Mexiko: "Unsere Töchter sollen zurückkehren", 22.12.2005 (Friedensratschlag)
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"Unsere Töchter sollen zurückkehren"

Im mexikanischen Ciudad Juaréz wurden in den letzten Jahren Hunderte von Frauen ermordet

Von Andrea-Maria Streb*

In den letzten Jahren wurden im Norden Mexikos Hunderte junger Frauen ermordet. Die Polizei schaut weg. Familienangehörige und Frauenrechtlerinnen versuchen, Licht ins Dunkel zu bringen – und werden selbst bedroht.

Die Frau sitzt vor einem Holzkreuz auf einem Stück Brache im mexikanischen Ciudad Juaréz. Eine unwirtliche Gegend. Im Hintergrund ist ein Gewerbegebiet zu erkennen. Norma Andrade erzählt vom Verschwinden ihrer Tochter, der das Kreuz gewidmet ist. Wie Alejandra Lilia eines Abends nicht von der Arbeit nach Hause kam. Wie auf Hoffnung Angst folgte, als sie auch am nächsten Tag nicht auftauchte. Vergeblich versuchte Norma, eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Drei Tage müsse sie warten, gab ihr die Polizei zu verstehen. So lange wollte die Familie nicht warten und machte sich auf die Suche. Wenig später hörten sie, dass man eine junge Frau gefunden hatte. Die Tote war Alejandra – misshandelt, entstellt, vergewaltigt, weggeworfen wie Abfall.

In den letzten Jahren wurden im Norden Mexikos, unweit der Grenze zu den USA, über 1000 junge Frauen ermordet. Trotz dieser hohen Zahl schaut die Polizei tatenlos zu. Gemeinsam mit der Lehrerin Marisela Ortiz ergriff Norma deshalb selbst die Initiative. Sie wollten das Schweigen brechen und die Behauptung entkräften, nur Prostituierte und Barmädchen wären betroffen und »seien selbst schuld«. Familien und Freunde von Vermissten und Getöteten schlossen sich an und gründeten im Jahr 2001 die Organisation Nuejas Hijas de Regreso a Casa (NHRC): Unsere Töchter sollen nach Hause zurückkehren.

NHRC-Direktorin Marisela Ortiz ist dieser Tage in der Bundesrepublik unterwegs. Mit einem Film will sie die internationale Öffentlichkeit über die Geschehnisse in ihren Heimat aufklären. Denn in Mexiko interessiert sich bis heute kaum jemand für das Schicksal der jungen Frauen. Schlimmer noch: NHRC-AktivistInnen werden bedroht, verfolgt und misshandelt. Polizisten, Staatsanwälte, regionale Regierungen sind daran beteiligt, üben Druck auf Mütter und Väter aus. Sonderkommissionen und Menschenrechtsbeauftragte werden eingesetzt, erhalten aber keine Kompetenzen. Ermittlungen werden schlampig geführt, ernsthaften Anstrengungen, die Morde aufzuklären, ein Riegel vorgeschoben. Obgleich die Taten auf eine gut strukturierte Organisation hinweisen, wird von Einzeltätern gesprochen. Die Medien unterstützen eine Sichtweise, die den Opfern die Schuld zuschreibt.

Ganz anders die These von Marisela Ortiz. Mit der Journalistin und Frauenrechtlerin Diana Washington aus den USA sowie der brasilianischen Forscherin Rita Laura Segato glaubt sie, dass die Täter in den Reihen der mächtigen Drogenmafia zu finden sind, zu der auch Mitglieder der örtlichen High Society und reiche Unternehmer gehören. Die Morde dienten als »Kommunikationsmittel«, sagt Segato, um die Macht der mafiosen Gruppen unter Beweis zu stellen, Gegner einzuschüchtern und Mitglieder über das »Ritual« der Misshandlung und Ermordung von Frauen eng an sich zu binden. Die Polizei sei beteiligt, entführe die Frauen und kümmere sich um die Beseitigung der Leichen, so Ortiz, die selbst bedroht wird: Der zuständige Staatsanwalt empfahl ihr dringend, das Engagement zu beenden, und fragte sie: »Haben Sie denn keine Angst, dass Ihren Töchtern dasselbe zustößt?«

Gefördert werden die Morde durch soziale Probleme. Seit In-Kraft-Treten des nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA im Jahr 1994 entstanden entlang der mexikanisch-US-amerikanischen Grenze zahlreiche Fabriken, in denen Beschäftigte zu niedrigen Löhnen Waren für den Weltmarkt produzieren. In diesen Maquilas arbeiten vor allem Frauen, die – oftmals allein – aus dem ganzen Land nach Ciudad Juaréz kommen.

NHRC kämpft gegen das System aus Schweigen, Repression und Straflosigkeit. Die AktivistInnen gehen immer wieder an die Öffentlichkeit, verlangen Akteneinsicht. Die Organisation bietet den Angehörigen der Opfer auch rechtliche und psychologische Hilfe. Sie sucht Kontakt zu anderen Aktiven, die mit ähnlichen Geschehnissen konfrontiert sind – etwa in Guatemala. Neuestes NHRC-Projekt ist ein Radiosender, um Gegenöffentlichkeit zu schaffen und die Frauen über ihre Rechte zu informieren. Die zuständige Regierungsbehörde verweigert bisher allerdings die Sendelizenz. Vor wenigen Tagen starteten Marisela Ortiz und ihre Mitstreiterinnen eine Kampagne für ihr »RadioFem – 0 Rompiendo el Silencio«, um endlich das Schweigen zu brechen.

Internethinweis: www.mujeresdejuarez.org

* Aus: Neues Deutschland, 20. Dezember 2005


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