Zur Situation palästinensischer Kinder, 28.06.2004 (Friedensratschlag)
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"Die Mehrheit der Kinder ist schwer psychisch gestört, traumatisiert"

Ein Unicef-Bericht und eine Reportage der ARD zur Situation palästinensischer Kinder in der Westbank und im Gazastreifen

Israelische und palästinensische Kinder und Jugendliche kennen kein Leben ohne Angst. Die Gewalt in ihrer Heimat ist ihr Alltag. UNICEF-Botschafterin Sabine Christiansen besuchte vom 30. Mai bis 3. Juni 2004 Haifa, Jerusalem, Ramallah, Gaza und Rafah, um sich über die Lage der Kinder zu informieren. In einer Reportage für tagesschau.de schildert die TV-Moderatorin ihre Erlebnisse und was die unschuldigsten Opfer des blutigen Konflikts ihr erzählten.
Wir dokumentieren Ausschnitte aus der sehr einfühlsamen und informativen Sendung von Frau Christiansen. Zunächst aber eine Hintergrundinformation von Unicef (www.unicef.de)


Zur Situation palästinensischer Kinder

Kinder zahlen den höchsten Preis für die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten. Seit Beginn der so genannten Al-Aksa-Intifada im September 2000 wurden über 650 Kinder getötet. Mindestens 552 kamen aus dem Gazastreifen und der Westbank, 105 aus Israel, zwei Kinder aus dem Ausland. Tausende Minderjährige wurden bei Kämpfen und Anschlägen verletzt. Der Alltag von 1,6 Millionen Kindern und Jugendlichen in den palästinensischen Autonomiegebieten ist geprägt durch wachsende Armut, Hoffnungslosigkeit und Gewalt. In Israel leben Heranwachsende in ständiger Angst vor Anschlägen.

UNICEF unterstützt seit dem Oslo-Abkommen von 1993 den Aufbau einer sozialen Grundversorgung der Kinder in den palästinensischen Autonomiegebieten. Doch das faktische Ende des Friedensprozesses und die Zerstörung von Teilen der Infrastruktur zwingen UNICEF dazu, auch Nothilfeprogramme zur Versorgung mit Medikamenten und Impfstoffen durchzuführen. Ein Schwerpunkt der UNICEF-Arbeit sind heute psychosoziale Hilfen für palästinensische Kinder in Jugendgruppen.

Bevölkerung

In der West Bank und im Gazastreifen leben rund drei Millionen Palästinenser, mehr als die Hälfte davon (53%) sind Kinder und Jugendliche. Die Geburtenrate in den palästinensischen Autonomiegebieten ist zwar immer noch mit fünf bis sechs Kindern pro Frau eine der höchsten weltweit, doch nimmt sie seit einigen Jahren kontinuierlich ab. 1,6 Millionen Menschen in der Westbank und im Gazastreifen gelten als Flüchtlinge, von denen rund 650.000 in 27 Flüchtlingslagern leben. Im Libanon, in Syrien und Jordanien leben weitere 2,5 Millionen palästinensische Flüchtlinge.

Wirtschaftliche Lage

Seit 2000 hat sich die wirtschaftliche Lage der Familien in Westbank und Gaza dramatisch verschlechtert. Ausgangssperren und Reisebeschränkungen erschweren die Versorgung der Bevölkerung. Viele Betriebe und Geschäfte mussten schließen. Jeder zweite Erwachsene ist arbeitslos. Nach Angaben der Welt Bank (2004) lebt heute die Hälfte der Palästinenser unterhalb der Armutsgrenze und muss mit weniger als zwei US-Dollar am Tag auskommen. Nach einer Umfrage haben zwei Drittel der Familien wegen Geldmangel, Ausgangssperren und Geschäftsschließungen, Probleme ausreichend Nahrung zu beschaffen. Es mangelt insbesondere an Früchten, Fleisch und Milchprodukten. Der Bau des "Schutzzauns", der Israel vor palästinensischen Selbstmordanschlägen schützen soll, erschwert die Versorgungs- und Arbeitsmöglichkeiten weiter.

