Serbien und Montenegro, 18.06.2006 (Friedensratschlag)
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Aus eins mach zwei: Mit der Unabhängigkeit von Montenegro enstehen zwei weitere neue Staaten im ehemaligen Jugoslawien

Zwei Beiträge von Hannes Hofbauer - und ein Interview mit dem DPS-Fraktionschef im Parlament

Wir haben unserem Weltarchiv zwei weitere Staaten hinzugefügt, die aus dem auf dem Balkan seit den 90er Jahren in Gang befindlichen Spaltungs- und Zerschlagungsprozess hervorgegangen sind: Serbien und Montenegro, bislang noch die letzte schwache Erinnerung an den "Vielvölkerstaat" Jugoslawien, haben sich mit dem Votum der montenegrinischen Wähler am 21. Mai 2006 getrennt und bilden nun zwei selbständige Staaten. Womöglich ist ein Ende der "Balkanisierung" immer noch nicht erreicht: Die Statusverhandlungen um das Kosovo werden als Ergebnis höchstwahrscheinlich ebenfalls eine Separation dieser serbischen Provinz haben. Und der etnische Flickenteppich Bosnien-Herzegowina hat auch keinen Ewigkeitswert.
Im Folgenden dokumentieren wir gleich zwei Artikel aus der Feder des Balkan-Experten Hannes Hofbauer (Wien), der zudem noch den montenegrinischen Politiker Miodrag Vukovic interviewt hat.



Montenegro – Wunsch und Wirklichkeit

Entdeckungen im jüngsten Staat auf Europas Landkarte

Von Hannes Hofbauer, Podgorica*


Ein neuer unabhängiger Staat taucht auf der Landkarte Europas auf: Am 21. Mai dieses Jahres entschieden sich 55,5 Prozent der Teilnehmer einer Volksabstimmung in Montenegro für die Auflösung des Staaten-bundes mit Serbien. Bei einer Wahlbeteiligung von 86,3 Prozent waren das lediglich 47,9 Prozent der Stimmberechtigten. Zehntausende Montenegriner, die in Serbien leben, blieben ungefragt.

Am 3. Juni verkündete das Parlament in Podgorica die Unabhängigkeit. Die Schweiz und Island erkannten den neuen Staat als erste an, nachdem die EU die Volksabstimmung für demokratisch befunden und die Ergebnisse vollständig zu respektieren versprochen hatte.

Auf einer Fläche von 13 812 Quadratkilometern – kleiner als Schleswig-Holstein – leben 621 000 Einwohner. In der Landessprache heißt der Staat Crna Gora (Schwarzer Berg), der internationale Name Montenegro stammt aus dem Venezianischen. ND-Autor Hannes Hofbauer hat die Republik am Schwarzen Berg besucht und die Beiträge dieser Seite geschrieben.

Kein europäischer Staat hat so wenig Einfluss auf die Wirtschafts- und Finanzpolitik, die man als eine »eigene« gar nicht mehr bezeichnen kann, wie Montenegro. Unter Milo Djukanovic, zuerst Ministerpräsident, dann Präsident und schließlich wieder Regierungschef der kleinsten ehemals jugoslawischen Republik, wurde alles verkauft. 80 Prozent des früheren öffentlichen oder staatlichen Eigentums wurde in wenigen Jahren privatisiert. Und die liberal-nationale Elite ist stolz darauf. »Nirgendwo sonst in der ganzen Region konnte ein so hoher Anteil an Betrieben privaten Investoren übergeben werden«, freut sich der wirtschaftliche Chefberater der Regierung, Veselin Vukotic. Die letzten vier großen Privatisierungen sind in Vorbereitung: der Energiesektor, der Hafen Bar, das Weinkombinat »Plantaze« und die Eisenbahn. Danach kann sich Veselin Vukotiv zufrieden zurücklehnen: Der Staat ist am Ende.

Gewinner dieser rasanten Entwicklung sind neben ausländischen Unternehmen wie der belgischen Brauerei »Interbrew«, der französischen Bank »Société Generale«, der Dutch Telecom, einem japanischen Metallriesen, russischen und slowenischen Investoren vor allem die mehrere hundert Personen zählende Umgebung von Milo Djukanovic. Die hat es nämlich verstanden, die nach dem UNO-Embargo gegen Jugoslawien durch Schmuggel erwirtschafteten Milliarden mittlerweile weiß zu waschen und lukrativ anzulegen.

