Naher Osten, Israel, Palaestina (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Krieg gegen Palästinenser

Immer mehr gerät die israelische Armee in die Kritik - Und ein Manifest ausländischer Beobachter

"Israel im Angriff", titelte die taz am 17. November 2000, um auf die Eskalation der Auseinandersetzungen in Gaza und in Westjordanland hinzuweisen. Susanne Knaul berichtete über den Angriff israelischer Hubschrauber, dem auch ein deutscher Arzt zum Opfer fiel. Hier die Fakten:

Unter den Opfern der Kämpfe in den Palästinensergebieten ist zum ersten Mal ein deutscher Staatsbürger. Der 68-jährige Arzt Harry Fischer wurde in der Nacht zum Mittwoch (vom 14. auf den 15. November 2000) von Maschinengewehrkugeln getroffen, als israelische Kampfhubschrauber und Artillerie den Ort Beit Dschalla angriffen, von dem aus auf die benachbarte jüdische Siedlung Gilo geschossen worden war. Bei dem Hubschrauberangriff wurden acht weitere Menschen verletzt. Von palästinensischer Seite wurde am Morgen außerdem der Tod eines 12-jährigen Jungen gemeldet, der am Vortag bei Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Soldaten im Gasastreifen verletzt worden war. Auch ein Angehöriger der Präsidentengarde "Force 17" erlag seinen Verletzungen.

Bundesaußenminister Joschka Fischer forderte von Israel Aufklärung über die Umstände des Todes des Arztes aus Gummersbach, der mit einer Palästinenserin verheiratet war und seit den frühen 80er-Jahren in Beit Dschalla lebte. Nach Auskunft von Familienangehörigen wurde Harry Fischer getroffen, als er Nachbarn zu Hilfe kommen wollte, deren Haus durch den Beschuss in Brand geraten war. Wegen der fortgesetzten Raketenangriffe habe Fischer erst drei Stunden später ins Krankenhaus gebracht werden können, wo er seinen Verletztungen erlag.

Unterdessen bestritt die Regierung in Jerusalem Berichte der Washington Post, dass am Mittwoch Vertreter der UN, Israels und der Palästinenser zusammengekommen seien, um über den Einsatz internationaler Schutztruppen in den Konfliktzonen zu verhandeln. Die von palästinensischer Seite geforderte Entsendung von 2.000 Blauhelmsoldaten lehnte Premierminister Ehud Barak gestern erneut ab. US-Präsident Bill Clinton hatte im Anschluss an sein Treffen mit Barak vor ein paar Tagen erklärt, dass ein solcher UN-Einsatz nur denkbar sei, wenn beide Seiten zustimmten.

Am Vortag (16. 11. 2000) waren acht Palästinenser bei den Unruhen zu Tode gekommen. Im Verlauf des Donnerstags eskalierten die Auseinandersetzungen erneut. Seit dem frühen Morgen hatten israelische Kampfhubschrauber Einrichtungen der Fatah in Jericho, Hebron und Tulkarem unter Beschuss genommen.


Interview mit einem israelischen Scharfschützen

Über die Härte der israelischen Truppen gibt ein Interview Auskunft, das eine israelische Zeitung mit einem Scharfschützen der israelischen Armee führte. Die junge welt dokumentierte am 25. November 2000 Auszüge daraus:

Nach einem Aufenthalt in den besetzten palästinensischen Gebieten verlangte kürzlich die Menschenrechtsorganisation Amnesty International wegen des brutalen Vorgehens der israelischen Armee eine Untersuchung in bezug auf mögliche Kriegsverbrechen. Die US-amerikanische Vereinigung »Physicians for Human Rights« (Ärzte für Menschenrechte) warf der israelischen Armee vor, absichtlich und gezielt auf die Köpfe steinewerfender palästinensischer Jugendlicher zu schießen. In deutschen Medien wird indes bisweilen gerne das Bild gezeichnet, Palästinenser würden ihre Kinder an die Frontlinien und damit in den möglichen Tod schicken, um so Märtyrer für die Intifada zu produzieren.