Gesundheit

Der Gesundheitszustand der Kinder in den Autonomiegebieten hat sich in den vergangenen Jahren verschlechtert. Fast jedes vierte Kind leidet heute unter Blutarmut aufgrund mangelhafter Ernährung. Müdigkeit und Konzentrationsschwächen sind die Folge. Nahrungsdefizite sind außerdem der Grund für Wachstumsstörungen. Reisebeschränkungen und Ausgangssperren erschweren den Zugang zu Krankenhäusern. 43 Kinder wurden an israelischen Kontrollpunkten geboren. 27 der Babys haben die Geburt nicht überlebt. Die Kindersterblichkeit ist mit 29 Todesfällen pro 1.000 Geburten etwa sechsmal so hoch wie in Deutschland. 90 Prozent der Kinder sind zwar gegen die gefährlichsten Kinderkrankheiten geimpft. Doch es wird befürchtet, dass in der gegenwärtigen Situation diese hohe Impfrate nicht aufrechterhalten werden kann.

Bildung

Militäraktionen und Straßenblockaden führen dazu, dass jeden Tag etwa ein Drittel aller Schüler Probleme hat zur Schule zu kommen. In rund 500 Schulen kam es im letzten Schuljahr zu Unterrichtsausfällen und zeitweiligen Schließungen. In den Städten Jenin, Tulkarem und Qalqilia in der Westbank hat der Bau des Schutzzauns dazu geführt, dass viele Kinder und Lehrer nicht mehr ihre Schule erreichen können. Zwischen 2000 und 2003 wurden 269 Schulen bei Militäraktionen beschädigt.

Trauma

80 Prozent der palästinensischen Kinder leiden unter psychischen Problemen wie Schlafstörungen, Ängsten und Konzentrationsschwierigkeiten. Insbesondere kleinere Kinder haben Albträume, machen ins Bett und leiden unter Angstzuständen. Psychosomatische Probleme wie Kopfschmerzen, Magenschmerzen und Hautkrankheiten haben zugenommen. Während viele mit Apathie und Rückzug reagieren, schlagen bei einigen, Frustration, Demütigung, Verzweiflung und Patriotismus in Gewaltbereitschaft um. Allerdings beteiligt sich - entgegen der Darstellung in internationalen Medien - nur eine kleine Gruppe der Heranwachsenden an Straßenkämpfen. Rund 2.500 palästinensische Kinder wurden seit dem Jahr 2000 vorübergehend festgenommen, 377 von ihnen waren im April 2004 in israelischer Haft. Rund die Hälfte der minderjährigen Gefangenen ist jünger als 16 Jahre.

UNICEF Hilfe in der Westbank und im Gazastreifen

Trotz anhaltender Gewalt und Unsicherheit sowie eingeschränkter Bewegungsmöglichkeiten führen sechs regionale UNICEF-Büros (Gaza, Rafah, Hebron, Jenin, Tulkarem und Nablus) in den Autonomiegebieten zentrale Hilfsprogramme durch. Allein im Jahr 2003 umfassten diese:
  • die Bereitstellung von Impfstoffen und Medikamenten für 384.000 Kinder und 100.000 Mütter. So wurde eine Impfrate von 90 Prozent der Kinder gegen die gefährlichsten Infektionskrankheiten sichergestellt.
  • UNICEF unterstützte die Einrichtung von Nachholklassen für 150.000 Kinder, die auf Grund von Militäroperationen nicht zur Schule gehen konnten.
  • 52.000 Kinder und Jugendliche nahmen an Spiel- und Sportaktivitäten in Sommerlagern teil.
  • UNICEF unterstützte die Ausbildung von 300 Sozialarbeitern, damit sie Heranwachsenden mit psychischen Problemen helfen können. Eine kostenlose landesweite Telefonhotline für Kinder und Jugendliche wurde eingerichtet. Weiter wurden 14 sichere Spielplätze in besonders vom Konflikt betroffenen Gemeinden gebaut.
  • In Jenin, Rafah, Gaza, Jericho und Jenin organisierte UNICEF Kinder- und Jugendversammlungen, in denen die Heranwachsenden ihre Interessen artikulieren, friedliche Konfliktlösungsstrategien lernen und an der Gestaltung des öffentlichen Lebens mitwirken.
Juni 2004

