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Alles wegen einer kleinen Olive / All Because of a Small Olive

Darum kam die Scharon-Ben-Eliezer-Peres-Regierung zu Fall / That's why the Sharon-Ben-Eliezer-Peres government has collapsed

Am 2. November schrieb Uri Avnery (Israel) eine Geschichte, mit der er das Auseinanderbrechen der Regierungskoalition erklärte. Der Text, den er uns schickte, war überschrieben mit: "All Because of a Small Olive". Ellen Rohlfs übersetzte die Geschichte und platzierte sie (am 7. November) in der Tageszeitung "junge Welt". Wir dokumentieren nun die deutsche Übersetzung sowie das englische Original mit einer etwas abgewandelten Überschrift.


Von Uri Avnery

Es beginnt wie eine Kindergeschichte: Es war einmal eine kleine Olive in einem palästinensischen Dorf. Sie wuchs und reifte an einem Zweig eines alten Baumes im Olivenhain ganz oben auf einer Hügelkuppe.

Sie wurde immer reifer, aber die Pflücker kamen nicht. Sie konnten sie nicht erreichen, weil die israelischen Siedler zwei Wohnmobile auf die Hügelkuppe gesetzt hatten, und so das ganze Gebiet zu einer »Sicherheitszone« dieses Außenpostens geworden war. Als die Besitzer des Olivenhaines sich näherten, wurden sie von den Siedlern beschimpft, geschlagen und zuletzt sogar beschossen. Dies geschah an Dutzenden von Orten überall in der Westbank.

Die Dorfbewohner riefen die israelische Armee um Hilfe, denn diese kontrollierten ja jetzt wieder alle palästinensischen Gebiete. Aber die Armee kam nicht, um sie zu beschützen. Viele der Armeeoffiziere waren selbst Siedler. Die Armee betrachtete es als ihre Aufgabe, die Siedler zu verteidigen, anstatt sie anzugreifen. Als die Armee schließlich eingriff, vertrieb sie die Dorfbewohner aus ihren eigenen Olivenhainen rund um die Außenposten. In ihrer Notlage riefen die Dorfbewohner dann die israelischen Friedensgruppen um Hilfe. Nun besteht das israelische »Friedenslager« aus zwei Teilen. Das eine, rund um »Peace now« (Frieden jetzt), ist mit der Arbeiterpartei verbunden, die in der Regierung war. Der Parteivorsitzende war auch der Verteidigungsminister und darum verantwortlich für all die schlimmen Dinge, die sich in den palästinensischen Gebieten ereigneten.

Der andere Teil des Friedenslagers besteht aus vielen radikalen Gruppen wie »Gush Shalom« (das die die gängigen politischen Mythen analysiert und widerlegt), »B’tselem« (sammelt und veröffentlicht Daten über Menschenrechtsverletzungen) oder »Yesh Gvul« (hilft Soldaten, die den Dienst in den besetzten Gebieten verweigern). Die Aktivisten dieser Organisationen gingen hin, um Oliven zu pflücken und gleichzeitig den Dorfbewohnern als menschliche Schutzschilde zu dienen. Ihnen schlossen sich europäische Friedensaktivisten an. An manchen Tagen sind Dutzende von israelischen und internationalen Aktivisten in den Olivenhainen, am Sabbat Hunderte. Sie sind auf mehrere Dörfer verteilt, gehen die Hügel hinauf und werden von den Siedlern angegriffen. Bei Dutzenden von Zwischenfällen schossen die Siedler entweder in die Luft oder auf den Boden rund um die Olivenpflücker. Davon erfuhr

die Öffentlichkeit wochenlang nichts. Denn unter den Medien gibt es ein verabredetes Stillschweigen über die Existenz eines radikalen Friedenslagers. »Peace Now!« wird irgendwie als zum nationalen Konsens gehörig betrachtet, weshalb über deren Aktionen – wenn auch nur knapp – berichtet wird. Über Aktivitäten der anderen Kräfte (der »zutiefst Linken« wie sie der frühere Ministerpräsident Ehud Barak nannte, der sie verabscheut) wurde überhaupt nicht berichtet, es sei denn, es war mit Blutvergießen verbunden.