In aller Regel ging dieser Prozess folgendermaßen vonstatten: Ein ausländischer Investor fragte nach den Übernahmebedingungen für dieses Hotels oder jene Fabrik. Über den Preis wurde man sich schnell handelseinig, wenn der Kaufwillige ein »Joint venture« mit montenegrinischen Teilhabern einging. Diese blieben diskret im Hintergrund, beteiligten sich auch am größten Unternehmen des Landes, dem Aluminiumwerk CAP, und vielen anderen Privatisierungen und erhielten auf diese Weise Gelegenheit, die Schwarzgelder aus den legendären Zigaretten- und Drogengeschäften der 90er Jahre profitabel anzulegen. »Zehn Prozent haben das ganze Land beklaut«, empört sich der Nationalökonom und Vizepräsident der konservativen Volkspartei (NS), Zivko Pekovic, über diesen Vorgang, »und Vukotic ist dafür verantwortlich«.

Veselin Vukotic können die – statistisch gesehen – 80 Prozent verarmten Montenegriner nicht erschüttern. Seine ultraliberale Philosophie hat unter dem Deckmantel der Unabhängigkeitsbewegung die soziale Differenzierung zur Maxime erhoben. Die Einführung der D-Mark in Montenegro gilt als seine Idee. Als »Vater der DM« bekennt sich Vukotic offen zur staatlichen Ohnmacht. »Warum sollten wir eine Finanz- oder Wirtschaftspolitik brauchen?«, fragt er, und gibt auch gleich die Antwort: »Für ein kleines Land ist so etwas nicht nötig.« Montenegro sollte seiner Meinung nach Vorbild für eine »vollständig offene Marktwirtschaft« sein. »Wir wollen absolut nichts beschützen. Weder die Natur noch ich brauchen irgendeinen Schutz durch den Staat«, steigert sich der einflussreichste Ökonom des Landes in einen liberalen Rederausch und preist den Markt als Allheilmittel. Die Einkommensteuer von 15 Prozent und die reduzierte Mehrwertsteuer für Güter des täglichen Bedarfs sind ihm noch ein Dorn im Auge. Er plädiert für eine »Flat tax« auf alle Güter, Leistungen und Profite von einheitlich 10 Prozent. Basta!

Wie man in dieser Art neoliberalem Vorbildstaat lebt, wenn man in der Embargo-Ära kein Schwarzgeld angehäuft und dies in der anschließenden Privatisierung gewaschen hat, erzählt Vera. Sie arbeitet als Lehrerin an einer Hochschule, verdient monatlich 300 Euro und bekommt dazu 100 Euro Alimente vom Vater ihres Kindes. Eine Wohnung kann sie sich für dieses Geld nicht leisten, weshalb die 41-Jährige bei ihrer Mutter lebt. 150 Euro braucht sie fürs Essen, 50 für Telefon und Strom. Wenn sie oder die Tochter nicht zum Zahnarzt müssen oder sonst etwas Unvorhergesehenes passiert, reicht das Einkommen gerade zum Überleben. »Gesundheitliche Probleme können wir uns einfach nicht leisten«, meint sie und ergänzt mit einer gewissen Wut im Bauch, dass sie ihre soziale Stellung als demütigend empfindet.

Die montenegrinische Unabhängigkeit wird sie möglicherweise zusätzlich teuer zu stehen kommen. Denn die bisherigen Möglichkeiten, auf serbischen Universitäten kostengünstig zu studieren, wie sie von über 10 000 Montenegrinern mangels gleichwertiger Ausbildungschancen in Podgorica genutzt werden, sind in Zukunft nicht mehr selbstverständlich. Ein eigenes höheres Bildungswesen wird sich das kleine Montenegro nicht leisten können. »Wozu auch?«, lautet die dazu passende ultraliberale Philosophie, die in den Kreisen rund um Djukanovic en vogue ist.

* Aus: Neues Deutschland, 15. Juni 2006


"Javier Solana ist schuld daran"

Interview mit Miodrag Vukovic, Fraktionschef der Demokratischen Partei der Sozialisten*

Neues Deutschland: Herr Vukovic, was war eigentlich so schrecklich an der serbisch-montenegrinischen Gemeinschaft?

Vukovic: Es gibt keine Gemeinschaft mehr mit Serbien. Wir haben das 100 Jahre lang versucht – und 100 Jahre lang waren wir nicht glücklich damit.

Wenn es so war: Warum ist die Trennung denn nicht schon früher passiert?

