Schiiten: Machtfaktor im Mittleren und Nahen Osten, 08.12.2006 (Friedensratschlag)
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Wehrhafte Religion

Die iranische Revolution, der Fall Saddam Husseins im Irak und der Widerstand der Hisbollah im Libanon haben die Schiiten zu einem politischen Machtfaktor im Mittleren und Nahen Osten werden lassen

Von Karin Leukefeld *

Noch vor wenigen Jahren hätten es die Wahlen im Inselstaat Bahrain im Persischen Golf wohl kaum in die westlichen Schlagzeilen geschafft, doch heute ist das anders. »Schiitisch-muslimische Opposition in Bahrain gewinnt mehr als 40 Prozent der Stimmen«, so eine Schlagzeile in der britischen BBC Ende November. Nicht Bahrain oder die Wahlen machen die Schlagzeile, sondern »die Schiiten«. Als »schiitische Opposition« in Bahrain, als »Mullahregime« im Iran, als »radikalislamische Schiitenmiliz« Hisbollah im Libanon oder von Muktada Sadr im Irak. Der jordanische König Abdullah II. warnt vor einem »schiitischen Machtbogen« vom Mittelmeer bis Indien, sunnitische Herrscherhäuser in der arabischen Welt fürchten Aufstände ihrer schiitischen Minderheiten im Land, was die US-Administration nutzt, um in der Region Bündnisse gegen eine neue »schiitische Gefahr« zu schmieden, die vor allem vom Iran ausgehen soll.

Der Sturz der Taliban in Afghanistan und der Sturz von Saddam Hussein im Irak hat dem Iran, dessen Bevölkerung zu 95 Prozent der Glaubensrichtung des Schiismus angehört, viel Freiraum verschafft. Der Präsident der Islamischen Republik Iran, Machmud Ahmadinedschad, nutzt diese neu gewonnene Freiheit und fordert für sein Land die Position einer Regionalmacht ein. Doch die iranische Politik hat nur wenig mit den Schiiten als Glaubensgemeinschaft zu tun, auch wenn die Schiiten, vor allem im Irak, nach den politischen Ereignissen der letzten Jahre, tatsächlich ein neues Selbstbewußtsein erlangt haben. Politische Analysten sprechen von einem »schiitischen Erwachen«, und der ägyptische Präsident Hosni Mubarak sorgte unter Schiiten in der arabischen Welt für erheblichen Ärger, als er in einem Interview mit dem arabischen Fernsehsender Al Arabiya vor einem vom Iran gesteuerten Bürgerkrieg im Irak warnte, der sich in der ganzen Region ausbreiten könnte, denn »in den meisten Fällen sind Schiiten immer loyal gegenüber dem Iran, nicht gegenüber den Ländern, in denen sie leben«.

Politisches Erwachen

Unter den Muslimen weltweit sind die Schiiten mit zirka zehn Prozent eine konfessionelle Minderheit. Die Schia entstand im Irak etwa um das Jahr 680 nach unserer Zeitrechnung, wo es nach dem Tod des Religionsstifters Mohammed um dessen Nachfolge zu Streit gekommen war. »Schia« nannte sich eine der Streitparteien, die Partei der Anhänger von Ali Ibn Abi Talib, dem Schwager des Propheten Mohammed. Bei der überwiegenden Mehrheit der Schiiten lebt nach wie vor ein sehr farbiger, tiefgläubiger, auch sagen- und mythenumwobener Schiismus. Einfache Religiosität und Volksglaube bestimmen das Denken und Handeln der meisten Schiiten. In ihrem Alltag ist das weltliche Erbe philosophischer Lehrer oft eng mit der religiösen Tradition ihrer schiitischen Führer, den Imamen, verbunden. Die Schiiten eint der Glaube an eine Ahnenreihe von Imamen, also »Gemeindeoberen«. Sie werden von Schiiten als die wahren, ja unfehlbaren Nachfolger des Propheten Mohammed angesehen. Das unterscheidet sie von den sunnitischen Muslimen, die als rechtmäßige Nachfolger des Propheten die »rechtgeleiteten Khalifen« anerkennen. Wie viele unfehlbare Imame die Schiiten anerkennen, ist unterschiedlich. Die große Mehrheit glaubt an zwölf dieser Nachfolger – deshalb heißt ihre Richtung auch die »Zwölferschia«.