Nahost: Kinder zwischen den Fronten

Von Sabine Christiansen (Auszüge)

Ihre Stimme ist laut und erregt, ihre dunkelbraunen, großen Augen blicken mich fast flehentlich an, als die elfjährige Rana von ihren nächtlichen Träumen erzählt: "Ich sehe einen Garten, in dem die Vögel zwitschern und viele Blumen blühen. Meine Mutter sehe ich lachen, und mein Bruder fährt ein neues Fahrrad." Sie setzt sich neben mich und bittet die Lehrerin zu übersetzen: "Du kannst doch als UNICEF-Botschafterin etwas dafür tun, dass die Träume wahr werden, oder?" Und sie glaubt es selbst nicht. Jeder Kindertraum hier in Rafah im Gaza-Streifen dauert nur so lang, bis die Kampfhubschrauber oder Panzer kommen.

Während das kleine, palästinensische Mädchen weiter erzählt, fallen unweit von uns Schüsse. Israelische Soldaten feuern aus einem Panzer heraus auf die Zurub Siedlung. Die Kugeln treffen zwei Mädchen der UN-betreuten AL Omarya Elem Schule. Sie sacken verletzt zusammen. Querschläger gibt es jeden Tag irgendwo im Gaza-Streifen. Meist aber gezielte Gewalt, besonders im Stadtgebiet und Flüchtlingslager Rafah.

Gewalt in Gaza

Seit Beginn der israelischen Militäroffensive in diesem Palästinenser-Gebiet ganz im Süden Israels an der Grenze zu Ägypten wurden im Gaza-Streifen zirka 100 Palästinenser getötet. Es waren die schwersten Kämpfe seit Jahren. Vor einem Abzug aus Gaza will die Regierung Scharon Nachschubwege und Basen von Terroristen zerstören.

Die Tötung von Zivilisten und Kindern hat aber damit wenig zu tun. "Sie zerstören mit ihren Panzern und Kampfhubschraubern unsere Häuser. Hunderte von Familien sind obdachlos, Straßen zerstört, Krankenhäuser voll mit vielen Verwundeten", sagt uns Emad Sha`at von der palästinensischen Autonomiebehörde.
(...)

Kein Wasser, kein Strom, keine Jobs

Die tägliche Gewalt hinterlässt tiefe Spuren. Die Mehrheit der Kinder ist schwer psychisch gestört, traumatisiert. Sie leben in ständiger Angst, die Familie bietet kaum Schutz, für radikale Organisationen sind sie leichte Beute. Die Panzer zerpflügen auf ihrem Weg gezielt Wasser und Stromleitungen und zerstören damit die Lebensgrundlagen in Rafah.

Das Elend dieser Region nimmt immer größere Ausmaße an. In den vergangenen vier Jahren der Intifada wuchs die Armut im Gaza-Streifen von 20 auf 80 Prozent. "Hier gibt es keine Jobs, und in Israel lassen sie uns nicht mehr arbeiten", klagen Dutzende junger Männer, die mit uns gemeinsam an einem der vielen Checkpoints an der Straße stundenlang warten müssen. Die blauen Flaggen und die großen UN-Kennzeichnungen an unseren weißen Jeeps nützen uns wenig, wir warten in riesigen Schlangen mit Dutzenden Palästinensern in ihren Autos aufs Fortkommen.
(...)

Die Sehnsucht der Kinder nach Frieden

Am nächsten Tag brechen wir in aller Herrgottsfrühe zur Grenze nach Israel auf. Die knapp sechsstündigen Kontrollen und Wartezeiten vom Vortag haben uns gewarnt. Und schon wieder stecken wir zwei Stunden fest, selbst als Europäer, die einfach nur nach Israel zurück wollen. Keiner weiß warum, keiner gibt Auskunft. "Und so ergeht es uns täglich. Wie sollen wir effektiv helfen", klagt einer unserer UNICEF-Kollegen aus Gaza.