Unter dem Titel »Nicht schießen, bevor Du nicht gesehen hast, daß sie älter als zwölf sind« veröffentlichte die israelische Tageszeitung Haaretz in dieser Woche ein ausführliches Interview mit einem Scharfschützen der israelischen Armee. Haaretz-Autorin Amira Hass führt ihren Gesprächspartner wie folgt ein: »Er weiß nicht, wie viele Kinder durch die Gewalt in den letzten zwei Monaten getötet worden sind, aber er ist sich sicher, daß die Armee >jedes Kind erschießt, das erschossen werden muß<. Soldaten wie er kann man an allen Militärposten in der West Bank und in Gaza finden. Er ist so alt wie viele von jenen, die sich mit der israelischen Armee anlegen. Er lächelt, er ist scheu, aber aufrichtig. Er hat eine Vorliebe für schöngeistige Themen.«

Der IDF-Scharfschütze betont gegenüber Haaretz, Anweisung zu haben, »keine Kinder zu erschießen«. Auf Nachfrage stellt sich allerdings heraus, daß es durchaus unterschiedliche Vorstellung darüber geben kann, mit welchem Alter die Kindheit beendet ist.

Frage: »Haben Sie Kinder erschossen?«

Antwort: »Keiner der Scharfschützen hat Kinder erschossen.«

Frage: »Aber es hat trotzdem Fälle gegeben, in denen Kinder getroffen, verwundet oder durch Kopfschuß getötet wurden. Oder waren das Fehler?«

Antwort: »Wenn es Kinder waren, dann waren es Fehler«.

Frage: »Reden sSie (die Offiziere) darüber?«

Antwort: »Sie reden viel mit uns darüber. Sie verbieten uns, auf Kinder zu schießen.«

Frage: »Wie sagen sie das?«

Antwort: »Du darfst kein Kind erschießen, das jünger als zwölf ist!«

Frage: »Das heißt, daß es bei Kindern von zwölf und älter erlaubt ist?«

Antwort: »Zwölf und älteren ist erlaubt. Dann ist er kein Kind mehr. Dann hat ein Junge bereits sein Bar Mitzwah. Oder so was Ähnliches. Zwölf und älter, dann dürfen wir schießen. So sagen sie uns das.«

Frage: »Also nochmals: Zwölf und älter und ihr dürft Kinder erschießen?«

Antwort: »Ja, weil die dann nicht mehr wie Kinder aussehen, so ist das definiert«.

Frage: »Im internationalen Recht gilt als Kind, wer bis zu 18 Jahren alt ist.«

Antwort: »Bis 18 Jahre noch ein Kind?«

Frage: »Ja, und nach der IDF sind es zwölf Jahre?

Antwort: »Ja, so sagt es die IDF ihren Soldaten. Aber ich weiß nicht, ob die IDF das auch so zu den Medien sagt.«

An anderer Stelle wird die Frage: »Ist es einfach, auf den Kopf zu schießen«, von dem Scharfschützen bejaht, denn »die Jungs, die Molotow-Cocktails werfen, oder sogar schießen, stoppen instinktiv für einige Sekunden, bevor sie werfen oder schießen. Wenn der Junge stoppt, dann ist der Kopf kein Problem, selbst wenn man weit weg ist.« Ob die Scharfschützen den Befehl bekommen, auf den Kopf zu zielen, will Haaretz wissen? Das sei ganz selbstverständlich, war die Antwort, denn »wenn sie einem Scharfschützen den Befehl geben zu feuern, dann beabsichtigt der, den Kopf zu treffen. Denn wenn ein Scharfschütze schießt, dann schießt er, um zu töten. Es sei denn, daß man spezielle Order bekommt, in die Beine zu schießen, aber in diesem Krieg ist das nicht oft vorgekommen.«

Der Scharfschütze lobt an anderer Stelle die Zurückhaltung der Armee: »Die IDF schießt sehr selektiv, sie erschießt nur die, die erschossen werden müssen - wenigstens in 90 Prozent der Fälle. Das soll heißen, jeder, der einen Molotow-Cocktail wirft oder der jemand anderen töten könnte, wird von uns erschossen.« Allerdings gesteht der israelische Scharfschütze auch ein, daß es Soldaten und Einheiten bei der IDF gibt, die »sehr auf das Schießen erpicht sind«. Diese Art der »mangelnden Zurückhaltung«, dieses »Verlangen zu schießen«, könnte sich zu einem ernsten Problem für die IDF entwickeln.