Javier Solana ist schuld daran. Wir hätten uns vor 15 Jahren trennen müssen, aber er hat das verzögert.

Da müssen Sie Ihre Kritik aber auch an Milo Djukanovic richten. Vor 15 Jahren war er montenegrinischer Ministerpräsident, verstand sich als Serbe, war glühender Anhänger von Jugoslawien und von Slobodan Milosevic.

Aber das montenegrinische Parlament stimmte schon damals für die Unabhängigkeit, nur hat man nicht darauf gehört.

Was haben Sie mit jenen Ihrer Landsleute vor, die beim Referendum gegen die Unabhängigkeit gestimmt haben. Gibt es ein Projekt zu ihrer Integration?

Was haben die denn mit uns gemacht?

Als Mehrheitsführer müssen Sie sich doch für alle Menschen, die in Montenegro leben, zumindest bis zu einem gewissen Grad verantwortlich fühlen.

Es wird ihnen schon nichts passieren. Auch in Frankreich und den Niederlanden sind diejenigen, die gegen die Verfassung gestimmt haben, nicht verprügelt worden.

Müssen die Unionisten, die Sie als Serben bezeichnen, jetzt Angst vor Ihnen haben?

Ich habe auch Angst vor denen. Die sind radikal und haben mich daran gehindert, einen Staat zu haben.

Hat die montenegrinische Unabhängigkeit Folgerungen für Kosovo oder die Serbische Republik in Bosnien und Herzegowina?

Das spielt überhaupt keine Rolle. Serbien tritt die Nachfolge von Serbien-Montenegro an, das steht in der Verfassung von 2003.

Die Serben in Bosnien könnten sich jetzt zu Wort melden und auf das Vorbild Montenegro verweisen, wo internationale Grenzen verändert wurden?

Zum einen geht uns das überhaupt nichts an. Wir übernehmen keine Verantwortung dafür. Und zum anderen ist es schlicht unwahr, dass hier eine Grenzverschiebung stattfindet.

Aus der serbisch-montenegrinischen Union entstehen doch aber zwei völkerrechtliche Subjekte?

Das ist nicht korrekt. Es gab schon immer zwei Staaten.

* Miodrag Vukovic (51), studierter Jurist, war einst Mitglied des ZK des Bundes der Kommunisten Montenegros, aus dem die Demokratische Partei der Sozialisten (DPS) des heutigen Regierungschefs Milo Djukanovic hervorging. Vukovic führt die DPS-Fraktion im Parlament.

* Aus: Neues Deutschland, 15. Juni 2006




Kampf um Seelen und Kirchen

Serbisch- oder montenegrinisch-orthodox?

Von Hannes Hofbauer, Podgorica*


Die politische Auseinandersetzung um die Unabhängigkeit des kleinen Landes zwischen den schwarzen Bergen und der blauen Adria spiegelte sich auch im Kampf um Kirchenhäuser und Kirchengüter Montenegros wieder.

Zu Ostern 2006 war es wieder einmal so weit: Ein Priester versuchte mit einer Gruppe von Gläubigen, in der Kirche am Rande der historischen montenegrinischen Hauptstadt Cetinje eine Messe zu zelebrieren. Die Polizei wollte ihm dafür den Weg frei machen. Allein, der örtliche serbisch-orthodoxe Pope verweigerte den »Kirchenspaltern« den Zutritt, verbarrikadierte sich im Gotteshaus und ließ die aufgebrachte Menge wissen, dass er das Terrain nicht kampflos zu räumen gedenke.

Schon seit Jahren radikalisiert sich der Konflikt um die Kirchen und die Seelen der Montenegriner. Spätestens nachdem sich der Pope Radomir Nikcevic im Jahr 2000 in seiner Vlaska-Kirche in Cetinje einsperren ließ und fremden Priestern der neu gegründeten montenegrinisch-orthodoxen Glaubensgemeinschaft den Zutritt verwehrte, wird dieser Konflikt mit körperlichem Einsatz geführt.

Der Kampf um Kirchenhäuser und Kirchengüter hat nur vordergründig etwas mit Religion zu tun. Dahinter steckt eine politische Auseinandersetzung, die eng mit der Frage der Unabhängigkeit des kleinen Landes zu tun hat. Zusätzlich geht es freilich ganz materiell um die Besitzungen der serbisch-orthodoxen Kirche in Montenegro.

