In Osttimors größtem Flüchtlingslager, 30.06.2006 (Friedensratschlag)
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Letzte Zuflucht Don Bosco

Ein Tag in Osttimors größtem Flüchtlingslager

Von Carsten Hübner *

Osttimor, eines der ärmsten Länder Asiens, erst vor gut vier Jahren unabhängig geworden, durchlebte in den vergangenen Wochen die schwersten Unruhen seiner jungen Geschichte. Rund 2200 ausländische Soldaten wurden zur Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung in das kleine Land entsandt.

Padre Adriano hat schon seit Wochen nicht mehr richtig geschlafen. Genauer gesagt, seit der Nacht vom 28. zum 29. April.

Noch am Nachmittag waren die Sympathisanten einer Gruppe meuternder Soldaten friedlich durch Osttimors Hauptstadt Dili gezogen. Doch dann kam es vor dem Regierungssitz zu Unruhen. Steine flogen. Die Sicherheitskräfte reagierten überzogen hart. Schießbefehl wurde erteilt. Fünf Protestierer starben, viele wurden verletzt.

Wie ein Lauffeuer breiteten sich in den folgenden Stunden Empörung und Gewalt über die ganze Stadt aus – und die Angst. »Allein in dieser Nacht suchten hier etwa 5000 Menschen Schutz«, erinnert sich Padre Adriano. Fast alle blieben, Tausende kamen seither hinzu. Binnen weniger Tage verwandelten sie das Ausbildungszentrum Don Bosco mit 150 Schülern in das größte Flüchtlingslager auf Osttimor.

Und Padre Adriano verwandelte sich mit. Heute trägt der Schulleiter die Verantwortung für über 13 000 Menschen. Es herrscht drückende Enge. Selbst das Notwendigste zum Leben ist Mangelware. Dennoch merkt man dem 35-jährigen Priester des katholischen Salesianer-Ordens die Belastungen der letzten zwei Monate kaum an. Mit erstaunlicher Ruhe und Gelassenheit leitet er von seinem spartanisch eingerichteten Büro aus das weitläufige Lager.

Von hier aus wird die Verteilung der Nahrungsmittel und des Trinkwassers koordiniert und die medizinische Betreuung vorbereitet. Zwischendurch telefoniert er mit Geldgebern für seine Kinderspeisung oder beantwortet Fragen der internationalen Presse. »Wir werden hart arbeiten müssen, um die Menschen hier in den nächsten Monaten zu unterstützen«, stellt er nüchtern fest – und fügt etwas leiser hinzu, dass es aber auch noch länger, vielleicht ein Jahr dauern könnte. Das hänge von der politischen Entwicklung im Land ab.

Dann bittet der sportlich gekleidete junge Mann, der in seinem T-Shirt so gar nicht wie ein Priester aussieht, um ein wenig Geduld und eilt davon. Er muss die dringend benötigten mobilen Toiletten in Augenschein nehmen, die gerade eingetroffen sind.

»Padre Adriano ist fantastisch«, begeistert sich der Ire Donal Reilly, der mit einem Kollegen vor dem Büro des Schulleiters wartet. Beide arbeiten für den »Catholic Relief Services« (CRS), eine christliche Hilfsorganisation, die für die Belieferung des Lagers mit Nahrungsmitteln und anderen Hilfsgütern zuständig ist. Der 42-jährige Nothilfeexperte ist direkt aus Afghanistan nach Osttimor gekommen, um bei der Bewältigung des Flüchtlingsproblems zu helfen. 145 000 Menschen haben seit Ausbruch der Unruhen ihre Häuser verlassen, fast jeder sechste Bewohner des Landes, berichtet der UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. »Wichtig ist auch in dieser Phase die Hilfe zur Selbsthilfe«, betont Reilly. Die Menschen sollten auch unter schwierigen Bedingungen ihr Leben so weit wie möglich selbst organisieren. »Wir dürfen sie nicht zu hilflosen Almosenempfängern machen.«

An eine baldige Rückkehr mag in Don Bosco derzeit jedoch kaum jemand denken. Auch Maria nicht, die sich mit ihrer siebenköpfigen Familie schon am Abend des 28. April hierher geflüchtet hat. Seither lebt sie mit den wenigen verbliebenen Habseligkeiten unter einer Plane, die sie zwischen zwei Bäumen aufgespannt hat. »Viele Zivilisten tragen immer noch Gewehre«, sagt sie, und dass sie große Angst habe, in ihr Wohnviertel zu gehen.

Noch immer regiert, besonders nach Einbruch der Nacht, die Angst in Dili. Daran hat auch die Anwesenheit der internationalen Schutztruppe nichts geändert. Erfahrungen wie die von Joanna machen die Runde. »Im Fernsehen haben sie uns gesagt, wir können wieder in unsere Häuser zurückkehren. Die Situation sei unter Kontrolle. Aber als wir zurückkamen, war die Situation schlimmer als vorher. Das Morden ging weiter. Häuser wurden niedergebrannt und wir mussten weiterhin Angst vor den Bewaffneten haben.« Also ist sie mit der gesamten Nachbarschaft zurück nach Don Bosco gekommen.

