Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Die NATO integriert die Erfahrungen in Libyen in ihr Muster für den globalen Krieg

Von Rick Rozoff

Während der Krieg des Westens gegen Libyen in seinen vierten Monat kommt und das Nordatlantische Bündnis bereits mehr als 11.000 Einsätze, davon 4.300 als Kampfeinsätze, über die kleine Nation geflogen hat, ist der einzige militärische Block in der Welt dabei, die Lektionen aus dem Konflikt in sein internationales Modell militärischer Interventionen, gestützt auf frühere Kriege auf dem Balkan, Afghanistan und Irak einzubeziehen.

Was unter der NATO-Bezeichnung „Operation Vereinter Schutz“ (Operation Unified Protector) läuft, hat der Allianz den Rahmen geliefert, innerhalb dessen sie fortfährt mit ihrer Rekrutierung von der „Partnerschaft für Frieden“ beigetretenen Staaten wie Schweden und Malta, und den Partnerstaaten der „Istanbuler Kooperationsinitiative“, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate, sowie den Mitgliedsstaaten der „Mediterranen Dialog-Partnerschaft“, Jordanien und Marokko, für das weltweite Kriegsführungsnetzwerk des Bündnisses. Schweden, Jordanien und die Emirate haben den Internationalen Sicherheits-Unterstützungskräften (International Security Assistance Force) der NATO auch militärisches Personal zugewiesen in dem beinahe zehn Jahre andauernden Krieg in Afghanistan. Im Falle Schwedens haben Truppen dieser skandinavischen Nation in ihrem seit zwei Jahrhunderten ersten Kampfeinsatz – also töten und getötet werden – in Afghanistan geleistet; ferner hat die Luftwaffe acht Kampfflugzeuge für den Angriff auf Libyen gestellt, und die Marine soll bald folgen.

Das Führen militärischer Konflikte und die Durchführung anderer Interventionen durch die USA und ihre NATO-Verbündeten während der letzten zwölf Jahre – in und gegen Jugoslawien , Afghanistan, Mazedonien, Irak, Somalia, Sudan, Pakistan und Libyen – haben dazu beigetragen, das amerikanische Militärbudget während des letzten Jahrzehnts mehr als zu verdoppeln und die US-Waffenexporte im gleichen Zeitraum fast zu verfünffachen.

Das Pentagon und die NATO beenden zur Zeit die See-Übung Sea Breeze 2011 im Schwarzen Meer vor der Küste der Ukraine, in der Nähe des Hauptquartiers der russischen Schwarzmeer-Flotte in Sewastopol. Teilnehmer sind neben den USA und Großbritannien, Aserbeidschan, Belgien, Dänemark, Deutschland, Georgien, Mazedonien, Moldawien, Schweden, die Türkei und der Gastgeber Ukraine. Alle Staaten außer Algerien und Moldawien stellen Truppen für den NATO-Krieg in Afghanistan. Die einmal im Jahr stattfindenden Manöver wurden letztes Jahr wieder aufgenommen, nachdem das ukrainische Parlament sie 2009 verboten hatte. Die diesjährige Übung wurde arrangiert auf Initiative des Vorsitzenden der U.S. Joint Chiefs of Staff, Admiral Michael Mullen. Am letztjährigen Exerzieren von Sea Breeze, dem größten im Schwarzen Meer, waren 20 Kriegsschiffe beteiligt, 13 Flugzeuge und mehre als 1600 Soldaten aus den USA, Aserbeidschan, Belgien, Dänemark, Deutschland, Georgien, Griechenland, Moldawien, Österreich, Schweden, der Türkei und der Ukraine.

Dieses Jahr schloss sich der Lenkraketen-Kreuzer USS Monterey der Übung an. Dies Kriegsschiff ist das erste in das Mittelmeer und nun ins Schwarze Meer entsandte im Rahmen des Pentagon Raketenabfang-Programms Phased Adaptive Approach, ein Programm das in den kommenden Jahren aus wenigstens 40 Abfangraketen des Typs Standard Missile-3 bestehen wird, die in Polen und Rumänien und auf Zerstören und Kreuzern der Ägis-Klasse im Mittelmeer, dem Schwarzen Meer und der Ostsee stationiert werden. Verbesserte Modelle der Raketen, die Block IB, Block IIA und Block IIB, werden von russischen politischen Analysten und militärischen Kommandeuren als Bedrohung für Russlands Langstrecken-Raketen und als solche deshalb auch für das strategische Potenzial der Nation angesehen.