Aber langsam sickerten auch in den Medien Berichte über den Olivenkrieg durch: über die Siedler, die die Palästinenser wegjagten und ihnen die schon gepflückten Oliven stahlen; über Siedler, die, nachdem sie die Besitzer der Olivenhaine vertrieben hatten, selbst ernteten und über Siedler, die die Haine in Brand setzten. Schließlich pflückte eine Gruppe berühmter Schriftsteller Oliven. Die Medien, die die engagierte Arbeit von Hunderten von anonymen Aktivisten ignorierten, waren glücklich, auf Berühmtheiten wie Amos Oz, A.B.Yehoshua, David Grossman und Me’ir Shalev zu treffen. Olivenpflücken wurde auf einmal Konsens. Außerdem waren die Siedler in weiten Teilen der Öffentlichkeit nicht beliebt. Der Zorn über sie wuchs, als bekannt wurde, daß man den Armen in Israel große Summen von Geld wegnahm, um die Siedlungen damit zu mästen. Der Zorn war vermischt mit der Sorge um die Soldaten, die, häufig von Siedlern angegriffen, ihr Leben riskierten, um entfernt gelegene, halbleere Siedlungen zu schützen.

Dies hatte auch einen indirekten Einfluß auf Benjamin Ben-Elieser. Er nahm die sich verändernde Stimmung in der Öffentlichkeit wahr und entschied, daß es nun in seinem Interesse und in dem der Partei sei, die Regierung zu verlassen. Er suchte nach einem Vorwand. Öffentliche Meinungsumfragen ergaben, daß die Siedler jetzt die unbeliebteste Gruppe im Land seien. Er verlangte plötzlich, daß die Regierung das für die Siedlungen bestimmte Geld den Rentnern geben solle. Nun sind die Siedlungen der Hauptpunkt der Auseinandersetzungen geworden. Künftig wird die Arbeiterpartei gezwungen sein, ein Anti-Siedlungsprogramm vorzustellen. Somit wird der Slogan einer kleinen »marginalen« Minorität zum Programm eines großen Lagers.

Dies ist wieder einmal ein Beispiel für die Doktrin des »kleinen Rädchens«, wie wir es schon vor Jahrzehnten formulierten: Ein kleines Zahnrad, von starkem unabhängigem Antrieb bewegt, dreht ein größeres Rad, das ein noch größeres antreibt...bis die ganze große Maschine sich zu bewegen beginnt. In dieser Weise kann eine kleine politische Gruppe mit einer unabhängigen und klaren Agenda einen entscheidenden politischen Prozeß in die Wege leiten, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

Wir haben einen weiten Weg vor uns. Es ist nun jedoch bewiesen, daß Dinge in die andere Richtung bewegt werden können. Vielleicht ist eine kleine Olive auf dem Hügel mächtiger als eine Ein-Tonnen-Bombe.

Aus dem Englischen von Ellen Rohlfs


All Because of a Small Olive

Why has the Sharon-Ben-Eliezer-Peres government collapsed? Because of a small olive.

It started like a children's tale: Once upon a time there was a small olive in a Palestinian village. It grew and ripened on a branch of an old tree in a grove on the top of a hill. "Pick me! I want to give my oil!" the little olive pleaded.

But it went on ripening, and the pickers did not come. They could not reach it, because the settlers had set up two mobile homes on the hill, and the whole area became a "security region" of this outpost. When the owners of the grove approached, the settlers cursed them, beat them up and started shooting. This happened at dozens of locations all over the West Bank.

The villagers called the IDF, which now controls all the Palestinian territories. But the army did not come to protect them. Many of the army officers are themselves settlers. The army considers that its job is to defend the settlers, and does not like the idea of confronting them. When the army did interfere, it was to drive the villagers out of their groves near the outposts.

In their plight, the villagers called on the Israeli peace organizations. They found them willing.

The Israeli "peace camp" consists of two parts. One, centered around "Peace Now", is connected with the Labor party, which was a pillar of the government. The party chief served as Minister if Defense and was, therefore, responsible for all the iniquities committed in the Palestinian territories.