Manifest unabhängiger Beobachter in Palästina

Ebenfalls aus der jungen welt (27. 11. 2000) stammt folgendes Manifest von Ausländern, die sich in den Autonomiegebieten aufhalten:

Nach Mitteilung der Association médicale France-Palestine organisieren sich derzeit die in den palästinensischen Gebieten lebenden Ausländer. Anfang letzter Woche haben auf einen Aufruf griechischer, italienischer und spanischer Frauen hin mehrere hundert ausländische und palästinensische Frauen in Ramallah für den Schutz des palästinensischen Volkes demonstriert. Sie repräsentierten rund 20 verschiedene Nationen. Im gleichen Sinne haben Dutzende Ausländer das folgende Manifest unterzeichnet, das jetzt veröffentlicht wurde:

Wir nicht-palästinensische und nicht-arabische Bürger, die in den besetzten palästinensischen Gebieten von Gaza und dem Westjordanland einschließlich Ostjerusalems leben, (...) bedauern die Entscheidung verschiedener konsularischer und diplomatischer Vertretungen, ihre Angestellten und Staatsangehörigen zu repatriieren. Das Gleiche gilt besonders für die Agenturen der UNO und anderer internationaler Organisationen, die die Palästinenser just in dem Augenblick ihrem Schicksal überlassen haben, in dem sie am meisten der Dienste und Präsenz internationaler Kräfte bedürfen. (...)

Was uns betrifft, so werden wir hier an Ort und Stelle bleiben, wo die Pflicht und die Ehre unsere Anwesenheit verlangen. Das ist keineswegs nach dem Geschmack der Besatzer, die, nachdem sie den Vertretern der Medien wiederholt Warnungen übermittelt haben, indem sie einige von ihnen angeschossen haben, einen deutschen Arzt, Dr. Harald Fischer, nicht geschont haben. (...) Trotzdem werden wir mit unseren Ehemännern, Ehefrauen, Kindern und Eltern hier bleiben, um unsere legitimen und heute essentiellen Aktivitäten als Arbeiter und Zeugen des Kampfes und der Leiden des palästinensischen Volkes fortzuführen. Wir werden in unserem Entschluß durch die Erklärungen des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen (Resolution Nr. 1322 vom 7. Oktober 2000), von Amnesty International, der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Frau Mary Robinson, die alle die übermäßige Gewaltanwendung seitens Israels bedauern, bestärkt. Wir fragen uns, weshalb das Internationale Komitee vom Roten Kreuz nicht den Mut aufbringt, von seinem Sitz in Genf aus ganz laut und in aller Form in einer Erklärung das zu sagen, was seine Delegierten privat sagen. Und wir nehmen die Worte der Resolution vom 12. November 2000 des Forums der Euro-Mediterran-Konferenz von Marseille, das die Zivilgesellschaften von 27 Staaten einschließlich Israels repräsentiert und die die von den israelischen Soldaten und Siedlern begangenen »Kriegsverbrechen« verurteilt, zur Kenntnis.

Inzwischen sind und bleiben wir die internationalen Beobachter und tun alles in unserer Kraft stehende, um die Welt darüber zu informieren, was in Palästina stattfindet. (...)

Die Schaffung eines lebensfähigen palästinensischen Staates ist eine wesentliche Bedingung für den Frieden im Nahen Osten. Um das zu erreichen, rufen wir dazu auf, daß eine große Zahl von Menschen aus allen Teilen der Welt kommen möge und an der Seite des palästinensischen Volks arbeiten und als internationale Beobachter in Palästina dienen möge. Wir heißen sie willkommen.



Zurück zur Seite "Naher Osten"

Zurück zur Seite "Regionen"

Zurück zur Seite Homepage