Doch selbst hier, sagt Padre Adriano wenig später, war das Leben der Flüchtlinge lange Zeit unsicher. »Eine Gruppe unter Führung zweier ehemaliger Soldaten der indonesischen Besatzungsarmee TNI hat das Lager über Wochen terrorisiert und mehrmals versucht einzudringen.« Doch die beiden Männer seien inzwischen festgenommen worden. Danach hätten die Übergriffe sofort aufgehört. Jetzt bewachen schwer bewaffnete malaysische Truppen das Gelände.

Weil völlig unklar ist, wann die Flüchtlingsfamilien in ihre Häuser und Wohngebiete zurückkehren können, genießen besonders die Kinder das Augenmerk des Schulleiters. Schon nach wenigen Tagen waren spezielle Essenausgaben eingerichtet. Zumindest die Kleinsten sollten einmal am Tag gekochten Reis und Gemüse auf dem Teller haben. Mit besonderem Stolz verweist er zudem darauf, dass in Don Bosco Anfang Juni mit dem Schulunterricht für alle Klassen begonnen wurde. Die Jugendlichen müssten trotz der schwierigen Situation etwas lernen, sagt er bestimmt, »schließlich sind sie die Zukunft des Landes«. Weit mehr als die Hälfte der osttimorischen Bevölkerung ist unter 18 Jahre alt. Allein in Don Bosco leben 5000 Kinder unter 12 Jahren.

Doch selbst dieser begrüßenswerte Fortschritt bleibt unter den gegenwärtigen Umständen nicht ohne Folgeprobleme. Ähnlich wie die rund 150 Flüchtlinge, die als Helfer im Lager arbeiten, wollen jetzt auch die Lehrer bezahlt werden. Einen Dollar pro Tag, so lautet ihre bescheidene Forderung. Nur dass dafür momentan beim besten Willen kein Geld da ist ...

In den Nachmittagsstunden wird es im Lager zunehmend unruhig. Besonders die Kinder und Jugendlichen laufen aufgeregt umher. Überall bilden sich Trauben, in denen wild durcheinander diskutiert und gescherzt wird. Vor einer Tafel erklären junge Männer den Ablauf der kommenden Stunden. Doch niemand hört hin. Dann ziehen die Menschen in Grüppchen zum Sportplatz. Der Beginn des »Don Bosco World Cup 2006« naht.

Acht Kindermannschaften, ausgestattet mit den Originaltrikots berühmter Fußballnationen wie Brasilien, England oder Deutschland, sollen in den kommenden zwei Tagen um die begehrte Trophäe kicken. Schirmherrin ist Kirsty Sword Gusmao, die Gattin von Osttimors Präsidenten und Nationalhelden Xanana Gusmao. Sie wird mit frenetischem Beifall begrüßt und nimmt auf einer Art Ehrentribüne am Spielfeldrand Platz.

Neben der Unterhaltung für die Jugendlichen, sagt Kirsty Sword Gusmao, sei das Motto der Veranstaltung von besonderer Bedeutung: »We are one« – »Wir sind eins«. »Ich denke, das ist eine wichtige Botschaft an die Gesellschaft, während Osttimor von Umwälzungen und Unruhen erschüttert wird«, unterstreicht die Präsidentengattin. »Die Veranstaltung ist ein Symbol für die Einheit des Landes.«

Nach den Ausschreitungen am 28. April war die Meuterei von rund 600 zumeist aus dem Westteil Osttimors stammenden entlassenen Soldaten von verschiedener Seite ausgenutzt worden: Eine Auseinandersetzung zwischen dem Ost- und dem Westteil des Landes wurde heraufbeschworen. Alte Wunden aus der Zeit der 25-jährigen indonesischen Besatzung rissen wieder auf. Der Westen, so die Vorwürfe aus dem Osten, habe bis zur Loslösung Osttimors im Jahre 1999 mit den Besatzern gemeinsame Sache gemacht. Leute aus dem Westen seien an den blutigen Ausschreitungen pro-indonesischer Milizen beteiligt gewesen, bei denen seinerzeit etwa 1000 Menschen ums Leben gekommen waren.

Die Wortführer aus dem Westen hingegen beklagen Diskriminierung und Ausgrenzung durch den Osten, der im unabhängigen Osttimor die wichtigsten staatlichen Institutionen kontrolliert. Über 30 Menschen starben seither bei den Unruhen, ungezählte wurden verletzt.

Bei der Aufstellung der Mannschaften für das Fußballturnier spielt die Herkunft keine Rolle. Das Publikum folgt begeistert jeder gelungenen Aktion, ganz gleich, welches Team dadurch gerade in einen Vorteil gerät. Mitten in der Menschenmenge steht Padre Adriano und folgt gespannt dem Spielverlauf. Dann schaut er auf seine Armbanduhr – und geht. Es gibt für ihn noch so viel zu tun in Don Bosco.

Nachzutragen bleibt nur der Ausgang des Turniers. Deutschland verlor gegen Italien mit 0:4 und schied in der ersten Runde aus. Das Endspiel bestritten Portugal und Brasilien. Brasilien gewann.

* Aus: Neues Deutschland, 28. Juni 2006


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