Wie ein ehemaliger indischer Diplomat, M.K. Bhadrakumar in einem Artikel kürzlich schrieb:

„Zweifelsohne ist die USA dabei, den Druck auf Russlands Schwarzmeer-Flotte zu erhöhen. Die Provokation der USA findet dabei statt vor der Kulisse der Unruhen in Syrien. Russland blockiert zur Zeit hartnäckig Versuche der USA, eine Unterstützung für eine Intervention in Syrien im gleichen Stil wie in Libyen zusammenzutrommeln. Russland sieht den Hauptgrund für die USA, auf einen Regime-Wechsel in Syrien zu drängen darin, den russischen Marine-Stützpunkt in dem Land zu schließen.

Diese Marine-Basis ist der einzige kleine Halt, den Russland in der Mittelmeer-Region besitzt. Die Schwarzmeer-Flotte hängt von der syrischen Basis ab, um überhaupt eine effektive Präsenz der russischen Flotte im Mittelmeer aufrecht zu erhalten. Mit dem Errichten militärischer Basen in Rumänien und dem Erscheinen von US-Kriegsschiffen in der Schwarzmeer-Region verengt sich der Bogen der Einkreisung.“


Die USS Monterey, deren Anwesenheit im Schwarzen Meer kritisiert wurde als Verletzung der Montreux Convention von 1936 wird ins Mittelmeer zurückkehren, wo sich bereits der neueste atomgetriebene Super-Flugzeugträger der USA, USS George H.W. Bush, befindet mit seiner Schlagkraft von 9.000 Diensttuenden und einem Geschwader von 70 Kampfflugzeugen, nachdem er kürzlich die U.S. Naval Forces Europe/Africa und das Hauptquartier der 6. Flotte in Neapel – passenderweise nördlich von Libyen gelegen – besucht hat.

Letzte Woche fand eine Zertifikations-Übung des amphibischen Angriffs-Schiffs, der USS Bataan, mit ihrem französischen Pendant, der FS Tonnerre, im Mittelmeer statt. Die Website der US-Marine konstatierte, dass die Zertifikation die Tonnerre „ mit zusätzlicher Flexibilität während ihrer Unterstützung der NATO-geführten Operation Unified Protector, dem Code-Namen für den Krieg der Allianz gegen Libyen, ausgestattet hat.“ Der USS Bataan Ready Groupv gehören geschätzte 2.000 Marineinfanteristen der 22nd Marine Expeditionary Unit und dutzende Kampfflugzeuge und Angriffs- wie andere Hubschrauber an, und sie steht bereit für einen Einsatz in Libyen und, wenn sich das Muster bewährt, in Syrien.

Die USA und die NATO-Partner und -Verbündeten – Ägypten, Albanien, Algerien, Griechenland, Italien, Kroatien, Malta, Mauretanien, Marokko, Spanien, Tunesien und die Türkei – führten die Marine-Übung Phoenix Express 2011 im östlichen und zentralen Mittelmeer vom 1. Bis 15. Juni aus, die auch aus Manövern zur Unterstützung der globalen US Proliferation Security Initiative bestand.

Weiterhin hielt früher in diesem Monat die NATO ihre diesjährige Luft- und Seeübung Northern Viking in Island ab, die neueste in einer Serie von zweijährig durchgeführtem Exerzieren unter diesem Namen, mit 450 NATO-Militärs aus den USA, Dänemark, Island, Italien und Norwegen. Die Website des United States European Command zitierte den Kommandeur der norwegischen Abordnung mit den Worten, „ Übungen wie (Northern Viking 2011) erlauben es den Piloten sich auf reale Szenarien ( real-world scenarios) vorzubereiten, wie z.B. Operation Odyssey Dawn, die Bezeichnung für die Militärkampagne des Westens in Libyen vom 19. Bis 30. März.