Ostkirchen sind, anders als der weströmische Katholizismus, der sich als universalistisch versteht, in ihrem Selbstverständnis Nationalkirchen. Und so betrachtet sich auch die serbisch-orthodoxe Kirche mit ihrem Oberhaupt Pavle als Hüterin der Glaubensfragen aller Serben, gleich ob die selbst gläubig sind oder nicht. Die in Montenegro bisher gültige jugoslawische Verfassung des Jahres 1992 nahm darauf Rücksicht und anerkannte neben der katholischen Kirche (für die kroatische und Teile der albanischen Minderheit) sowie dem Islam (für die großteils muslimischen Bewohner des Sandschak und die Mehrheit der Albaner) die serbisch-orthodoxe Kirche als Glaubensgemeinschaft. Religionsfreiheit innerhalb der orthodoxen Gemeinschaft läuft dem Wesen einer Nationalkirche indes zuwider. Vor diesem Grundverständnis schlagen sich Bestrebungen einer nationalen »Wiedergeburt«, wie sie derzeit in Montenegro Konjunktur haben, automatisch im Kirchenkampf nieder. Sowohl die serbisch-orthodoxe als auch die neu gegründete montenegrinisch-orthodoxe Kirche erheben Anspruch auf sämtliche Besitzungen und sämtliche Gläubigen.

Eine autokephale, das heißt national unabhängige montenegrinische Kirche mit eigenem Synod existiert seit den 1920er Jahren nicht mehr. Damals hatte der serbische König Alexander Karadjordjevic im Zuge der Gründung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen (des so genannten SHS-Staates) die ohnehin schwache montenegrinische Kirche dem serbischen Patriarchat angeschlossen. Das war historisch über Jahrhunderte (mit Ausnahme der montenegrinischen Unabhängigkeit zwischen 1878 und 1918, die jedoch nur das Bergland und einen schmalen Küstenstreifen betraf) für die Seelenbetreuung der Christen in Montenegro verantwortlich. Selbst die nationale Integrationsfigur Montenegros, der Dichterfürst Petar II. Petrovic Njegos, der die Geschicke des Landes vor dessen internationaler Anerkennung bis 1851 lenkte, verstand sich als serbisch-orthodoxer Bischof, seine Schriften werden der serbischen Literatur zugerechnet.

Montenegrinisch als Nationalgefühl entstand erst zwei Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg und wurde im November 1918 von der Nationalversammlung in Podgorica wieder zu Grabe getragen. Die beschloss nämlich mehrheitlich die Beteiligung am SHS-Staat unter serbischer Fahne. Der NATO-Krieg gegen Jugoslawien und die Abkehr der montenegrinischen Führer von Slobodan Milosevic stärkte Ende der 90er Jahre erneut eine montenegrinische Identität. Bei der letzten Volkszählung des Jahres 2003 bekannten sich 43 Prozent der Bevölkerung als Montenegriner, 32 Prozent als Serben, 12 Prozent als slawische Muslime oder Bosniaken und 6 Prozent als Albaner.

Im Jahr 2000 ließ sich der abtrünnige Priester Miraz Dedejc als »Mihailo« zum Chef einer montenegrinisch-orthodoxen Kirche ausrufen und meldete dies auch polizeilich an. Die oströmische Kirchenhierarchie vom serbisch-orthodoxen Pavle bis hinauf zum Papst der Ostkirchen, Bartholomaios I. in Konstantinopel, erkannte diesen Schritt jedoch nicht an. »Die so genannten Autokephalen kämpfen einzig um die Verwirklichung politischer Ziele«, meint dazu auch der Pope Welibor Domic aus Podgorica, der gerade einen monströsen Kirchenneubau mitten in der Hauptstadt hochziehen lässt.

Den »Autokephalen« Mihailo treffen wir in seinem kleinen Haus oberhalb der geistigen Metropole Cetinje. Die Bischofskette ziert seinen Talar, an der Wand hängen allerlei Devotionalien der montenegrinischen Geschichte. Das Land sei von Serben besetzt, lautet sein Tenor: »Keiner hier in Montenegro will die serbisch-orthodoxe Kirche.« Auch er sieht im Kirchenstreit politische Hintergründe: »Der Kampf gegen uns geht von den Serben aus, die Montenegros Unabhängigkeit verhindern wollen.« Die Frage, wer denn nun Serbe und wer Montenegriner sei, verbietet sich angesichts dermaßen starker Glaubenskraft.

* Aus: Neues Deutschland, 15. Juni 2006


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