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Morde einhellig verurteilt

Nordirische Parteien wollen Fortsetzung des Friedensprozesses

Von Anna van Ommen, London *

In Nordirland fahndet die Polizei nach Mitgliedern der pro-irischen Splittergruppe »Wahre IRA», die am Wochenende zwei Soldaten getötet haben. Alle Parteien sind sich einig: Der Mord darf den Friedensprozess nicht gefährden.

Gordon Brown reiste am Montag (9. März) nach Nordirland zur Massereene-Kaserne in der Nähe von Antrim, 25 Kilometer von der nordirischen Hauptstadt Belfast entfernt. Dort wollte der britische Premier den Angehörigen der beiden getöteten Soldaten, Mark Quinsey (23) aus Birmingham sowie Cengiz »Patrick« Azimkar (21) aus London sein Beileid aussprechen. Darauf folgten Krisengespräche mit den führenden politischen Parteien in Stormont, dem Sitz des Parlaments der Provinz. Der Tenor war klar: Niemand will eine Rückkehr zum Terror der früheren Jahren zulassen. Doch der Anschlag gilt als schwerster Rückschritt, seit das Karfreitagsabkommen von 1998 friedlichere Zeiten in die Provinz brachte.

Erneut Polizist erschossen

Zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Tagen ist in Nordirland ein tödlicher Anschlag auf die Sicherheitskräfte verübt worden. Ein Polizist wurde am Montagabend in der Kleinstadt Craigavon südlich von Belfast erschossen, wie die nordirische Polizei bestätigte. Die Attentäter hatten ihn nach Angaben örtlicher Politiker in einen Hinterhalt gelockt.
Der Polizist und mehrere Kollegen waren den Angaben zufolge zu einem Einsatz in einer überwiegend von Katholiken bewohnten Gegend gerufen worden. Als sie aus dem Streifenwagen stiegen, eröffneten Bewaffnete das Feuer. Der Polizist starb an einem Kopfschuss. Unbestätigten Angaben zufolge gab es auch Verletzte bei dem Attentat, das sich etwa 45 Kilometer südlich von Belfast ereignete.
"Wir hatten schon befürchtet, dass es noch weitere Anschläge geben würde, aber wir rechneten nicht damit, dass es so bald geschieht", sagte Basil McCrea, ein Abgeordneter der moderaten Protestanten-Partei UUP, im BBC-Fernsehen. Dolores Kelly von der gemäßigten katholischen Mitte-Links-Partei SDLP sagte dem Sender Sky News: "Wir blicken in den Abgrund."
Zu dem Attentat auf einen Polizisten in Craigavon bekannte sich eine Splittergruppe der katholischen Untergrundorganisation Irisch-Republikanische Armee (IRA), die Continuity IRA.
Nachrichtenagenturen, 10. März 2009



Ausgerechnet ein harmloser Akt wie das Bestellen einer Pizza hat zum Tod zweier Soldaten geführt. Zwei weitere Angehörige der Massereene-Kaserne sowie zwei Pizzalieferanten wurden verletzt, drei davon schwer. Zu dem mörderischen Anschlag hat sich inzwischen die pro-irische Splittergruppe »Wahre IRA« bekannt. Sie hatten »Domino's Pizzawagen« bis zur Kaserne verfolgt und dort das Feuer eröffnet, als die Soldaten ihre Bestellung in Empfang nahmen.

Die »Wahre IRA« (Real Irish Republican Army, RIRA) ist 1997 aus einem Ableger der IRA entstanden, als der politische Arm der IRA, Sinn Fein, dem Friedensprozess in Nordirland zustimmte. Die RIRA ist auch verantwortlich für den verheerenden Anschlag 1998 auf Omagh in der nordirischen Provinz Tyrone, bei dem 29 Menschen ums Leben kamen. Auch Anschläge auf London und Birmingham gehen auf ihr Konto. Michael McKevitt, der die RIRA 1997 ins Leben rief, sitzt zurzeit wegen terroristischer Aktivitäten in der Irischen Republik im Gefängnis.

