Mali: Die Wüste wächst, 23.12.2011 (Friedensratschlag)
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Die Wüste wächst

Der Sahelstaat Mali soll Vorreiter bei der Klimaanpassung werden, doch 2012 droht eine Katastrophe

Von Philipp Hedemann, Bamako *

Mali ist von den Folgen des Klimawandels arg betroffen. Der Weltklimagipfel hat dem Land wenig gebracht. Die zehn Millionen Euro, die Bundesumweltminister Norbert Röttgen der Regierung Malis zusagte, sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Damit soll der Sahelstaat in puncto Anpassungsfähigkeit eine Vorreiterrolle einnehmen.

Für Modibo Keita ist die Sache klar. So etwas Gewaltiges kann nur der allmächtige Gott bewirken. Seit über zwei Monaten hat es keinen Tropfen geregnet, die gesamte Hirse auf seinem Feld im Süden Malis ist vertrocknet. Der Bauer weiß nicht, wie er im nächsten Jahr seine sechs Kinder ernähren soll. Was der fromme Muslim für eine Laune Allahs hält, halten Wissenschaftler für die ersten Auswirkungen des Klimawandels.

Wenn Keita an seinem Hirsefeld vorbei geht, wendet er den Kopf zum Himmel. Nicht weil er hofft, dort endlich eine Wolke zu entdecken. Er kann den Anblick seines vertrockneten Feldes einfach nicht mehr ertragen. »Die Pflanzen sollten jetzt grün und saftig, die Kolben voll und schwer sein. Stattdessen ist alles vertrocknet«, klagt der 37-Jährige. Heute ist er ausnahmsweise einmal in sein staubiges Feld gegangen, das Wegschauen hilft ja doch nicht.

Auf die Missernte folgt die Hungersnot

»In guten Jahren ernte ich acht Tonnen, dieses Jahr werden es höchstens zwei. Ich weiß, dass wir im nächsten Jahr hungern werden«, sagt der Bauer. Er spricht aus, was die Hilfsorganisationen (noch) nicht aussprechen dürfen. »Dieses Jahr hat die Regenzeit viel zu spät begonnen und viel zu früh aufgehört. Offiziell darf nur die Regierung eine drohende Hungersnot ausrufen, aber ...«, sagt Famoury Jean Kamissoko, Klimawandel-Experte von Stop Sahel. Mit Unterstützung von Oxfam Deutschland kämpft die malische Organisation dagegen, dass die Sahara sich im dreizehntärmsten Land der Welt nicht noch weiter nach Süden ausdehnt. Bislang mit wenig Erfolg. »Die Wüste wächst. Die Zone, in der es keine ausreichenden Niederschläge gibt, ist in den vergangenen 20 Jahren um 200 Kilometer nach Süden gewandert. Wir haben immer häufiger schlimme Dürren. Das ist der Klimawandel«, sagt der Experte.

Der Weltklimarat IPCC stellte im November in der ugandischen Hauptstadt Kampala einen Sonderbericht zum Thema extreme Wetterphänomene vor. Demnach werden Hitzewellen, Dürren, Starkregen und Überflutungen in Zukunft wahrscheinlich zunehmen. Darunter werden vor allem die Ärmsten der Armen leiden. Laut dem Bericht ereigneten sich 95 Prozent der durch Naturkatastrophen verursachten Todesfälle zwischen 1970 und 2008 in Entwicklungsländern.

Klimawandel oder Allah, Bauer Keita weiß nur, dass das Leben für ihn und seine Großfamilie immer schwerer wird. Obwohl alle in seiner Familie seit Jahrhunderten Bauern sind, dachte der sechsfache Vater in diesem Jahr zum ersten Mal ans Aufgeben. Doch ihm fiel nicht ein, wie er seine Familie sonst ernähren könnte. Keita ging nie zur Schule, kann weder lesen noch schreiben, hat nichts gelernt, außer das Feld zu bestellen. Als er vom verdörrten Feld kommt, sitzt seine Schwägerin Dabadje Souo vor ihrer aus Zweigen geflochtenen, mit Lehm verputzten und mit Gras gedeckten Hütte. In ihrem Schoß liegt ihr Sohn Namke. Er ist erst einen Monat alt. »Ich hoffe, Gott schickt bald Regen, damit ich meinen Sohn ernähren kann«, sagt die 18-Jährige im Dorf Berenimba.

Während die Ernte in Berenimba auf den Feldern verdorrt, ist das wenige Kilometer entfernt liegende Dorf Balandougou so etwas wie eine Oase inmitten von Staub und Hitze. Vor vier Monaten weihte Stop Sahel dort einen Staudamm ein. Das deutsche Entwicklungsministerium finanzierte über Oxfam den knapp 45 000 Euro teuren Bau. Seitdem haben die Bewohner Balandougous das ganze Jahr über genug Wasser, um ihre Felder zu bewässern und ihre Tiere zu tränken. »Ohne den Damm wären unsere Tiere in dieser schlimmen Dürre längst verendet«, sagt Ladji Coulibaly, Mitglied des Wasserkomitees des Dorfes. Doch der Segen des Staudamms könnte zum Fluch werden. »Wenn die Leute aus dem Norden erfahren, dass wir noch Wasser haben, könnten sie hierherkommen. Dann gibt es Streit, denn das Wasser reicht nicht für alle«, befürchtet die 76-jährige Kaime Diakite.

