In Ruanda entsteht einmaliges Methankraftwerk, 30.06.2009 (Friedensratschlag)
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Strom aus dem See

In Ruanda entsteht ein weltweit einmaliges Methankraftwerk

Von Marc Engelhardt, Kigali *

In Ruanda ist der Grundstein für ein Methankraftwerk gelegt worden. Ab Ende kommenden Jahres sollen damit 100 Megawatt erzeugt werden - mit Gas, das am Boden des Kivusees lagert.

Der Zeitpunkt für den Festakt war geschickt gewählt: während in New York ein Gipfeltreffen über die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Entwicklungsländer eröffnet wurde, legte Ruandas Premierminister Bernard Makuza in Kibuye am Kivusee feierlich den Grundstein für ein weltweit einzigartiges Kraftwerk. Der zentralafrikanische Zwergstaat will fünfzehn Jahre nach dem Genozid in die Zukunft investieren. Spätestens Ende kommenden Jahres soll das Methan-Kraftwerk in Kibuye 100 Megawatt in Ruandas Stromnetz einspeisen - doppelt so viel wie bisher vorhanden. Das Methangas für das Kraftwerk kommt vom Grund des bis zu 600 Meter tiefen Sees.

»Schon seit November vergangenen Jahres pumpen wir Methan vom Grund des Kivusees herauf und treiben damit einen Generator an«, erklärt Eva Paul, in Ruandas Infrastrukturministerium für Energiefragen zuständig. Mit dem Kraftwerk in Kibuye, das von der amerikanischen Firma Contour Global gebaut und betrieben wird, soll das Methan erstmals kommerziell genutzt werden. Ein Konsortium, an dem Aga Khan beteiligt ist, verhandelt derzeit über die Lizenz, mit dem Methan vom Seegrund noch einmal 100 Megawatt Strom zu erzeugen.

Das Projekt ist so einmalig wie der Kivusee, der im ostafrikanischen Rift Valley liegt, wo sich seit 18 Millionen Jahren zwei Landmassen auseinander bewegen. Die damit verbundene vulkanische Aktivität brachte große Mengen Kohlendioxid und Schwefelwasserstoff an den Seegrund. Dazu kommt Methan, erzeugt von Bakterien, die am Grund des Sees organisches Material zersetzen. Auf 55 Milliarden Kubikmeter wird das Methanvorkommen geschätzt, das entspricht der Energie von 40 Millionen Tonnen Öl.

Die Technik ist recht simpel: durch Rohre, die von einem Floß mehrere hundert Meter in die Tiefe gelassen werden, steigt das Gas nach oben. Weil der Druck in den oberen Wasserschichten abnimmt, trennen sich Wasser und Gase voneinander. Gut 20 Meter unterhalb der Wasseroberfläche wird das Wasser-Gas-Gemisch durch eine Frischwasserkammer geleitet, wo sich CO2 und Schwefelwasserstoff dank der in dieser Tiefe vorherrschenden Druck- und Temperaturverhältnisse wieder im Wasser lösen. Das Methan hingegen steigt weiter an die Oberfläche. Von dort wird es über Rohre direkt in ein Gaskraftwerk am Ufer geleitet.

Anand Chaurasia, Direktor einer Bierbrauerei in Gisenyi, kennt das System aus eigener Erfahrung. 18 Jahre lang wurde Chaurasias Brauerei von einem noch kleineren Vorläufer mit Methangas versorgt, bis der Spezialgenerator 2004 zusammenbrach. »Seitdem müssen wir Strom mit Diesel erzeugen, das hat meine Kosten verdreifacht.«

Die Nutzung des Methans ist nicht nur billig, sie soll zudem einer anderen Gefahr vorbeugen: Wissenschaftler warnen, dass die CO2-Vorkommen in der Tiefe sich etwa alle 1000 Jahre in einer abrupten Explosion den Weg an die Oberfläche bahnen. Bei einem solchen Ereignis in Kamerun erstickten 1986 rund 1700 Menschen. Dass das Gas aus der Tiefe hochgepumpt wird, verringert den Druck dort - und damit, so hoffen die Wissenschaftler, auch die Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe.

Eva Paul ist unterdessen sicher, dass das Methan für weit mehr gut ist als nur für Strom. »Wir haben eine Studie in Auftrag gegeben, die die Herstellung von Kunstdünger aus Methan prüft«, so Paul.

* Aus: Neues Deutschland, 29. Juni 2009


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