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Litauischer Aderlass an "Humankapital"

Der reiche Westen der Sowjetunion wurde zum armen Osten der EU

Von Hannes Hofbauer, Vilnius *

Den Wandel vom industrialisierten Vorposten der Sowjetunion zum Randgebiet der Europäischen Union hat auch Litauen nicht unbeschadet überstanden. Transformation bedeutete zunächst Krise.

Erst 15 Jahre nach dem Zusammenbruch der UdSSR ist Litauens Bruttonationalprodukt, pro Kopf gerechnet, wieder auf die Marke des Krisenjahres 1990 geklettert. Setzt man den Indikator der industriellen Produktion im Jahre 1990 bei 100 an, stellte sich Litauen 2004 mit 53,5 Punkten als weitgehend entindustrialisiert dar. »Wir haben alle großen Unternehmen, die in der Metallindustrie tätig waren, geschlossen«, gibt der Wirtschaftsprofessor Jonas Cicinskas von der Universität Vilnius zu Protokoll. »Teileproduktion für den sowjetischen Markt, das war die Spezialität der litauischen Industrie. Heute ist die Fabrik in Kaunas, die Bildschirme für Fernsehgeräte erzeugt hat, ebenso geschlossen wie die Teileproduktion für Traktoren und viele andere Betriebe. Die ganze Maschinenindustrie ist zusammengebrochen.« Entstanden sind daraus im besten Fall kleine Zuliefererfirmen für westliche Konzerne, die einem Bruchteil jenes Personals Arbeit geben, das vor 20 Jahren in der Branche beschäftigt war. »Litauen ist heute in keiner besonders guten wirtschaftlichen Position«, gesteht Professor Cicinskas, »wir befinden uns am Rande der Europäischen Union, unser Markt ist klein und uninteressant, weshalb die großen Investoren eher nach Polen gehen, und der Konkurrenzkampf mit den anderen baltischen Staaten ist hart.«

Zu einem ganz anderen Schluss kommen Weltbank und die liberale Wirtschaftspresse des Landes. Sie feierten im Frühjahr die neueste Veröffentlichung der US-amerikanischen »Heritage Foundation«, in deren Rangliste der »wirtschaftlichen Freiheit« jener Staat vorne liegt, der den »Global players« am wenigsten politische Hindernisse auf den Weg zur Profitmaximierung legt.

Litauen nimmt demnach unter 161 Staaten den 22. Platz ein. »Litauen hält unkomplizierte Verfahren für Unternehmen bereit ... Firmengründungen gehen schnell und sind billig«, lobt auch die Weltbank die Regierung in Vilnius. Und weiter: »Litauens Steuerregime ist generell unternehmensfreundlich. Die Einkommensteuer gehört zu den niedrigsten in der EU.« Ein formidables Zeugnis der Weltbanker für die politische Klasse des Landes.

Wie in fast allen osteuropäischen Staaten ist nach dem Beitritt zur Europäischen Union auch in Litauen die Arbeitslosigkeit zurückgegangen. Eine der Hauptursachen dafür ist die sprunghaft angestiegene Emigration. Seit 2004 suchen hunderttausende junge Menschen ihr Glück im Westen. Großbritannien, Irland und Schweden waren die einzigen Staaten der alten EU, die ihren Arbeitsmarkt für Menschen aus den neuen EU-Ländern sofort öffneten. 500 000 bis 700 000 litauische Arbeitsemigranten sollen sich auf den Weg über die Ostsee gemacht haben, offizielle Zahlen gibt es nicht. Bei einer Gesamtbevölkerung von 3,5 Millionen ist der Aderlass an »Humankapital« jedenfalls beträchtlich. »Zuerst sind die jungen Leute nach Spanien gegangen und haben dort unter noch schlechteren Bedingungen als die Marokkaner bei der Orangenernte gearbeitet«, weiß Cicinskas. »In einer zweiten Welle, nach dem EU-Beitritt im Mai 2004, waren die Zielländer Großbritannien und Irland, wo litauische Arbeitssuchende nun legal tätig sein dürfen.«

Der Verlust vor allem an qualifizierten Kräften macht sich bereits in verschiedenen Sektoren bemerkbar, so im Gesundheitswesen, das wegen drastischen Sparens ohnehin kränkelt. Aber auch in der Produktion stellen Ökonomen bereits einen Arbeitskräftemangel fest. Daher sind die Reallöhne von 2005 zu 2006 um 15 Prozent auf einen Durchschnittslohn von monatlich 400 Euro gestiegen. Was auf den ersten Blick erfreulich anmutet, ist Ausdruck eines Ungleichgewichts und gefährdet gerade jene auf Billiglohn beruhenden Sektoren, in denen Litauen auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig ist. Schon fährt der Globalisierungszug weiter in Richtung Osten. Manche postsowjetische litauische Betriebe schließen bereits wieder ihre Pforten, um in Belarus, im Kaliningrader Gebiet oder der Ukraine billigere Arbeitskräfte zu suchen. »Litauische Unternehmen haben die Gelegenheit genutzt, Fabriken in und um Kaliningrad zu kaufen, um dort Fleischkonserven, Süßigkeiten oder Kühlschränke herzustellen. Das Kaliningrader Gebiet ist unser wirtschaftliches Hinterland«, berichtet Cicinskas von einer Problemlösung auf neoliberalistische Art.

Die Strategie, den Druck auf den Arbeitsmarkt zu erhöhen, ist allerdings keine Lösung für die eigenen Probleme mit der Emigration. Überdies ist sie stark von Brüssel abhängig, denn das unter die Fittiche des Schengener Grenzregimes drängende Litauen wird demnächst nicht mehr eigenständig über den Personenverkehr mit Drittstaaten befinden können. Und dazu gehören Belarus und die russische Exklave Kaliningrad.

* Aus: Neues Deutschland, 4. Juni 2007


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