Bücher über den Arabischen Frühling, 31.12.2011 (Friedensratschlag)
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Analysen und Tagebücher über den Arabischen Frühling

Bücher von Volker Perthes, Jörg Armbruster und Karim El-Gawhary


Aus der Fülle neuer Bücher über den Arabischen Frühling, bzw. was von ihm geblieben ist, haben wir heute drei Neuerschienungen ausgesucht, die rezensiert werden.

Die Verhältnisse waren überreif

Volker Perthes über den Aufstand in der arabischen Welt

Von Heinz-Dieter Winter *


Als ein »historisches Großereignis« müsse »der Aufstand der Menschen in der arabischen Welt« begriffen werden, urteilt Volker Perthes. Der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik votiert für den Begriff »Aufstand«, denn dieser würde die Realität besser treffen als das verklärende optimistische Wortpaar »Arabischer Frühling«. Perthes spricht vom »Beginn einer grundlegenden Umgestaltung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der arabischen Welt«. Der Aufbau und die Konsolidierung neuer demokratischer oder zumindest repräsentativerer, verantwortlicherer und besser regierter politischer Systeme werden seiner Ansicht nach sicherlich noch ein Jahrzehnt, vielleicht sogar länger beanspruchen.

Perthes informiert über die sozio-ökonomischen Ursachen der Ereignisse. Trotz des Ölreichtums leben schätzungsweise 40 Prozent der Menschen in der arabischen Welt unterhalb der Armutsgrenze. Der Autor schildert den Ablauf der Ereignisse in Tunesien, Ägypten, Jemen, Libyen, Syrien, Bahrain, Jordanien, Algerien. Marokko und den palästinensischen Gebieten. Wohl kein Land bleibt unberührt von der Druckwelle, so auch jene Ländern nicht, in denen Demonstrationen keine Schlagzeilen machten, wie in Saudi-Arabien oder in den Arabischen Emiraten. Dass lokale Ereignisse wie die Selbstverbrennung des 26-jährigen Gemüsehändlers Azizi in einer tunesischen Kleinstadt zum Sturz des Präsidenten Ben Ali in der Hauptstadt führten und Widerhall in der ganzen Region fanden, zeige, wie überreif grundlegende Veränderungen geworden waren.

Träger der Protestbewegungen waren vor allem die 20- bis 35-Jährigen, die in der Region mehr als 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen: Jugendliche, die eine beachtliche Ausbildung, großteils an Hochschulen, erhalten haben, keine Arbeit finden und keine Möglichkeiten zur Veränderung ihrer Situation sahen. Internet, Facebook und Handys waren die wichtigsten Mobilisierungsinstrumente. Auffällig sei, so der Autor, das Fehlen ideologisch bestimmter Losungen des 20. Jahrhunderts. Die den Aufstand tragende Jugend sei jedweder Ideologie gegenüber skeptisch, was nicht ausschließe, dass islamistische Parteien und Bewegungen bei Wahlen Mehrheiten erringen können.

Neben der zentralen Bedeutung Ägyptens und der Rolle Saudi-Arabiens in der Region misst Perthes Syrien große Bedeutung zu. »Erst ein Umbruch in Syrien würde die Waagschale der arabischen Politik vollends aus dem Gleichgewicht bringen, würde zeigen, dass die Revolution sich durchgesetzt hat.« Syrien habe die »Chance einer verhandelten, graduellen Demokratisierung verpasst«, obwohl Bashar al Assad bis Anfang 2011 »deutlich populärer« gewesen sei als Mubarak oder Ben Ali. Nicht überall sieht Perthes gleichermaßen günstige Bedingungen für demokratische Entwicklungen. So könnten die Alternativen zu den Regimen von Muammar al-Gaddafi in Libyen und Ali Abdullah Salih in Jemen »nicht unbedingt demokratisch sein«. Bekanntlich wurde Gaddafi von der NATO weggebombt, Salih trat unter saudi-arabischem Druck zurück.

Perthes sieht die Politik im Nahen und Mittleren Osten in den kommenden Jahren »durch die Konkurrenz um Macht, Einfluss und Ressourcen bestimmt«. Die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union hätte den Test, den ihr die Revolutionen und Aufstände bescherten, nicht bestanden. Perthes wirft dem Westen vor, eine demokratische Entwicklung in der arabischen Welt nicht vorangebracht zu haben. Er teilt nicht die vor allem in Israel, aber auch in Euopa zu hörenden Befürchtungen, radikale Islamisten könnten einen »islamischen Gottesstaat« ähnlich wie in Iran errichten. Er sieht vielmehr Möglichkeiten, dass sich islamisch geprägte, moderne konservative Volksparteien, wie in der Türkei die AKP, herausbilden könnten. Perthes empfiehlt der europäischen Politik, zu akzeptieren, dass sie nicht bestimmen könne, wer als Gewinner aus den Umbrüchen hervorgehen werde. Die Glaubwürdigkeit Europas hänge wesentlich davon ab, ob sie sich wirksam für eine faire Lösung des Palästina-Problems auf der Grundlage der Zwei-Staaten-Lösung und für die Beendigung der israelischen Siedlungspolitik engagiert. Perthes bietet einen Katalog von Maßnahmen, wie Europa die Herausbildung demokratischer Strukturen im Nahen und Mittleren Osten fördern könnte.

Unberücksichtigt bleibt in seinem Buch der fatale Faktor militärischer Interventionen, der in dem Arab Human Development Report der UNO als wesentlicher Grund für Stagnation, Menschenrechtsverletzungen und mangelnden Fortschritt genannt werden. Dass Militärinterventionen weiterhin auf der Agenda des Westens stehen, ist aber zu befürchten.