The other part of the peace camp consists of many radical groups, each active in its chosen sector. "Gush Shalom" is a political and ideological center. "Taayush", an Arab-Jewish Israeli group, is aiding the besieged Palestinian population. "B'Tselem" collects and publishes data, as does the "Alternative Information Center". "Physicians for Human Rights" does a wonderful job in the medical field, while the Women's Coalition for Peace and Bat-Shalom combine human rights activities with a feminist agenda. "The Committee against House Demolition" initiates the rebuilding of homes destroyed by the army, and "Rabbis for Human Rights" is acting on behalf of the (unfortunately, tiny) religious community that does not follow the fanatical nationalist banner. "Machsom Watch" reports and tries to prevent abuses at the checkpoints. "Yesh Gvul" helps soldiers who refuse to serve in the occupied territories. "New Profile" is active in the same area. The list is long. Activists of different groups frequently cooperate, and many belong to more than one.

The activists of these organizations volunteered to help the villagers. They went out to pick olives and to defend the villagers as a "human shield". They were joined by European peace activists, who comw in shifts to help the occupied Palestinian population. On some days there were dozens of Israeli and international activists in the groves, on Saturdays there were hundreds. They were dispersed in different villages, went up the hills and were attacked by the settlers. In dozens of incidents, the settlers started shooting into the air and at the ground around the olive pickers.

During long weeks, the public did not hear anything about these events. There is a conspiracy of silence in the media concerning the very existence of a radical peace camp. "Peace Now" is considered somehow as belonging to the national consensus, and therefore its actions are (scantily) reported. The actions of the more principled and energetic forces ("The Deep Left" in the words of former Prime Minister Ehud Barak, who abhors them) were not reported at all, unless there was bloodshed.

But slowly, reports about the War of the Olives began to infiltrate the media: about the settlers driving the Palestinians away and robbing them of the olives they had picked; about settlers who picked the olives in the groves themselves after driving the owners away; about settlers setting fire to groves; about the former Chief Rabbi, who announced that Jews are justified in taking away the fruits for which the Arab villagers had toiled, because God has given the fruit of the Land to the Jews.

The conspiracy of silence was finally broken when a group of famous writers organized a token olive picking. The media, which had ignored the devoted work of the hundreds of anonymous activists, were happy to join celebrities like Amos Oz, A.B. Yehoshua, David Grossman and Me'ir Shalev. The olive picking became part of the consensus.

The settlers have never been popular with great parts of the public. The anger grew when it became known that the poor in Israel were deprived of large sums of money in order to fatten the settlements. The anger was mixed with anxiety for the soldiers, who were frequently beaten by the settlers, while risking their lives to protect remote, half-empty settlements. The stories about the cruel harassment of defenseless olive pickers were just too much. They evoked repulsion and loathing even in the Silent Majority.

This had an indirect impact on Binyamin Ben-Eliezer, too. He noticed the changing public mood and decided that it is now in his and the party's interest to leave the government. He was feverishly looking for a pretext. Public opinion polls indicated that the settlers are now the most unpopular group in the country. He decided, therefore, to break up the government on the point. He suddenly demanded that the government take away money from the settlements and give it to the pensioners.

This was only a pretext, but it shows that a great part of the public is fed up with the settlements. At long last, the settlements have become the central object of controversy. While Ariel Sharon is trying to set up a government based on the settlers and their allies on the extreme right, the Labor Party, now in opposition, will be compelled to present an anti-settlements program. Thus, the slogan of a small, "marginal" minority is becoming the program of a large camp.

This is an example of the working of the "small wheel" doctrine formulated by us decades ago: a small wheel with a strong independent drive turns a bigger wheel, which turns an even bigger wheel, and so on, until the whole big machine starts operating. That's how a small political group, with an independent and determined agenda, can drive decisive political processes when the timing is right.

We still have a long way to go. The danger of fascism is still hovering over this country. However, it has now been proven that things can be moved in the opposite direction.

Perhaps the small olive on the hill is mightier than a one-ton bomb.


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