Genau wie der 84-jährige, fast blinde Dorfälteste Famakan Coulibali kann sie sich noch gut an die Zeiten erinnern, als Regen- und Trockenzeit sich regelmäßig abwechselten, genug Wasser für alle da war. »Unsere Väter konnten mit Hilfe der Sterne, der Pflanzen und der Tiere vorhersagen, wann es regnen wird, aber heute funktioniert das nicht mehr. Alles hat sich geändert«, flüstert der Alte.

»Als ich jung war, war alles grün und die Nächte waren kühl. Jetzt ist es heiß und die Brunnen fallen trocken. Die jungen Leute wollen unser Land verlassen und uns Alte mit den Problemen alleine lassen«, klagt auch der greise Birama Dembele.

Einer, der bald zum Klimaflüchtling werden könnte, ist Moussa Traoré. »Ich bin Bauer. Aber ohne Regen kann man nicht Bauer sein«, sagt der 26-Jährige. In einer Goldmine will er jetzt genug Geld verdienen, um sich eine Schiffpassage nach Spanien oder Frankreich zu kaufen. Traoré hat keinen Pass, spricht weder Spanisch noch Französisch, sondern nur die Landessprache Bamanankan, doch er glaubt, dass es in Europa oft regnet, er als ungelernter Arbeiter auf einer großen Farm viel Geld verdienen kann. »Ich bin arm, die Europäer sind reich. Sie werden mich sicher willkommen heißen«, hofft der Bauernsohn.

Auch Morissimo Diallo würde am liebsten abhauen. Über Europa weiß sie genau so wenig wie der junge Bauer Traoré. »Weil es in diesem Jahr nicht geregnet hat, war die Ernte so schlecht, dass meine Eltern es sich nicht mehr leisten konnten, mich zur Schule zu schicken«, erzählt die 15-Jährige. Der Besuch der Schule kostet im Monat umgerechnet 76 Cent.

Die vielen unfreiwilligen Schulabbrecher machen Birama Dembele, dem Ältesten aus dem Dorf Bagnagafata, große Sorgen. Wie alt er ist, weiß er nicht. So um die 100 schätzt er und will sich noch daran erinnern können, wie der riesige Bana-Baum, unter dem er jetzt sitzt, gepflanzt wurde. Was die Zukunft seinem Dorf und seinem Land bringen wird, vermag er nicht zu sagen. »Ich bin nie zur Schule gegangen. Wie das Wetter in Zukunft wird, wissen nur Gott und vielleicht die Wissenschaftler«, sagt Dembele, während in unmittelbarer Nähe eine Frau auf dem festgestampften Lehmboden ihrer Hütte stöhnend ein Kind zur Welt bringt. Die Prognosen der Wissenschaftler für das Neugeborene und ganz Mali sehen nicht gut aus.

»In Mali werden die Temperaturen wahrscheinlich weiter steigen und die Niederschläge zurückgehen. Die Getreideproduktion könnte bis zum Jahr 2100 um 30 Prozent sinken. Der Klimawandel könnte so mühsam erreichte Fortschritte im Kampf gegen die weltweite Armut der letzten Jahrzehnte zunichtemachen«, warnt Oxfam-Klimaexperte Jan Urhahn.

Viele Malier verbittert es, dass sie unter einem Phänomen leiden, das sie nicht selbst verursacht haben. Im nichtindustrialisierten Mali, wo über die Hälfte der Bevölkerung mit weniger als 1,10 Euro pro Tag auskommen muss, werden jährlich nur rund 600 000 Tonnen des den Klimawandel verursachenden Treibhausgases CO2 ausgestoßen. Alleine in Deutschland sind es 817 Millionen Tonnen. Die malische Regierung hat bereits einen ehrgeizigen Plan erstellt, wie das Wüstenland sich an die Folgen des Klimawandels anpassen kann. Doch bislang bleibt es überwiegend bei Lippenbekenntnissen, da das Geld für die Programme fehlt. Seitdem Muammar al-Gaddafi, einer der wenigen Förderer Malis, im Nachbarland Libyen gestürzt wurde, passiert noch weniger. Wo nicht internationale Hilfsorganisationen einspringen, geschieht meist nichts. Oxfam ist eine der Organisationen, die unter anderem mit Aufforstungs- und Bewässerungsprojekten und Aufklärungsarbeit einspringt.

Zuerst stirbt das Vieh, dann der Mensch

In Mali stirbt die viel zitierte Hoffnung erst, nachdem im besonders trockenen Norden des Landes schon viele Tiere an der Dürre verendet sind. Zuerst die Kühe, dann die Schafe, dann die Ziegen, dann die Kamele. Was danach kommt, wagt in Mali niemand auszusprechen, doch internationale Hilfsorganisation warnen bereits jetzt vor einer Hungersnot. Nach Schätzungen sind schon 30 Prozent der malischen Kinder unterernährt.

Die EU-Kommission stellt jetzt weitere zehn Millionen Euro zur Bekämpfung des Hungers in der Sahelregion zur Verfügung. Sieben Millionen Menschen in Mali, Niger, Tschad, Mauretanien, Nigeria und Burkina Faso leiden laut der EU nach Ernteausfällen bereits unter Hunger.

Noch bekommen die Kinder von Bauer Modibo Keita jeden Tag etwas zu essen, doch wenn er mit zum Himmel gerichtetem Blick an seinem verdorrten Hirsefeld vorbeigeht, denkt er oft darüber nach, wie er seinen Töchtern und Söhnen erklären soll, dass es bald vielleicht nichts mehr gibt.

* Aus: neues deutschland, 22. Dezember 2011


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