Weit schlimmer noch werden die Palästinenser behandelt, die eine Durchgangserlaubnis haben möchten, aber trotzdem bei der Einreise wie Menschen dritter Klasse behandelt werden. "An diesen Checkpoints mit ihren Erniedrigungen für unser Volk rekrutiert die Hamas massenweise Selbstmordattentäter, auch und gerade unter Jugendlichen", sagt mir der Bürgerrechtler Mamdouh Aker.

Eine staubige Straße in Ost-Jerusalem. Ich stehe fassungslos an einer riesigen, neun Meter hohen Betonmauer, die diese wundervolle Stadt nun kilometerlang teilen soll. Sie ist so grau wie jene, die früher Berlin teilte.

Eingemauert

Das Gefühl ist beklemmend. Dahinter ist Israel, davor steht ratlos der alte Djamal. Der Barmann hat sein Cafehaus direkt vor dieser "Gefängnismauer". Jetzt kann er es schließen, denn keiner kommt mehr an diesen tristen Ort.

Von der Weltöffentlichkeit fast unbemerkt mauert Israel die Palästinenser ein. 621 Kilometer wird der antipalästinensische Schutzwall eines Tages lang sein, wenn er denn in zwei Jahren vollendet ist. Die israelische Regierung sagt, so wolle man sich gegen die Selbstmordbomber schützen. (...)

Dieses Bollwerk soll Schutz gegen den Terror sein. "Ich glaube nicht, dass es wirklich hilft", sagt Jelena. Die 25-jährige Jüdin aus Russland wurde vor einem Jahr Opfer eines Bombenanschlags. Im Bus der Linie 37 starben auf dem Weg zur Uni Haifa am 5. März 2003 17 Menschen, 32 wurden zum Teil schwer verletzt. Sie hat immer noch Splitter im Körper, ist seit Monaten in psychischer Behandlung. "Ich empfinde trotzdem keinen Hass - gegen wen?" sagt sie in einer Diskussion, die ich mit jüdisch-arabischen Studenten an der Universität Haifa führe. Dort studieren Juden, Araber, Drusen, Neueinwanderer. Dort herrscht eine tolerante Atmosphäre zwischen allen.

"Aber - wer einmal den Terror erlebt, den verändert es. Ich bin ein anderer Mensch seitdem ich Opfer des Anschlags auf ein Restaurant hier in Haifa wurde", sagt Zola aus Moldawien. Gilat (30) ist Sprecher des Studentenparlaments und Reserveoffizier der israelischen Armee. "Wenn ich im Gaza-Streifen im Einsatz bin, tue ich das, was mir befohlen wird. Hier diskutiere ich mit meinen arabischen Freunden darüber, wie Frieden möglich wäre." Israelische und palästinensische Kinder und Jugendliche eint die große Sehnsucht nach Frieden. Sie sind die unschuldigsten Opfer dieses jahrzehntelangen, blutigen Konflikts. Schäden an den Seelen

"Wenn wir in Sommercamps (auch diese unterstützt UNICEF) zusammen spielen und lernen können, dann gibt es keine Unterschiede. Ich sehe dann in den Nachrichten einen Anschlag und verstehe nicht, warum. Ich verstehe aber auch nicht, wieso unsere Soldaten auf Kinder schießen", fragt Reut (15), und viele ihrer Mitschüler an der Jerusalemer Adams School stimmen ein.

"Die Schäden an den Seelen sind nicht zu ermessen", weiß Lyad Zaquot (34), Psychologe an dem Gaza Community Health Programm. Hunderte Kinder hat er untersucht. Er sieht für die palästinensischen Kinder keine bessere Zukunft. "Die Gewalt hat ihre Familien zerbrochen, sie sind ohne Werte und Normen, ohne Selbstbewusstsein und mangelhaft gebildet. Sie werden den Anschluss in die Welt so kaum mehr finden. Sie brauchen unsere Hilfe."

In seinem Hauptquartier in Ramallah treffe ich den palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat. Im Gespräch bezeichnet er die Situation in Gaza als eine einzige Katastrophe: "Es ist ein Leben im Ghetto - wo ist der Weg da heraus?" Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, jetzt wieder nach Gaza zurückzugehen, sagt er zum Schluss: "Würden Sie dieses Gefängnis gegen ein anderes eintauschen?"

Quelle: www.tagesschau.de (4. Juni 2004)


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