Diese Woche besuchte der NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen Großbritannien und Spanien, wo er sich mit Premierminister David Cameron und Außenminister William Hague bzw. Premierminister Jose Luis Zapatero, Außenminister Trinidad Jimenez und Verteidigungsminister Carme Chacon traf.

In London konzentrierte sich Rasmussen auf die Kriege in Libyen und Afghanistan, beide unter NATO-Kommando, und befürwortete die Errichtung eines europäischen Zweigs des US-amerikanischen internationalen Abfangraketen-Systems.

Vielleicht teilweise als Reaktion auf die Standpauke, die die NATO-Mitgliedstaaten kürzlich durch den US-Verteidigungsminister Robert Gates erhielten, dem gegenüber Rasmussen sich in Wahrheit, wenngleich nur inoffiziell, verantwortlich sieht, prahlte er:
„Die NATO wird mehr denn je gebraucht und verlangt, von Afghanistan bis zum Kosovo, von der Küste Somalias bis zu der Libyens. Wir sind beschäftigter als jemals zuvor.“

In Spanien wandte er sich an das Oberhaus des Parlaments in einer Rede mit dem Titel „ Die NATO und das Mittelmeer : die vor uns liegenden Wandlungen“ und, laut Website des Bündnisses, betonte er die sich wandelnde Rolle der NATO im Mittelmeerraum, mit dem besonderen Fokus auf die Operation Unified Protector und die führende Rolle der NATO in der Region.“ Ferner versprach er, dass „wir helfen können den arabischen Frühling wahrhaft zum Erblühen zu bringen.“ Libyen und Syrien, morgen Algerien und der Libanon fallen einem da ein als Objekte falscher Besorgtheit seitens der NATO, wie übrigens auch Ägypten und Tunesien, deren Militär von der NATO ausgebildet und dessen Kommandostrukturen in Übereinstimmung mit den Standards der Allianz umstrukturiert werden wie es zur Zeit im Irak durchgeführt wird, wie Rasmussen bereits verlauten ließ.

Der Krieg gegen Libyen, der erste Konflikt der NATO im Mittelmeerraum und auf dem afrikanischen Kontinent, verfestigt die Kontrolle über das Mittemeer, die bereits etabliert wurde mit der 2001 eingeleiteten Durchführung der Überwachungs- und Unterbindungsmission Operation Active Endeavor durch die NATO, unter Berufung auf Artikel 5 der kollektiven militärischen Beistandsklausel.

Während Rasmussen in Großbritannien war, sagte der russische Botschafter bei der NATO Dimitri Rogozin, dass die Atlantische Allianz „ in eine Bodenoperation hineingezogen wird“ und behauptete, „Der Krieg in Libyen bedeutet ... den Beginn ihrer Expansion nach Süden.“

Zwei Tage zuvor beendeten die USA und die NATO Baltic Operations (BALTOPS) 2011 , ein Unternehmen an dem 20 Schiffe aus elf europäischen Staaten und das Flaggschiff der im Mittelmeer stationierten 6. US-Flotte, die USS Mount Whitney und andere amerikanische Kriegsschiffe und Commander, Carrier Strike Group teilnahmen.

Parallel dazu wurde in der Ostsee die elftägige Übung Amber Hope 2011 (Bernstein Hoffnung) in Litauen am 13. Juni begonnen, unter Teilnahme von 2.000 Soldaten von NATO-Mitgliedsstaaten, wie USA, Kanada, Estland, Lettland, Litauen, Norwegen und Polen und den Mitgliedern der „Partnerschaft für Frieden“ Georgien und Finnland. Ehemalige Sowjetrepubliken und Assoziierte der „Partnerschaft für Frieden“ Armenien, Aserbeidschan, Kasachstan, Moldawien, die Ukraine und Weißrussland nahmen als Beobachter teil.

