Tschad vor dem Bürgerkrieg? 23.06.2007 (Friedensratschlag)
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Frankreichs Luftwaffe im Einsatz

Lage im tschadischen Grenzgebiet zu Darfur immer unübersichtlicher. Gefahr eines weiteren Bürgerkriegs

Von Anton Holberg *

Seit einigen Tagen fliegt die französische Luftwaffe Einsätze im Tschad. Offiziell werden unter dem Siegel der »humanitären Hilfe« Lebensmittel von Abéché zu den Zehntausenden Flüchtlingen aus der sudanesischen Provinz Darfur in die Lager bei Goz Beida gebracht. Dazu wurden zusätzlich zu den drei bereits im Tschad stationierten Transall zwei weitere Transportmaschinen eingesetzt und die 100 in Abéché stationierten französischen Soldaten um etwa 30 Pioniere verstärkt. In der Vergangenheit diente die Armeepräsenz im Tschad nicht nur der Verteidigung von wirtschaftlichen und politischen Interessen Frankreichs: Auch wurde das korrupte Regime von Präsident Idriss Déby Itno gegen die vielgestaltige tschadische Opposition am Leben gehalten. Dabei trägt der Präsident maßgeblichen Anteil an der zugespitzten Lage sowohl in der sudanesischen Provinz Darfur als auch in den an sie grenzenden Ostgebieten des Tschad.

Das war nicht immer so. So bemerkte der kürzlich auf Druck der Regierung in Tschads Hauptstadt N’Djaména abgesetzte Sultan von Dar Sila, der betreffenden Region, in der das Gros der Darfur-Flüchtlinge derzeit in Lagern lebt, daß im gesamten Gebiet die arabischen und schwarzafrikanischen Gemeinschaften seit Urzeiten friedlich zusammenlebten – auch grenzüberschreitend. Angriffe wirklicher oder vermeintlicher »Dschadschaweed« genannter arabisch-sudanesischer Reitermilizen aber hätten zu einer Polarisierung der »schwarzen« und »arabischen« Gruppen geführt. Im Ergebnis – so auch die Berichte von UN Beobachtern und im Dar Sila arbeitender humanitärer Organisationen – sei es zu einer auch von Regierungskräften unterstützten zunehmenden Unterdrückung der arabischen Gemeinschaften im Tschad gekommen.

Daraus entwickelte sich ein eigenes, den Tschad betreffendes Bürgerkriegsszenario mit wechselseitigen Übergriffen und Massakern, an denen die Zentralregierung aus Gründen der Machterhaltung eine wichtige, häufig allerdings schwer zu durchschauende Rolle spielt, wie bei der Organisierung und Ausrüstung lokaler »Selbstschutzmilizen« (Toroboro). Daniel Augustburger, leitender Beamter des UN-Büros für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten, konstatierte jüngst zur weiter eskalierenden Lage: »Das gesellschaftliche Gefüge ist dabei, zusammenzubrechen... Die Menschen haben Angst, bewaffnen sich und bringen sich gegenseitig um.« Immer unübersichtlicher wird, wer gegen wen kämpft.

Aus: junge Welt, 22. Juni 2007


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