Pressefreiheit in Nepal, 06.05.2007 (Friedensratschlag)
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"Wir haben die Rolle eines Wachhundes"

Nepal: Journalisten wollen demokratischen Prozeß kontrollieren und fordern, daß die Pressefreiheit auch gesetzlich garantiert wird. Ein Gespräch mit Ram Bahadur Khatry *


junge Welt: Die nepalesischen Journalisten waren vor einem Jahr eine große Stütze der breiten Volksbewegung, die die Alleinherrschaft König Gyanendras beendete. Wie hat sich die Medienlandschaft seitdem entwickelt?

Ram Bahadur Khatry: Gegenüber der Zeit vor eineinhalb bis zwei Jahren, in der wir unter strengster Zensur standen, genießen wir heute eine ausgedehnte Freiheit. Die Situation ist etwa vergleichbar mit der, die wir in der Anfangszeit nach der ersten demokratischen Revolution 1990 hatten und die in den Folgejahren, etwa ab Mitte der neunziger Jahre, schrittweise unterminiert wurde. Die Entwicklung der letzten Zeit hat gezeigt, daß die Unterdrückungsmaßnahmen auf Dauer nicht fruchten. Selbst in der dunkelsten Zeit der Zensur unter der absoluten Herrschaft des Königs gab es viele Kollegen, die sich widersetzt und allen Einschüchterungsversuchen getrotzt haben.

Welche Rolle spielen die nepalesischen Journalisten in der gegenwärtigen Zeit von Umbruch und staatlicher Neuordnung?

Wir sind eine Art Wachhund und beobachten sehr genau, wie sich die Übergangsregierung und die politischen Parteien verhalten. Wir kontrollieren vor allem die Einhaltung der Versprechen, die nach der Wiederherstellung der Demokratie gegeben wurden. Dazu gehört die angekündigte Durchführung von Wahlen für die Verfassungsgebende Versammlung. Auch die Me­dien müssen da Druck erzeugen und aufrechterhalten, damit es keine Abkehr von solchen Zusicherungen gibt. Dank unserer teilweise sehr schlimmen Erfahrungen in der dunklen Phase der 15monatigen Alleinherrschaft des Königs und unserem Kampf sind wir selbst zu Aktivisten geworden, die die Errungenschaften auch verteidigen und ausbauen wollen.

Dabei geht es sicher auch um die Aufklärung der Bürger über die Hintergründe der Wahl.

Das ist eine ganz wichtige Aufgabe. Wir haben von der FNJ-Zentrale ein spezielles Trainingsprogramm entwickelt, um die Journalisten landesweit über das ganze Umfeld des Wahlthemas zu schulen. Nur wer ausreichend Bescheid weiß, kann die Informationen auch an andere weitergeben.

Ist der gegenwärtige Zustand nicht beinahe ein Paradies für die Pressevertreter?

Das mag für den Moment so aussehen. Aber es kommt jetzt darauf an, diese mühsam erkämpften Freiheiten auch in Gesetzen festzuschreiben. Wir sehen da mehrere Aspekte – von ungehinderter Berufsausübung für die Kollegen bis hin zum freien Zugang zu Informationen bei staatlichen Behörden und Regierungsstellen, die dringend gesetzlich geregelt werden müssen. Momentan können wir ungestört arbeiten, weil sich alle politischen Kräfte relativ gut dargestellt sehen. Sobald dies nicht mehr der Fall ist, wird es Bestrebungen geben, die Daumenschrauben wieder anzuziehen.

Gilt die gegenwärtige gute Arbeitsgrundlage für das ganze Land?

Keineswegs, sondern vorrangig für das Kathmandu-Tal. In den anderen Regionen gibt es immer noch einige Fälle versuchter Einflußnahme, unter anderem durch lokale maoistische Kommandeure. Das ist aber kein flächendeckendes Problem. Sehr schwierig ist es im Süden des Landes, im Tarai, wo die Bedrohung nach Ansicht vieler Betroffener sogar noch größer ist als zu Zeiten von Bürgerkrieg und absoluter Königsherrschaft. Rebellen und fanatische Royalisten wollten eine kritische Berichterstattung immer unterbinden – die Aktivisten der Madhesi-Bewegung hingegen greifen Kollegen allein schon aus dem Grund an, weil diese Journalisten sind. Wir mußten von der FNJ-Zentrale bereits mehrfach Rettungsmissionen starten. Manchmal ist Flucht der einzige Ausweg für gefährdete Journalisten, um den Morddrohungen zu entgehen. Seit Jahresbeginn hat es im Tarai 124 Einschränkungen der Medienfreiheit gegeben. In unserer Statistik tauchen dabei unter anderem 19 tätliche Angriffe auf Reporter auf und 53 Fälle, in denen Publikationen verhindert wurden.

Interview: Thomas Berger,Kathmandu

* Ram Bahadur Khatry ist Geschäftsführer der Federation of Nepalese Journalists (FNJ)

Aus: junge Welt, 5. Mai 2007



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