Nahostkonflikt, Krieg, Bethlehem, Zerstörung, Terror, Belagerung, Geburtskirche, 08.05.2002 (Friedensratschlag)
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Die Zerstörung Bethlehems - Terrorbekämpfung?

Ein Augenzeugenbericht von Viola Raheb

Von Ulrike Bechmann (Universität Bamberg) haben wir einen Augenzeugenbericht über die Lage in Bethlehem erhalten, den wir im Folgenden dokumentieren.


Der Krieg gegen Terror nimmt viele Gesichter an. Die politischen Koalitionen werden immer neu gemischt. Vor ca. einem Monat begann die israelische Militaeroffensive in den palaestinensischen Gebieten. Fuer die Regierung Scharons eine klare Aktion gegen die sogenannten "Terrornetze" Palaestinas. Die am Anfang noch unter internationale Kritik geratene Politik ist inzwischen eine geduldete Politik, sowohl seitens der Europaer als auch seitens der Amerikaner. Die Welt, die vor dieser Militaeroffensive um zukuenftige politische Loesungen des Konfliktes bemueht war, ist heute vor allem damit beschaeftigt, einen sogenannten ‚Waffenstillstand' zu erreichen und - dringender noch - die Belagerung der Geburtskirche und des Sitzes Arafats zu beenden. Reflektiert man ueber die Geschehnisse der letzten Wochen in Palaestina insgesamt und in Bethlehem speziell, so wird einem klar: Alles, was hier geschieht, hat kaum mit Terrorbekaempfung zu tun, sondern vielmehr mit der systematischen Zerstoerung Palaestinas als Gesellschaft. Die Regierung Scharons nimmt die internationale "Mode" der Bekaempfung des Terrors als Vorwand, um sicherzustellen, dass Palaestina fuer Jahrzehnte nicht in der Lage sein wird, ein funktionierenden Staat zu werden.

1. Die Infrastruktur wird zerstoert: Waehrend der letzten Jahre haben sich viele Initiativen zusammengefunden, um die Stadt Bethlehem zu restaurieren und fuer das Jahr 2000 vorzubereiten. Strassen wurden neu gemacht, der Bereich der Altstadt gepflastert und zu einer Fussgaengerzone entwickelt. Wasser, Strom und Telefonleitungen wurden neu verlegt. Millionen von Entwicklungshilfegeldern wurden in diese Restaurierung investiert. Mehrere europaeische Laender haben sich daran beteiligt, die Geburtsstadt Jesu fuer das Jubilaeumsjahr vorzubereiten. Schaut man sich die Strassen Bethlehems jetzt nach nur drei Wochen der israelische Militaeroffensive an, so kommt es einem vor, als waere diese Stadt eine Ruinenstadt. Die Strassen existieren kaum noch, Gehwege sind kaum zu erkennen, Verkehrszeichen liegen zertruemmert auf dem Boden, Wasser-, Strom- und Telefonleitungen liegen gekappt auf den Strassen, und die Liste kann noch verlaengert werden. Doch was hat die Infrastruktur einer Stadt wie Bethlehem mit Terror zu tun?! Was haben Ampeln, Sanitaetsanlagen, Baeume, Denkmaeler mit der Sicherheit des Staates Israels zu tun?! Diese Frage muesste man der Regierung Scharons wohl stellen, ebenso aber muessste man diese Frage den vielen Laendern stellen, die sich an dieser Restaurierung beteiligt haben. Waehrend der letzten Jahre haben wir desoeftern Einwaende der Geldgeberstaaten bezueglich eines unangemessenen Umgangs der PA (Palaestinensischen Autonomiebehoerde) mit den Entwicklungshilfegeldern gehoert, was verstaendlich ist. Denn letztendlich muessen ja die Regierungen Verantwortung gegenueber den Steuerzahlern tragen. Diese pragmatische Haltung haette dazu fuehren mueesen, dass wohl dieselben Staaten jetzt auch kritisch ihre Stimmen erheben, wenn das Militaer binnen weniger Tage alles zertruemmert, was an Hilfe geleistet wurde. Doch ueberraschenderweise wurde erst vor ein paar Tagen in Norwegen ein Treffen der Geldgeberstaaten organisiert, bei dem beschlossen wurde, dass die Europaer wohl zusaetzliche 300 Millionen US Dollar an die PA geben, um die Schaeden zu beheben, die bei dieser Militaeraktion zugefuegt wurden. Dies geschieht in einer Zeit, in der die Regierung Scharons schon offenlegt, dass der Einmarsch in die sogenannten "Autonomen" Zonen auch in der Zukunft eine Option bleibt. In diesem Sinne kommen die Entwicklungshilfegelder gerade recht, um die Staedte fuer die naechste Zerstoerungsaktion vorzubereiten!