Schiiten leben praktisch in jedem Land zwischen Libanon und Pakistan. Häufig wurden sie von der herrschenden Klasse politisch und sozial vernachlässigt. Mehrheiten bilden sie im Libanon, Irak, Aserbaidschan und vor allem im Iran, dem einzigen Land, in dem der Schiismus – und zwar die Schule der »Zwölferschia« – Staatsreligion ist. So ist es seit der islamischen Revolution von Ajatollah Khomeini im Jahr 1979. Er führte die Staatsform des Velayet-e Faqih ein, die »Regierung des Religionsexperten«.

Diese Art eines revolutionären, politischen Schiismus hat sich erst seit Mitte des vorigen Jahrhunderts entwickelt, teilweise in, meist aber parallel zu den religiösen Strukturen der Schiiten. Der Hintergrund dieser Entwicklung erschließt sich aus den politischen Umwälzungen nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches im Jahr 1916 und der Aufteilung der arabischen Welt durch die europäischen Siegermächte Großbritannien und Frankreich: die Gründung des Staates Israel im alten Palästina, die Vertreibung von Millionen Palästinensern, die daraus resultierende Entstehung der neuen Bewegung des panarabischen Sozialismus und der damit verbundenen Parteien. Das alles stellte die traditionellen Machtstrukturen in Frage.

Die bis dahin weitgehend auf der Macht des muslimischen Klerus und der arabischen Stämme basierende Ordnung der arabisch-muslimischen Gesellschaften wurde durch die Einmischung von außen massiv gestört. Die arabischen Schiiten, die bisher meistenteils in die traditionellen Strukturen integriert waren, wenn auch in der Regel in Randpositionen, waren organisatorisch nicht vorbereitet und fielen aus den neuen politischen Machtkämpfen fast vollständig heraus. Sie wandten sich ihren religiösen Führern zu. Ihre Lebensbedingungen waren teilweise erbärmlich, sie gehörten in ihrer großen Mehrheit zur Schicht der arm gehaltenen und weniger gebildeten Bauern und Tagelöhner. Gleichwohl entwickelte sich vor allem im Irak der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine neue, säkulare Mittelschicht, der auch viele Schiiten angehörten. Sie stammten aus reichen, westlich und säkular orientierten Familien, die Wert auf eine exzellente Ausbildung ihrer Kinder legten. Seit dieser Zeit entstand so eine meist im Westen ausgebildete intellektuelle Elite, die – nach dem gewaltsamen Sturz des irakischen Königs Faisal II. 1958 – ihr Wissen und Leben dem Aufbau des jungen irakischen Nationalstaates widmeten.

Irak: Kernland des Schiismus

Der Irak wird wegen der historischen schiitischen Pilgerstätten von Nadschaf und Kerbala, als Kernland des Schiismus bezeichnet. Als oberster geistlicher Führer gilt für die Schiiten der letzte der zwölf Imame. Sein Name ist Imam Mehdi, auch Imam Zaman, der »Herr der Zeit«, genannt. Seit Ende des 9. Jahrhunderts lebt er der Überlieferung zufolge im Verborgenen und wird eines Tages als Erlöser, also eine Art Messias, zurückerwartet. Traditionell folgte die schiitische Glaubensgemeinschaft weltweit einem geistigen Gruppengremium, der Mardscha at-taklid, der »Instanz der Nachahmung«. In ihr sind jeweils angesehene und erfahrene Ajatollahs und Religionsgelehrte versammelt, denen man über alle nationalen Grenzen hinweg die religiöse Führung anvertraut. Mit der Islamischen Revolution im Iran 1979, angeführt von Ajatollah Khomeini, wurde der Verborgene Imam als der einzige rechtmäßige Stellvertreter Gottes auf Erden verfassungsrechtlich verankert und das Velayet-e Faqih, die »Regierung des Religionsexperten« eingeführt. Dieser Expertenrat bestimmt quasi in Stellvertretung des Verborgenen Imams das religiöse und politische Leben im Iran. Doch das Konzept des Velayet-e Faqih, in dem die politische und geistliche Führungsstruktur vermischt wird, ist umstritten und wurde von Schiiten in anderen Ländern bis heute nicht übernommen.

