Nigeria: Kinder als Attentäter, 29.05.2015 (Friedensratschlag)
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Kinder als Attentäter

Immer mehr Minderjährige in Nigeria für Anschläge missbraucht. Designierter Präsident spricht soziale Ursachen der Gewalt an

Von Simon Loidl *

Im westafrikanischen Nigeria werden immer häufiger Kinder für Selbstmordattentate missbraucht. Dies meldete das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) am Dienstag. Insgesamt kommt es im Nordosten des westafrikanischen Landes immer häufiger zu Suizidanschlägen – während im gesamten vergangenen Jahr 26 derartige Attacken gemeldet wurden, waren es bis zum Mai dieses Jahres bereits 27.

Drei Viertel dieser Attentate sind laut UNICEF von Frauen und Kindern ausgeführt worden. So gab es seit Juli 2014 mindestens neun Selbstmordanschläge, bei denen zwischen sieben und 17 Jahre alte Mädchen als Attentäterinnen ausgenutzt wurden. Die genau Identität und das Alter sind laut der UN-Organisation nicht bekannt, da die Berichte in der Regel nur auf Informationen von Augenzeugen beruhen.

Jean Gough, UNICEF-Repräsentantin in Nigeria, betonte in der Pressemitteilung, dass diese Kinder nicht als Täter, sondern als Opfer zu betrachten seien. Sie werden von Erwachsenen »auf die schrecklichste Art benutzt«, erklärte Gough. UNICEF warnt auch vor den mittelfristigen Folgen von Anschlägen, die von Minderjährigen ausgeführt werden. So könnten Kinder in den von der Gewalt betroffenen Teilen Nigerias zunehmend als potentielle Gefahr wahrgenommen werden. Dies würde insbesondere die gesellschaftliche Reintegration von Jugendlichen beeinträchtigen, die Opfer von Entführungen durch islamistische Gruppen geworden seien.

Mehr als 700.000 Kinder sind laut UNICEF durch den Konflikt im Nordosten Nigerias entwurzelt worden. Bis zu 10.000 Minderjährige könnten derzeit ohne Begleitung oder getrennt von ihren Angehörigen sein. Diese seien in Gefahr, von bewaffneten Gruppen für Anschläge oder andere kriminelle Handlungen missbraucht zu werden. Zuletzt hatte sich Mitte Mai ein etwa 13jähriges Mädchen in Damaturu, der Hauptstadt des Bundesstaates Yobe, in die Luft gesprengt. Dabei wurden mindestens sieben weitere Menschen getötet und mehr als 30 verletzt.

Die Meldungen über den Verlauf der Kämpfe in den nordöstlichen Bundesstaaten Nigerias waren zuletzt stets widersprüchlich. Meldungen der Armee über Erfolge gegen Boko Haram wechselten mit Berichten über Anschläge und Eroberungen ganzer Städte durch die islamistische Gruppe. Trotz der Ausweitung zu einem Regionalkrieg konnten bislang nur vorübergehende militärische Erfolge gegen Boko Haram erzielt werden. Neben den nigerianischen Streitkräften beteiligen sich auch die Armeen aus den Nachbarländern Tschad, Niger und Kamerun – zudem sind die USA, Frankreich und Südafrika involviert.

Die Auseinandersetzung mit Boko Haram wird auch die größte Herausforderung für den neuen Präsidenten darstellen. Ende der Woche übernimmt der im März gewählte Muhammad Buhari das Amt von seinem Vorgänger Goodluck Jonathan. Buhari versprach im Wahlkampf, die Anstrengungen im Kampf gegen die Islamisten zu verstärken. Jonathan wurde in dieser Hinsicht immer wieder Versagen vorgeworfen. Insbesondere die mangelnde Reaktion auf die Entführung von fast 300 Schülerinnen in der Stadt Chibok im April 2014 sahen viele Beobachter als einen Hauptgrund für die Popularitätsverluste des scheidenden Staatsoberhauptes.

In einem Gastkommentar für die New York Times sprach sein Nachfolger Buhari vor einigen Wochen davon, dass Boko Haram nicht durch militärische Mittel allein besiegt werden könne. Zwar werde seine Regierung die diesbezüglichen Anstrengungen ausweiten, jedoch müssen auch die Grundlagen für den islamistischen Aufstand bekämpft werden. »Es gibt viele Gründe, weshalb verletzbare junge Menschen sich militanten Gruppen anschließen, dazu zählen Armut und Unwissen«, schrieb Buhari in der US-Zeitung über die sozialen Ursachen des Erfolges von Boko Haram. In den von der Gewalt betroffenen Teilen des Landes müssten den Jugendlichen Alternativen geboten werden. Insbesondere der Ausbau von Bildungseinrichtungen könne als »direktes Gegengewicht« zur Anziehungskraft islamistischer Gruppen dienen, so der designierte Präsident.

* Aus: junge Welt, Donnerstag, 28. Mai 2015


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