Die zweite Phase der Übung wird am 19. Juni beginnen, und laut litauischem Verteidigungsministerium „werden die Truppen einem bestehenden Szenario folgen, das auf Lektionen basiert, die Litauen und andere Staaten in Afghanistan, Irak und vor der somalischen Küste gelernt haben,“ letzteres eine Anspielung auf die zur Zeit ablaufende NATO-Operation Ocean Shield. Das Bündnis hat auch tausende ugandischer und burundischer Truppen auf dem Luftweg zum Kampf in die somalische Hauptstadt Mogadischu befördert.

Anfang dieser Woche hielt die NATO auch eine Konferenz mit militärischen Offiziellen aus 60 Mitglieds- und Partnerstaaten in Belgrad ab, d.h. in einem Land, das vor 12 Jahren von NATO-Kampfflugzeugen bombardiert worden war, in der auch der gegenwärtige dreimonatige Krieg in Lybien in den Fokus geriet.

Auf der „Strategischen Militärischen Partner Konferenz“ sprachen unter anderen der französische General Stephane Abrial, NATOs Supreme Allied Commander for Transformation, stationiert in Norfolk, Virginia, der erklärte, „Ich bin überzeugt, das die Operation in Libyen erfolgreich sein wird“, auch wenn er in seinem Eröffnungs-Erklärung zugestand, dass die Feindseligkeiten sich noch weit in die Zukunft hinziehen könnten.

Die Black Sea Rotational Force, eine Special Purpose Marine Air-Ground Task Force ( eine Sondereinheit der Marine für Luft-Boden Einsätze ) ließ militärischen Übungseinsätzen in Rumänien eine zweiwöchige Übung am 13. Juni in Bulgarien mit Truppen des Gastgeberlandes folgen, und danach auch in Serbien – wohin zum ersten Mal seit 2006 das Pentagon Truppen verlegte – auf einem von vier Luft- und Infanterie-Stützpunkte des Landes. Die vorausgegangene Übung in Rumänien fand auf einer von vier weiteren von dem Land erworbenen Militärbasen statt.

Die örtliche Presse berichtete, dass die meisten der beteiligten Marine-Infanteristen auf der Novo Selo Range geradewegs aus Afghanistan in Hercules-C-130 Transportmaschinen ankamen.

Oberstleutnant Nelson Cardella vom U.S. Marine Corps sagte über das Exerzieren, „ unsere Truppen werden ausgebildet um das Zusammenarbeiten unserer Stäbe zu verbessern“ für afghanische und andere zukünftige Kriege.

Die Standart News in Bulgarien kündigten an, dass „nächstes Jahr die Übung der Black Sea Rotational Force in Serbien stattfinden wird.

Die Aufgabe der Black Sea Rotational Force, die letztes Jahr entwickelt wurde, ist es, die Streitkräfte von zwölf Nationen auf dem Balkan, der Schwarzmeer-Region und dem Kaukasus – Albanien, Aserbeidschan, Bosnien Bulgarien, Georgien, Kroatien, Mazedonien, Moldawien, Montenegro, Rumänien, Serbien und der Ukraine –in die NATO zu integrieren für einen Einsatz in Afghanistan und anderer Kriegsgebiete und Konflikt-Folge-Situationen.

Jeder der Kriege, die die USA und ihre NATO-Verbündeten seit 1999 geführt haben, hat dem Pentagon und der Allianz neue Militärbasen beschert wie auch Expeditionsstreitkräfte-Verbände in unterworfenen und benachbarten Regionen in Südost-Europa, im östlichen Mittelmeerraum und am Persischen Golf, sowie in Süd- und Zentral-Asien.

Genauso wie die Kriege in Jugoslawien, Afghanistan und Irak dazu beitrugen, eine US-geführte internationale militärische Interventionskapazität der NATO zu entwickeln mit derzeitigen Einsatz gegen Libyen, so wird auch die Erfahrung mit Libyen angewendet für zukünftige Konflikte.

Übersetzung aus dem Englischen: Eckart Fooken

Originalartikel: NATO Incorporates Libyan Experience For Global War Template, in: Stop NATO, 18. Juni 2011); http://rickrozoff.wordpress.com


Zurück zur Libyen-Seite

Zur NATO-Seite

Zur Seite "Neue Kriege"

Zurück zur Homepage