Die in Nadschaf ansäßige Mardscha at-taklid wird heute von Großajatollah Ali Al Sistani geleitet, der zwar im iranischen Maschad geboren wurde, doch seit fast 50 Jahren im Irak lebt. Die iranische Herkunft Al Sistanis wird von skeptischen, säkular orientierten Irakern – und in westlichen Medien – häufig als Beleg für dessen Nähe zur iranischen Führung genannt. Nach Auskunft von Heinz Halm aber, Professor für Islamische Geschichte am Orientalischen Institut der Universität Tübingen, stammt ein großer Teil des schiitischen Klerus sowohl im Irak als auch im Südlibanon aus dem Iran. Das sei eine Folge der Geschichte seit dem 16. Jahrhundert, so Halm im Interview mit der Autorin. Viele schiitische Geistliche wurden in den iranischen Theologieseminaren von Maschad und Qom ausgebildet.

Das bedeutet aber nicht, daß sie automatisch mit der politischen Führung in Teheran einer Meinung sind, zumal das Prinzip des Velayet-e Faqih von Anfang an unter schiitischen Klerikern umstritten war. Al Sistani, der gemeinsam mit Khomeini einige Jahre in Nadschaf lebte und lehrte, gilt als traditioneller Quietist, er erhebt keinen Anspruch auf Beteiligung an der Regierungsmacht. Das hat sein Verhalten vor, in und nach dem völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak im Jahr 2003 deutlich gezeigt. Bis heute hat Al Sistani sich geweigert, Vertreter der US-Besatzung zu treffen. Dennoch äußert er sich zu den politischen Entwicklungen, wobei seine Appelle sich einerseits an den Nöten der Bevölkerung orientieren und andererseits deutlich machten, daß religiöse schiitische Führer keine Regierungsämter übernehmen sollten.

Der gesellschaftliche Einfluß schiitischer Geistlicher basiert traditionell auf der Zustimmung, die sie vom Volk erfahren. Wenn die Gläubigen für einen bestimmten Geistlichen spenden, seine Moschee besuchen und seinen Aufrufen Folge leisten, stärkt das die Position dieses Geistlichen. Die Stärke Al Sistanis basiert auf seiner Glaubwürdigkeit, Unbestechlichkeit und Sorge um das Wohl der Iraker ebenso, wie dem der muslimischen Gemeinschaft insgesamt.

Als Ali Al Sistani in den 60er Jahren nach Na­dschaf in den Irak kam, herrschte dort – wie in der gesamten arabischen Welt – eine Aufbruchstimmung. Die panarabische Bewegung ergriff die Jugend der Region, sozialistische und kommunistische Gruppen gewannen an Stärke. Im Irak entstand die schiitische Partei Al Da'wa al-Islamiya (Islamischer Ruf). Ihre Gründer wollten vor allem dem zunehmenden Atheismus und Kommunismus der Bewegung des (panarabischen) Nasserismus und Baathismus eine religiöse Alternative, eine islamische Staatsordnung, entgegensetzen. Die Da'wa war eine Geheimorganisation, viel ist nicht bekannt über die Ursprünge. Klar ist aber, daß Muhammad Bakir al Sadr die führende Person dieser Gruppierung war. Bakir Al Sadr war der ältere Cousin von Mohammad Sadik Al Sadr, dem Vater von Muktada Sadr, der heute im Irak ebenfalls Geschichte schreibt. Bakir Al Sadr verfaßte mit seinen beiden Hauptschriften »Falsafatuna« (Unsere Philosophie) und »Iqtisaduna« (Unser Wirtschaftssystem) die Grundlage für die Da'wa-Partei, die sich nicht nur an Schiiten im Irak, sondern an alle Muslime wandte. Der Irak war verfassungsrechtlich ein säkularer Staat, die herrschende Baath-Partei verfolgte die Da'wa-Partei und ihre Anhänger gnadenlos. Nach einem Anschlag auf Tarik Asis im April 1980 wurde Bakir Al Sadr mit seiner Schwester Bint Huda im Gefängnis hingerichtet. Sadik Al Sadr wurde 1999 vermutlich ebenfalls ermordet. Auch der heutige irakische Ministerpräsident Nuri Al Maliki gehört, wie auch sein Vorgänger Ibrahim Al Dschafari, zur Da'wa-Partei.