2. Fundamente einer zivilen Gesellschaft: Jahrzehnte unter Besatzung ohne eigene politische Fuehrung vor Ort fuehrte dazu, dass sich in Palaestina im Gegensatz zu anderen arabischen Laendern die zivile Gesellschaft staerker entwickelt hatte. In allen Staedten sind Nichtregierungsorganisationen entstanden, die sich Fragen der Gesellschaft gewidmet haben. Bethlehem ist hierbei keine Ausnahme. Die Stadt hat während der letzten 35 Jahre israelischer Besatzung viele verschiedene Organisationen beheimatet, die in den verschiedensten Bereichen gesellschaftlicher Arbeit taetig sind, so beispielsweise im medizinischen Bereich, bei Bildungs- oder Menschenrechtsfragen usw. Es waren Institutionen, die sich darum bemueht haben, Menschen in diesem Land Hoffung inmitten all der Hoffnungslosigkeit, die sich breit machte, zu geben. Doch was haben diese Organisationen mit Terror zu tun? Die Frage muesste man ebenso der Regierung Scharons stellen. Denn in den vergangenen Wochen hat das Militaer wohl kaum eine Institution ausgelassen, ohne sie mit Panzergranaten und Maschinengewehren anzugreifen. Das neue Gebaeude der Universitaet Bethlehems wurde bombardiert, das Internationale Begegnungszentrum Bethlehems ist ebenso beschossen und bombardiert worden, die Krankenhaeuser sind auch nicht verschont worden, Schulen teilen den gleichen Schicksal. Damit wird dafuer gesorgt, dass Palaestina fuer die naechsten Jahre zu einem Entwicklungsland wird, das weiterhin auf die Hilfe der Internationalen Gemeinschaft angewiesen ist, um wieder auf die Beine zu kommen. Zugleich hat die Regierung Scharon dafuer gesorgt, dass alle PA-Institutionen dem Boden gleich gemacht wurden. Das Bildungsministerium, das Innenministerium, das Wirtschaftsministerium und vieles mehr. Jetzt heisst es nur noch: Chaos! Will ein Schueler eine Kopie seiner Abiturpruefung, so liegen keine Dokumente vor; will jemand eine Geburtsurkunde, so gibt es keine Unterlagen mehr. Damit wird dafuer gesorgt, dass die PA, auch wenn sie das Ganze hier ueberstehen sollte, über Jahre damit beschaeftigt sein wird, ihre Teile wieder zusammenzufuehren. Gleichzeitig wird verkuendet, dass die Israelische Zivile Administration, die vor Oslo das gesamte Leben in Palaestina in der Hand hatte, wieder belebt wird. Viele sehen darin eine grosse Gefahr. Aber blickt man hinter die Fassade, so wird einem klar, dass die Situation sich nur vordergruendig veraendert, aber nicht im Kern. Das Gesicht der Besatzung wird in dem Moment wieder sichtbar, in dem die Schminke verschwindet. Ja, in den vergangenen Jahren hatte Israel alle Entscheidungen ueber Palaestina in der Hand, allerdings hinter den Kulissen. Jetzt heisst es: Maske ab! Daher gilt meine Sorge nicht der Zukunft der PA, sondern vielmehr der Zukunft der zivilen Gesellschaft. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass wir ohne die PA unser Leben organisieren koennen, doch nicht ohne die vielen engagierten "Grass-Roots"-Organisationen.

3. Die Wuerde des Menschen: In den vergangenen Wochen hat die Regierung Scharons alles unternommen, um den Menschen hier vor Ort alles wegzunehmen inklusive ihrer menschlichen Wuerde. Menschen sind seit jetzt bald mehr als einen Monat ohne Arbeit, ohne jene Moeglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie sind zu Gefangenen ihrer eignen vier Waende geworden, oft ohne Strom, Wasser und Telefonleitungen. Immer mehr Menschen kaempfen nun um das einfache Ueberleben. Immer mehr Menschen werden soweit gebracht, Schlange zu stehen, um sich die notwendigen Lebensmitteln zu besorgen, und dabei begeben sie sich jedes Mal in eine lebensgefaehrliche Situation. Menschen werden taeglich an den Punkt gebracht, sich selbst und ihr Leben aufzugeben. Was haben Brot und Wuerde mit der Sicherheit des Staates Israel zu tun? Diese Frage muesste der Regierung Scharons gestellt werden ebenso wie den vielen Internationalen Organisationen und Laendern, die sich auch daran beteiligen. Wenn ich manchmal aus dem Fenster blicke und sehe, wie Menschen Schlange stehen, um sich ein wenig Mehl, Zucker und Reis zu besorgen, dann blutet mir das Herz und ich sehe Afghanistan vor mir. Ja, Afghanistan, wo die Amerikaner den Fluechtlingen im gleichen Zug Bomben und Essen gaben. Bomben, weil sie sich in dieser Fremde fuerchten, und Essen, weil sie sich damit ein gutes Gewissen kaufen wollen. Wirft man nur Bomben, dann werden viele nicht gut schlafen koennen und von Albtraeumen verfolgt werden. Das Essen sorgt fuer einen ruhigen albtraumfreien Schlaf! Die Internationale Gemeinschaft unterstuetzt einen Staat Palaestina. Das ist keine grosse Leistung, wenn sogar Scharon dies unterstuetzt, wenngleich nur auf 50 Prozent der geographischen Flaeche der Westbank und des Gazastreifens. Doch sie wollen einen Staat haben, in dem Menschen sich daran gewoehnt haben, ihre Hand nach dem taeglichen Brot auszustrecken. Menschen, die sich mit der Rolle des Untertans zufrieden geben und somit gute Kandidaten fuer politische Manipulationen sind.

Wer durch die Strassen Bethlehems geht spuert eine starke Ambivalenz der Lage. Zum einen blutet einem das Herz bei der Betrachtung der Zerstoerung, zum anderen spuert man die Widerstandskraft der Menschen, die trotz allem und allem zum Trotz sich noch auf die Strassen wagen. Scharon hat vielleicht alles Materielle zerstoert. Das ist eigentlich auch keine grosse Leistung fuer den bestbewaffneten Staat in der Region. Doch er kann und wird nie den Willen der Menschen fuer Freiheit und Gerechtigkeit zerstoeren koennen. Das lehrt uns die Geschichte. Uebrigens auch die juedische Geschichte!

Viola Raheb


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