und mußten sich einen neuen Job suchen. Um die Maschinen gab es eine lange juristische Auseinandersetzung, die vergangene Woche mit einem Gerichtsurteil endete, das den Arbeitern die Maschinen im Ausgleich für ihren Lohnausfall zusprach. Sie wurden nun von den Arbeitern in ein neues Gebäude im Istanbuler Stadtteil Kagithane verbracht, dort soll die Arbeit wieder aufgenommen werden. »Das ist der Sieg des Widerstandes, der seit Januar läuft«, kommentierte der Anwalt der Beschäftigten, Behic Asci von der linken Anwaltsvereinigung Halkin Hukuk Bürosu.

Die großen Bewegungen, die in den vergangenen Jahren weltweit von sich Hören machten, spielten sich nicht direkt in den Fabriken ab. Es waren urbane Bewegungen, deren Symbole die Plätze und Parks wurden: Puerta del Sol in Madrid, Syntagma in Athen, Taksim und Gezi in Istanbul. Obwohl hier zu einem großen Teil Menschen aus der Arbeiterklasse aktiv beteiligt war, haben sie es noch nicht vermocht, den Kampf in die Produktionsstätten zu tragen.

Allerdings gab und gibt es erste Ansätze: Bekannt wurde die Baustofffabrik Vio.Me in Thessaloniki, die, nachdem der Eigentümer die Produktion einstellen und die Maschinen verscherbeln wollte, von der Belegschaft übernommen und unter die Kontrolle eines Arbeiterrats gestellt wurde. Ohne die Solidarität der außerparlamentarischen Bewegung in Griechenland, die bei der Finanzierung half, Konzerte und Öffentlichkeitsarbeit organisierte, wäre diese Übernahme womöglich nicht gelungen.

Bei Kazova Tekstil ist es ähnlich. Der irische Europaabgeordnete Paul Murphy erzählt von einem Besuch in der Fabrik: »Die Arbeiter verkauften ihre Produkte auch in jenen Versammlungen, die aus den Gezi-Protesten entstanden waren. Sie treffen sich nach wie vor in den Stadtteilen Istanbuls, um die Lehren und Herausforderungen der Bewegung zu diskutieren. ›Wir waren Teil der Gezi-Park-Bewegung‹, erklärt ein Arbeiter.« Platz und Fabrik beginnen immer mehr sich aufeinander zu beziehen.

* Aus: junge Welt, Samstag, 2. November 2013


»Wir kämpfen für Brot und Würde«

Textilarbeiter von Kazova wollen in Eigenregie weiter produzieren. Ein Gespräch mit Bülent Ünal **

Bülant Ünal arbeitet in der von der Belegschaft übernommenen Textilfabrik Kazova in Istanbul.


Seit Monaten kämpft die Belegschaft von Kazova für ihre Rechte. Was haben Sie bisher erreicht?

Unser Kampf für Brot und Würde begann am 27. Februar. Jeden Mittwoch marschierten wir durch Sisli vor die Fabrik, samstags vom Taksim zum Gymnasium in Galatasaray, und sonntags gaben wir Presseerklärungen vor dem Haus der Eigentümer. Später erfuhren wir, daß die Bosse die Maschinen und Waren aus der Fabrik fortschaffen wollten. Also begannen wir, das war Ende April, ein Zelt vor der Fabrik aufzubauen, um das zu verhindern.

Am 28. Juni besetzten wir dann die Fabrik. Nach der Besetzung fanden wir noch unfertige Sweater, die wir fertigstellten und dann in Internetforen verkauften. Dann nahmen wir die Maschinen in Angriff. Sie waren kaputt, wir begannen, sie zu reparieren. Dann begannen wir selbstorganisiert und unabhängig zu produzieren. Wir haben dann mit unserer »Modenschau des Widerstands« begonnen, die erste ihrer Art weltweit. Außerdem haben wir kulturelle und künstlerische Veranstaltungen und Feste organisiert.

Am 26. Oktober haben wir in einem Zwangsvollstreckungsprozeß gegen den Eigentümer die Maschinen zugesprochen bekommen und sie dann an einen anderen Ort gebracht, an dem wir weitermachen werden.

Wie werden die nächsten Schritte aussehen?

An diesem Wochenende feiern wir mit Freunden und Genossen unseren Sieg mit einem Arbeiterfilmfestival. Aber der Kampf beginnt jetzt erst. Denn einen anderen Teil der Maschinen, den wir noch nicht haben, müssen wir noch an uns bringen.

Wir werden jetzt eine Arbeitergenossenschaft aufbauen. Unser Ziel ist es, die Produktion ohne Bosse so fortzuführen, daß wir einen Lohn, der zum Leben genügt, vernünftige Arbeitszeiten und Arbeitsplatzsicherheit erreichen können.

Wie organisieren Sie im Moment, jetzt, da die Fabrik in Arbeiterhand ist, die Produktion? Wie laufen beispielsweise Entscheidungsprozesse?

Wir haben bisher alle Entscheidungen gemeinsam getroffen. Im Moment läuft die Produktion nicht sehr schnell, weil wir einen Mangel an Rohmaterial und einsatzfähigen Maschinen haben. Wir handeln im Moment auch nicht wie ein Unternehmen im herkömmlichen Sinn, sondern wir vertreiben unsere Produkte im Kontext verschiedener Solidaritätsaktionen.

Wie sieht es mit der Vernetzung aus? Gibt es Kontakte zu anderen organisierten Arbeiterinnen und Arbeitern in der Türkei und im Ausland?

Wir haben Kontakt zu einer großen Anzahl von Organisationen der Arbeiterbewegung außerhalb der Türkei, wir bekommen sehr viele Solidaritätsbotschaften. Und natürlich sind wir solidarisch mit unseren Freunden, die sich derzeit in der Türkei im Widerstand befinden. Die Menschen begrüßen unser Projekt. Aber die etablierten Gewerkschaften haben uns bislang noch nicht einmal hier besucht. Allein die Transportarbeitersektion, die ein Teil des Gewerkschaftsverbandes DISK ist, hat uns unterstützt. Mehr noch aber haben uns Freunde und Arbeiter aus unabhängigen Gewerkschaften unterstützt.

Wie haben sich die Proteste im Gezi-Park und am Taksim-Platz auf Ihren Widerstand ausgewirkt? Sehen Sie sich als Teil dieser Bewegung?

Wir haben an den Gezi-Protesten schon als Kazova-Arbeiter teilgenommen. Die Gezi-Bewegung, die in der ganzen Türkei Ängste und Tabus hinweggefegt hat, hat uns auch bei unserer Entscheidung, die Fabrik zu übernehmen, inspiriert. Der wunderbare Geist der Solidarität in der Gezi-Bewegung wurde auch zu einem Beispiel für uns.

Interview: Thomas Eipeldauer und Miray Erbey

** Aus: junge Welt, Samstag, 2. November 2013


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