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"Die meisten Hütten sind Trümmerhaufen"

Hunger, Seuchengefahr, aber auch Hoffnungsschimmer: Myanmar sechs Tage nach Zyklon "Nargis"

Von Michael Lenz, Bangkok *

Nach dem verheerenden Zyklon »Nargis« lässt Myanmars Militärregierung erste Hilfslieferungen ins Land. Selbst die UNO spricht von einem kaum zu erahnenden Ausmaß an Zerstörung.

Allmählich dringen Details aus dem Katastrophengebiet im Irrawaddy-Delta, wo am 2. Mai der tropische Wirbelsturm »Nargis« mindestens 80 000 Tote gefordert hat, nach außen. »Jetzt sterben die Menschen sogar durch den Mangel von Nahrungsmitteln und Wasser«, berichtet eine Anwohnerin aus dem Distrikt Laputta gegenüber dem Exilmagazin »The Irrawaddy«.

Zu Hunger, Obdachlosigkeit und der Trauer um tote Freunde und Verwandte kommt in dem Gebiet, wo laut UN-Angaben rund eine Million Menschen obdachlos geworden ist, die stündlich wachsende Gefahr von Seuchen und Krankheiten. »Viele Leute werden krank«, warnt James East, Sprecher der Hilfsorganisation World Vision, in Bangkok. Das größte Problem sei durch menschliche Leichen und Tierkadaver verseuchtes Wasser.

»Selbst in der Hauptstadt Rangun gibt es kaum Strom oder sauberes Wasser«, berichtete die Deutsche Salome Roller telefonisch der Agentur epd. Preise für Wasser und Nahrungsmittel seien um das Drei- bis Sechsfache gestiegen. Von den Verwüstungen seien besonders die ländlichen Regionen betroffen. »Die meisten Hütten sind nur noch Trümmerhaufen, auf denen Menschen umgeben von Wasser ausharren«, berichtet die 20-jährige Duisburgerin, die ein freiwilliges soziales Jahr in einer Schule in Myanmar absolviert.

Das Land ist in keiner Weise auf die Bewältigung einer Katastrophe solchen Ausmaßes vorbereitet, meint Joel Charmy von der Flüchtlingshilfsorganisation »Refugees International«. Der Experte, der erst im März im UN-Auftrag die Situation analysiert hat, sieht in der Militärdiktatur des Landes die wesentliche Ursache für das Versagen der Behörden. »Das autoritäre System verhindert Initiativen auf der lokalen Ebene. Diese aber sind in jeder Notsituation absolut essenziell«, meint Charmy.

Oppositionsgruppen kritisieren die Passivität der Führung. »Die ist so besessen von dem Referendum über den Verfassungsentwurf am Sonnabend (10. Mai), dass sie sich um nichts anderes kümmert«, sagt etwa Sai Khuensai Jaiyen, Direktor der Nachrichtenagentur »Shan Herald« in Bangkok. Dann erzählt er die Geschichte von den 200 Wasserbüffeln, die in einem Dorf im östlichen Shan-Staat kürzlich an einer mysteriösen Infektion verendet sind. »Die regimetreuen lokalen Behörden haben den Menschen gesagt, es gebe keinen Grund zur Sorge. Die neue Verfassung löse alle Probleme.«

Mittlerweile sind erste Hilfslieferungen internationaler Organisationen wie Save the Children mit Plastikplanen für Notunterkünfte, Kochgeräten und Wasserreinigungstabletten in die Krisenregion unterwegs. Auch das UN-Welternährungsprogramm berichtet von ersten Lebensmitteltransporten für die Überlebenden der größten Naturkatastrophe in Südostasien seit dem Tsunami. Aber das ist vorerst nur der berühmte Tropfen auf den sehr heißen Stein. Viele Hilfsorganisationen klagen bislang über die äußerst schleppende Visaerteilung. Die Militärs misstrauen den westlichen Nichtregierungsorganisationen und den Vereinten Nationen, die sie als »Agenten des Neokolonialismus« sehen.

Auch mit dem Transport von Hilfsgütern in das Land hapert es noch. »Wir können umgehend große Mengen von Wasserreingungstabletten aus unseren Lagern in Dubai und Deutschland bringen«, sagt World-Vision-Sprecher East und fügt hinzu: »Aber wir haben noch immer keine Genehmigung, um die Hilfsgüter einfliegen zu können.« East hofft, dass die Regierung schon bald im großen Stil Hilfe ins Land lässt. Immerhin gebe es Erfahrungen mit »Katastrophenhilfe in politischen Krisengebieten«: In Aceh herrschte zwischen Unabhängigkeitskämpfern und der indonesischen Armee Krieg, als die Region vom Tsunami verwüstet wurde. In Sri Lanka war der von der Rebellenorganisation »Tamil Tigers« beherrschte Norden schwer betroffen. In der indonesischen Provinz habe sich -- freilich anders als in Sri Lanka -- durch die Tsunamihilfe die »Tür zu einer humanitären Freundschaft« geöffnet, die Aceh letztlich den Frieden brachte, sagt East, der seinerzeit selbst am Ort war.

Vielleicht öffnet sich jetzt auch in Myanmar eine Tür. Joel Charmy sieht durch den Zyklon die »Chance der Wiederbelebung der Beziehung zwischen der Regierung Myanmars und der internationalen Gemeinschaft, wenn in den kommenden Wochen die Großzügigkeit der Welt deutlich wird«.

* Aus: Neues Deutschland, 9. Mai 2008


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