Südostasien setzt auf Kernkraft, 17.12.2008 (Friedensratschlag)
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Strahlende Zukunft für Singapur

Südostasien setzt auf Kernkraft, um einem eventuellen Energiepreisschock zu entgehen

Von Michael Lenz, Singapur *

Singapur will dem Atomclub beitreten. Nach dem Ölpreisschock in diesem Jahr hat der südostasiatische Stadtstaat, der mit 704 Quadratkilometern fast 200 Quadratkilometer kleiner als Berlin ist, seine nukleare Zurückhaltung aufgegeben.

Singapurs Ministerpräsident Lee Hsien Loong sagte kürzlich: »Ich sage nicht niemals (zu AKWs). Denn wenn die globale Erwärmung ein ernstes Problem ist, wenn der Preis für Energie langfristig steigt, wenn der Ölpreis weiter steigt und wenn noch eine Kohlenstoffsteuer hinzukommt, dann muss man die nukleare Option ernsthaft in Betracht ziehen.«

Die 4,6-Millionen-Einwohner-Metropole Singapur ist - mit Ausnahme des Ölsultanats Brunei auf Borneo - der letzte der südostasiatischen Staaten, die Atomkraftwerke (AKW) zum Teil der Strategie zur langfristigen Energieversorgungssicherung erkoren haben. Wirtschaftliche »Tigerstaaten« wie Thailand, Malaysia und Indonesien setzen ebenso auf Kernkraft wie die bitter armen Entwicklungsländer Kambodscha und Birma. Vietnam plant den Bau von vier Atomkraftwerken, die knapp fünf Prozent seines Strombedarfs liefern sollen.

Die nuklearen Ambitionen Südostasiens geben angesichts der politischen Situationen in den jeweiligen Ländern Grund zur Sorge. Wie schnell und einfach selbst vermeintliche Hochsicherheitszonen zum Spielball politischer Interessen werden können, hat gerade die Besetzung von Bangkoks Flughäfen Don Muang und Suvarnabhumi durch die rechte »Volksallianz für Demokratie« bewiesen. Kernkraft in der Hand der Juntageneräle von Birma, die mit russischer Hilfe ein AKW bauen und sich keinen Deut um internationale Regeln und Verträge kümmern, ist für viele Experten auch eine höchst beunruhigende Vorstellung.

Am weitesten vorangeschritten sind die atomaren Ambitionen Indonesiens. Mit dem Bau des ersten AKW mit südkoreanischer Technologie soll in etwa einem Jahr auf der Halbinsel Muria auf Java begonnen werden - im Schatten des 1600 Meter hohen Vulkans Muria. Drei weitere sollen folgen.

Java und ganz Indonesien sind aber geologisch höchst instabil. Erdbeben und Vulkanausbrüche gehören zur Tagesordnung. »Die Behauptung der Regierung, Muria sei erdbebensicher, stimmt nicht hundertprozentig«, weiß Fitrian Ardyansyah von der Umweltschutzorganisation WWF Indonesia. Neueste wissenschaftliche Untersuchungen hätten einen Riss in Murias Erde entdeckt. »Die Wahrscheinlichkeit eines Erdbebens ist sehr hoch.« Ein Beben könne die Baustruktur eines Reaktors beschädigen und Radioaktivität austreten lassen. Der Fallout eines solchen Unfalls werde je nach Windrichtung bis nach Singapur und Malaysia oder auch Australien reichen. Eine Katastrophe wäre ein Reaktorschaden auf jeden Fall für Java, wo etwa die Hälfte der mehr als 200 Millionen Indonesier leben.

Von den 20 Atomkraftwerken, die zurzeit weltweit gebaut werden, befinden sich 16 in Ost- und Südostasien. Die meisten davon in Indien und China. Greenpeace fordert die südostasiatischen Staaten auf, auf Kernenergie zu verzichten und stattdessen die reichen natürlichen Ressourcen wie Sonne oder Erdwärme zu nutzen. »Das ist sicherer und billiger.«

* Aus: Neues Deutschland, 16. Dezember 2008


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