Nordirland-Minister Shaun Woodward, sagte, »es war geplanter Massenmord, nicht nur an Soldaten, sondern auch an Zivilisten«. Der Führer der Sinn Fein, Gerry Adams, bezeichnete die Morde, als einen »Anschlag auf den Friedensprozess«. [Siehe hierzu: "Kommentar ..."]

Gordon Brown beeilte sich derweil, die Einheit zu beteuern. Seiner Ansicht nach wollten alle politischen Parteien in Nordirland »weiterhin zusammenarbeiten und eine Botschaft an die Welt senden -- wie ich auch --, dass der politische Friedensprozess niemals erschüttert werden kann«. Dabei besteht kein Zweifel: Das Zusammenleben zwischen den protestantischen Unionisten, die weiterhin mit Großbritannien verbunden bleiben wollen, und den katholischen Republikanern, die sich eine Wiedervereinigung mit Irland wünschen, wurde durch den Anschlag wieder erschwert.

Der Anschlag kam trotz der vergangenen verhältnismäßig ruhigen Zeiten in der nordirischen Provinz nicht überraschend. Erst vor Tagen hatte eine unabhängige Kommission gewarnt, eine kleine Zahl unverbesserlicher sektiererischer Schlägertypen, »rekrutiere, trainiere und versuche, an Waffen zu kommen«. Wie ernst die Situation ist, zeigte daraufhin die Rückkehr britischer Spezialeinsatzkräfte nach Nordirland. Dies wurde vom Chef der Sinn Fein scharf kritisiert. »(Nordirlands) Polizeichef hat einen großen Fehler gemacht, britische Geheimeinsatzkräfte herzuholen«, sagte Adams, der dem Polizei-Chef Sir Hugh Orde damit indirekt die Schuld an dem Anschlag zu geben schien. Er will dadurch möglicherweise eines überspielen: Adams hatte die Warnung des Polizeichefs für übertrieben gehalten. Jetzt zeigt sich, dass die Republikaner die Situation falsch eingeschätzt haben. Sinn Fein distanziert sich offiziell vom Terrorismus, sieht den Einsatz der Armee in Nordirland aber als Affront.

* Aus: Neues Deutschland, 10. März 2009


Fehlschläge

Von Olaf Standke **

Die Suche nach den Terroristen, die in Nordirland zwei britische Soldaten getötet haben, geht weiter. Gefunden haben alle Parteien in Belfast, Dublin und London eine gemeinsame Sprachregelung, die gestern auch vom britischen Premier Brown beim Tatortbesuch bemüht wurde: Das schwerste Attentat seit Abschluss des »Karfreitagsabkommens« vor elf Jahren könne den Friedensprozess nicht erschüttern. Weniger, weil die Real IRA, die sich einst wegen eines Waffenstillstands von der Irisch-Republikanischen Armee abspaltete, nur einige Dutzend »Kämpfer« zählen soll. Denn ihr Waffen- und Sprengstofflager dürfte noch für einige Anschläge reichen. Doch findet sie kein Echo mehr im pro-irischen, katholischen Lager, mag der Weg zur endgültigen Aussöhnung auch noch lang sein. Die Partei Sinn Féin, die als politischer Arm der IRA galt und heute mit dem einstigen protestantisch-royalistischen Erzfeind in Belfast koaliert, hat den Angriff als »falsch und kontraproduktiv« gebrandmarkt und alle Mitglieder der republikanischen Bewegung aufgerufen, sich an der Tätersuche zu beteiligen. So könnte ein Fehlschlag in der vielleicht letzten großen politischen Streitfrage, der Übernahme der Polizei- und Justizaufgaben in Nordirland durch örtliche Organe, den Friedensprozess stärker gefährden als die jüngste Bluttat.

** Aus: Neues Deutschland, 10. März 2009 (Kommentar)


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