Pakistan: Bei Wahl kandidieren erstmals Frauen, 11.05.2013 (Friedensratschlag)
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Zwei Frauen, die Geschichte schreiben

Pakistan: Bei Wahl am Samstag erstmals auch Kandidatinnen im besonders konservativen Nordwesten

Von Thomas Berger *

Wenn am Samstag die Einwohner Pakistans an die Wahlurnen gerufen werden, um über die Zusammensetzung eines neuen Parlaments abzustimmen, gibt es unter den Kandidaten zwei Sensationen. Der Mut zweier Frauen im besonders traditionsverhafteten und konservativen Nordwesten, im Grenzgebiet zu Afghanistan, sich um einen der Sitze zu bewerben, hat national wie international Schlagzeilen gemacht. Auch, wenn die Chancen von Badam Zari und Nusrat Begum nicht übermäßig groß sind: Allein, daß sie antreten, ist ein enormer Erfolg. Zudem gehören sie zu den wenigen Bewerbern landesweit, die im Wahlkampf echte Alltagsprobleme wie den Mangel an sauberem Wasser, massive Lücken in der Gesundheitsversorgung und die Bildungsmisere ansprechen.

Als Badam Zari am 30. März ihre Bewerbungsunterlagen in Bajaur ausfüllte, schrieb sie damit Geschichte. Die 53jährige, die ausdrücklich von ihrem Mann, einem Schuldirektor, und ihrem 87jährigen Schwiegervater unterstützt wird, ist die erste Frau im Distrikt, die ihre Kandidatur für einen Parlamentssitz angemeldet hat. Bajaur ist flächenmäßig die kleinste Region innerhalb der zentral verwalteten Stammesgebiete. Gut eine Million Menschen leben hier, in Badam Zaris Wahlkreis sind 186000 Einwohner stimmberechtigt, davon rund 67000 Frauen. Bei ihren öffentlichen Auftritten gibt es nicht nur von ihnen reichlich Zuspruch, sondern auch nur von einigen fortschrittlich eingestellten Männern. Dennoch dürfte es die Kandidatin schwer haben. Denn unter den 44 Mitbewerbern in ihrem Wahlkreis sind u.a. Maulana Abdur Rashid, Generalsekretär der konservativ-religiösen JUI-F, und Sardar Khan von der ähnlich ausgerichteten Jamaat-e-Islami (JI), ebenfalls ein ziemlich bekannter Politiker.

Dennoch gibt sich Badam Zari unverzagt. Sie weiß genau, was sie will, eben weil sie die drängenden Probleme ihrer Heimatregion aus eigener bitterer Erfahrung kennt. Einer ihrer Söhne starb bei der Geburt, eine Tochter im Alter von nur 15 Tagen. Beider Leben wäre womöglich zu retten gewesen, hätte ihr Dorf über wenigstens eine Basiseinrichtung medizinischer Versorgung verfügt. Der Kampf um eine Verbesserung der Gesundheitsfürsorge hat für Badam Zari deshalb oberste Priorität. Zweites Thema ist der Bildungssektor. Nach Angriffen von Islamisten liegt rund die Hälfte der 616 Schulen Bajaurs in Trümmern. Insbesondere 50000 Mädchen werde damit jegliche Bildungschance vorenthalten.

Auch Nusrat Begum, die im ebenfalls sehr konservativen Lower Dir in der an die Stammesgebiete angrenzenden Provinz Khyber Pakthunkhwa kandidiert, hat Exotenstatus. Vor ihr hat dort ebenfalls noch nie eine Frau diesen Schritt getan, ihr selbst war die eigene Partei in den Rücken gefallen. Denn anders als die Hausfrau Badam Zari ist sie als Distrikt-Vizechefin der Frauenunion der Pakistan Tehrik-e-Insaf (PTI) bereits politisch aktiv. Die PTI allerdings vergab das Ticket an einen Mann. Auch in Lower Dir ist ein Großteil der 1500 Schulen nicht nutzbar, nicht zuletzt wegen des verheerenden Hochwassers von 2010. Ein weiteres Anliegen ist ihr die häusliche Gewalt, bislang landesweit ein Tabuthema. Um die Mittel für ihre Kandidatur aufzubringen, hat Nusrat Begum ihren Schmuck und die Motorräder ihres Sohnes verkauft.

Wie die namhafte Tageszeitung Dawn am Dienstag unter Berufung auf Daten der Nichtregierungsorganisation Free and Fair Election Network darlegte, sind landesweit lediglich vier Prozent aller Kandidaten Frauen.

* Aus: junge Welt, Freitag, 10. Mai 2013


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