Volker Perthes: Der Aufstand. Die arabische Revolution und ihre Folgen. Pantheon-Verlag, München 2011. 224 S., br., 12,99 €.

* Aus: neues deutschland, 29. Dezember 2011


Der distanzierte Beobachter

Jörg Armbruster über den Arabischen Frühling

Von Roland Etzel **


Noch ein Buch über den arabischen Frühling? Unwillkürlich fühlt man sich an den (auch) Karl Valentin zugeschriebenen Kalauer erinnert, es sei zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von allen. Der Markt ist nicht arm an arabischen Revolutionsbetrachtungen. Und jetzt auch noch von einem ARD-Korrespondenten, von Jörg Armbruster. Die Lektüre seines Buches lohnt sich. Er hat vor Ort interessante Beobachtungen machen können und weiß, diese ins politische Gesamtbild zu fügen.

Das ist leider nicht selbstverständlich, wie das hier ebenfalls vermerkte Buch von Karim El-Gawhary zeigt. Es ist ein zum Buche geronnener Live-Ticker aus Facebook-Postings und allerlei E-Mail-Verkehr, der Anfang des Jahres zweifellos von faszinierender Spannung war, aber heute wenig Erkenntniszuwachs bringt. Aber zurück zu Armbruster. Ihm half der Zufall zu einem denkwürdigen Augenblick. Er wurde in dem Moment aus Kairo zugeschaltet, als dort der Rücktritt von Ägyptens Präsident Hosni Mubarak Gewissheit wurde. Das war Reporterglück. Ansonsten, das macht ihn sympathisch, ist Armbruster eher der Typ, der das Glück nicht herausfordert. Es ist auch nicht seine Art - mag der Moderator im Heimatstudio auch noch so sehr insistieren -, dem Wunsch nach wohlfeilen Spekulationen nachzugeben. Auch das ist schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr.

Dieses Herangehen prägt den Stil seines Buches. Armbruster beobachtet, lieber aus der Distanz als mitten im Getümmel, wie ein jahrzehntelang funktionierendes System plötzlich zu wanken beginnt und nach und nach kippt - in Tunesien, in Ägypten, in Libyen. Er bietet Hintergrundinformationen und verschont uns mit unglaubwürdigen Reporterabenteuern und Zeitzeugen, deren Statements so langweilig sind wie ihre Authentizität nebulös. Auch dies unterscheidet die Notizen Armbrusters von denen Gawharys. Am Ende des Buches des Journalisten vom Südwestrundfunk weiß der Leser, warum die ägyptische Armee zwar meistens verloren hat, aber trotzdem immer gewinnt, wie im libyschen Krankenhaus von Al-Zawiya Legenden gestrickt werden und warum sich eine im Internet geborene Partei Ägyptens jetzt schwer tut, »ihre virtuelle Fruchtblase« zu verlassen.

Armbruster lässt erkennen, dass er während des Libyen-Krieges manchmal nicht ganz so dicht am Kampfgetümmel war wie manche seiner Kollegen, offensichtlich aber trotzdem mehr gesehen hat. Jene auf ein Zeichen hin vor westlichen Kameras herumballernde, Victory-trunkene Rebellen, wie man sie Abend für Abend aus Libyen zu sehen bekam, sind nicht prägend für seine Aufzeichnungen. Es fällt aber auch auf, dass der NATO-Krieg in seinen Libyen-Berichten fast gar nicht vorkommt.

Vielleicht hätte Armbruster sein Buch ohnehin auf Seite 190 abschließen sollen. Er wäre ein Weiser geblieben. Doch er versucht noch unnötigerweise Fragen zu beantworten, die ihre Herkunft aus den Denkwerkstätten des Eurozentrismus nicht verleugnen können. So fällt ihm bei der Suche nach Antwort auf die Frage: »Können die Araber überhaupt Demokratie?« nichts Originelles ein; und er kann auch keine erhellenden Zitate offerieren. Wenig treffend sind auch seine Bemerkungen zu Libanon oder Syrien. Die Dinge dort sind zwar sehr komplex und kompliziert, aber dennoch erklärbar. Es ist fragwürdig, den Leser mit Kampfbegriffen wie »Amerikahasser«, »Westfeinde« oder »Dschihad-Designer« zu behelligen, statt aufzuklären. Wer weiß, vielleicht haben jene so übel Gescholtenen ihre Gründe. Wer diese nicht wenigstens benennt, setzt sich dem Verdacht aus, er fürchte, sie für nachvollziehbar zu halten.

Armbruster hätte sich selbst einen Gefallen getan, wenn er seine Aufzeichnungen datiert hätte. Manche der Euphorie des Augenblicks geschuldete (Fehl)Einschätzung hätte sich so von selbst eingeordnet. So flüchtig das Wort des Fernsehreporters, so steingemeißelt, schwarz auf weiß, steht das des Buchautors. Da erscheint dann manches wenige Monate später fast peinlich. Armbrusters Resümee beginnt mit der reichlich überraschenden Bemerkung: »In Ägypten ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass die Revolution noch scheitert.« Auch das erinnert an einen Kalauer, der u. a. Mark Twain zugeschrieben wird: »Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.«

Jörg Armbruster: Der arabische Frühling. Als die islamische Jugend begann, die Welt zu verändern. Westend, Frankfurt am Main 2011. 239 S., geb., 16,99 €.

Karim El-Gawhary: Tagebuch der arabischen Revolution. Kremayr & Scheriau, Wien 2011. 237 S., geb., 22 €.

** Aus: neues deutschland, 29. Dezember 2011


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