Parteianhänger und Funktionäre flohen Anfang der 80er Jahre in den Iran, wo es bald zu ideologischen Differenzen über das Prinzip des Velayet-e Faqih kam. Die Da'wa-Partei spaltete sich, es entstand der Hohe Rat für eine Islamische Revolution im Irak (Supreme Council for Islamic Revolution in Iraq, SCIRI). Der Rat wurde von der Familie Al Hakim dominiert, die, wie auch die Al-Sadr-Familie, über großen religiösen Einfluß im Irak verfügte und, wie auch die Al-Sadr-Familie, unter den Baathisten einen hohen Blutzoll für ihre religiöse Überzeugung und politische Opposition zahlen mußte. Während der Herrschaft von Saddam Hussein im Irak bliebt der SCIRI im Iran und baute– mit iranischer Unterstützung – eine machtvolle Miliz, die Badr-Brigaden, auf, die nach eigenen Angaben auch Anschläge im Irak gegen die regierende Baath-Partei durchführten. Die Funktionäre der Da'wa-Partei zogen sich nach Schweden, England (Ibrahim Al Dschafari) oder Syrien (Nuri Al Maliki) zurück, von wo sie weniger militärisch als versteckt politisch versuchten, in den religiösen Institutionen Iraks ihre Präsenz zu bewahren. Zur Zusammenarbeit im Exil kam es seit Anfang der 90er Jahre in dem von der US-Administration finanzierten Irakischen Nationalkongreß, aus dem schließlich die neue irakische Führung nach dem Krieg 2003 hervorging.

Die Sadr-Bewegung

Die islamisch-schiitische Da'wa-Partei genoß von Anfang an unter den irakischen Schiiten mehr Vertrauen als der im iranischen Exil gegründete SCIRI. Da'wa wurde und wird als authentische irakisch-schiitische Partei akzeptiert, während die deutliche iranische Absicht sich im Programm des SCIRI zeigte: eine – wie der Name ja sagt – islamische Revolution auch im Irak durchzuführen. Anders als im Iran wurde dieses Programm von den irakischen Schiiten weitgehend abgelehnt, sie bevorzugen eine Trennung von Religion und Politik. Der heute politisch und militärisch erstarkte Muktada Sadr ist weder der einen noch der anderen Gruppe zuzuordnen, auch wenn er dazu tendiert, die Da'wa-Partei und damit Regierungschef Maliki zu unterstützen. Im Jahr 2003 war Sadr zunächst nicht mehr als der Sohn des bekannten und respektierten schiitischen Ayatollahs Sadik Al Sadr. Muktada Sadr ist zudem eher ein politischer als ein Religionsführer, zumal seine religiöse Ausbildung – auch aufgrund der Isolation zu Zeiten von Saddam Hussein – nach religiös-theoretischen Maßstäben nicht abgeschlossen ist.

Muktada Sadr hat sich in nur drei Jahren zu einem beachtlichen politischen Akteur im Irak entwickelt. Dabei wurde er erheblich von Beratern der libanesischen Hisbollah unterstützt. Nach anfänglichen Machtproben hat Sadr sich auch der Autorität von Großajatollah Ali Al Sistani untergeordnet. Die Sadr-Bewegung ist in der amtierenden Regierung der nationalen Einheit vertreten und stellt im irakischen Parlament 30 Abgeordnete. Seine klare politische Position gegen die US-geführten Besatzungstruppen und für den Erhalt eines einheitlichen arabisch-irakischen Staates, hat ihm auch unter der sunnitischen Opposition, den sunnitischen Stammes- und Religionsführern gewisse Sympathie eingebracht. Mehr als einmal haben Schiiten und Sunniten gemeinsame Demonstrationszüge in Bagdad organisiert, um die Einheit der muslimischen Iraker zu demonstrieren.

Die von Muktada Sadr gegründete und geführte Mehdi-Miliz war zunächst ein Auffangbecken für Tausende arbeits- und perspektivlose Jugendliche. Die Mitglieder der Miliz erhielten Kleidung und Essen, wenn nötig auch eine Unterkunft. Ihre Aufgaben beschränkten sich anfangs auf Schutz und Ordnung in Sadr City, dem früheren Saddam City in Bagdad. In diesem Armenviertel leben schätzungsweise zwei Millionen schiitische Iraker aus dem Süden. Heute hat die Mehdi-Miliz eine ähnliche Stärke erreicht, wie die Badr-Brigaden des SCIRI. Regelrechte Truppenaufmärsche und uniformähnliche Einheitskleidung kennzeichnen ein großes Maß an militärischer Ausbildung. Unklar ist, woher das Geld für die Mehdi-Miliz kommt; man kann aber davon ausgehen, daß ein großer Teil iranischen Ursprungs ist.

Die Hisbollah

Die Schiiten im Libanon gehörten und gehören wie im Irak zu den ärmsten Bevölkerungsschichten und lebten vorwiegend im Süden des Landes. Als ihre politische Vertretung galt lange die 1975 gegründete Amal-Bewegung. Wie auch in Syrien und Irak ist die libanesische Gesellschaft fragmentiert in arabische und nichtarabische sowie in verschiedene religiöse Gruppen. Doch während in Syrien und Irak die Bevölkerung weitgehend von den säkularen Baath-Parteien regiert wird oder wurde, verläuft die politische Organisierung im Libanon entlang der sozialen Stellung und dem religiösen Bekenntnis. Viele junge Schiiten, damals oft in der kommunistischen Partei organisiert, kämpften während des von 1975 bis 1990 währenden Bürgerkrieges zwischen der Phalange-Miliz und der PLO und dann unter israelischer Besatzung an der Seite der Palästinenser. Sie radikalisierten sich als Reaktion auf die israelische Besatzung (1982), die besonders den Südlibanon traf und unter der Landbevölkerung hohe Opfer forderte. Nach 1982 gab es innerhalb der Amal-Bewegung Streit darüber, wie der Kampf gegen die israelische Besatzung geführt werden sollte, es entstand die Hisbollah, die sich – anders als die Amal – für den bewaffneten Widerstand entschied. Der Rückzug der israelischen Armee aus dem Libanon im Jahr 2000 ist nicht zuletzt ein Erfolg des Widerstands der Hisbollah. Letztere orientierte sich als politische Partei zunächst stark an dem iranischen Modell einer islamischen Republik, des Velayet-e Faqih. Unterstützt wurde und wird sie vom Iran. Doch Hassan Nasrallah, der 1992 Generalsekretär der Hisbollah wurde, erkannte schnell, daß das iranische Modell auf den Libanon mit seiner multireligiösen Gesellschaft nicht zu übertragen war.

Die Schiiten dort konnten sich, anders als ihre Glaubensbrüder im Irak, besonders seit dem Ende des Bürgerkrieges im Jahr 1990 wirtschaftlich, sozial und politisch in einem neuen Klima der Freiheit entwickeln. Das Selbstbewußtsein der Hisbollah basiert insbesondere nach ihrer Standhaftigkeit im Juli/August-Krieg 2006 gegen die israelische Armee, auf einer arabischen Zustimmung, die weit über das Lager der Schiiten hinausreicht. Unter ihren Anhängern sind – unabhängig von den teils zweifelhaften politischen Bündnispartnern wie der Freien Patriotischen Bewegung von General Aoun – Christen und Sunniten, jung und alt, Intellektuelle und Landbevölkerung gleichermaßen. Die Hisbollah versteht sich als politische Widerstandsbewegung der grenzübergreifenden arabischen Nation im Libanon, als Antwort auf den von US-Präsident George W. Bush verkündeten Plan zur »Neuordnung des Großen Mittleren Ostens«. Daß sie in diesem Sinne vom Iran und von Syrien unterstützt wird, ist eine Tatsache, denn es gibt eine objektive Interessensübereinstimmung. Das macht die Organisation aber nicht zu einer Marionette beider Staaten. Die Stigmatisierung als »radikalislamisch«, »prosyrisch« oder »proiranisch« ist nicht nur aus libanesischer, sondern aus arabischer Sicht oberflächlich. Die Hisbollah im Libanon positioniert sich als politische Opposition der arabischen Nation im Libanon.

Das Erwachen des politischen Schiismus im Mittleren Osten begann mit der iranischen Revolution 1979. Der Sturz von Saddam Hussein im Irak hat schiitische Parteien an die Macht gebracht, mit dem Erstarken der Hisbollah im Südlibanon sind auch dort die Schiiten zu einem Machtfaktor geworden. Dennoch, so die Einschätzung von Professor Heinz Halm, handelt es sich um drei verschiedene Machtfaktoren, die sich auf Dauer kaum »als ein Akteur auf der politischen Bühne bewegen werden«. Das politische Erwachen der Schiiten zur »neuen Gefahr eines schiitischen Machtbogens« zu stilisieren, verdeckt lediglich die vielschichtigen politischen und sozialen Konflikte in der Region und deren historische Wurzeln.

* Aus: junge Welt, 6. Dezember 2006


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