Libanon: Tödliches Attentat in Beirut, 29.12.2013 (Friedensratschlag)
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Tödliches Attentat in Beirut

Oppositionspolitiker getötet *

Bei einem Bombenanschlag auf die libanesische Opposition sind in der Hauptstadt Beirut mindestens fünf Menschen getötet worden. Unter den Opfern ist auch der frühere Finanzminister Mohammed Schattah, ein Berater des ehemaligen Regierungschefs Saad Hariri, berichteten libanesische Medien. Der in einem Auto versteckte Sprengsatz explodierte am Freitagvormittag, als sich Politiker aus dem Umfeld Hariris zu einer Besprechung treffen wollten. 71 Menschen wurden nach Angaben von Rettungsdiensten verletzt. Die gewaltige Explosion war fast in der ganzen Stadt zu hören. Fernsehbilder zeigten ausgebrannte Fahrzeuge und Rettungsleute, die Verwundete bargen.

Die Lage in Libanon ist sowohl wegen der inneren Spaltung als auch wegen des Bürgerkriegs im benachbarten Syrien äußerst angespannt. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR leben derzeit offiziell etwa 800 000 syrische Flüchtlinge in Libanon. Vor einem Monat waren bei einem Selbstmordanschlag vor der iranischen Botschaft in Beirut mindestens 25 Menschen ums Leben gekommen.

In dem arabischen Mittelmeerland stehen sich pro- und antisyrische Parteien nahezu unversöhnlich gegenüber. Dem antisyrischen Block steht Hariris Zukunftsbewegung vor. Hariri war von 2009 bis 2011 Ministerpräsident des Landes. Sein Vater Rafik Hariri, der von 1992 bis 1998 und von 2000 bis 2004 an der Spitze der Regierung gestanden hatte, war 2005 bei einem Bombenanschlag getötet worden.

Das prosyrische Lager führt die schiitische Hisbollah-Bewegung an, die gegenwärtig auch die Regierung in Beirut dominiert. Ihre Milizen kämpfen an der Seite der Truppen von Präsident Baschar al-Assad im syrischen Bürgerkrieg. In Libanon kommt es zwischen den beiden Lagern immer wieder zu bewaffneten Zusammenstößen. Bei Bombenattentaten wurden seit 2004 zahlreiche Politiker und Journalisten sowie Offiziere des Geheimdienstes getötet.

* Aus: neues deutschland, Samstag, 28. Dezember 2013


Attentat in Beirut

Hariri-Berater und weitere fünf Menschen bei Autobombenanschlag getötet

Von Jürgen Cain Külbel **


Unbekannte Attentäter haben am Freitag im Zentrum der libanesischen Hauptstadt Beirut nahe des Regierungssitzes die Fahrzeugkolonne des früheren Finanzministers Mohamed Schatah in die Luft gejagt. Der 62jährige Politiker erlag noch am Tatort seinen Verletzungen. Ein 50 bis 60 Kilogramm schwerer Sprengsatz, versteckt in einem am Straßenrand geparkten Nissan, tötete nach Angaben des amtierenden Gesundheitsministers Ali Hassan Khalil insgesamt sechs Menschen. Mindestens 70 Personen erlitten Verletzungen, vier gelten noch als vermißt.

Die heftige Explosion, die sich um 9.40 Uhr Ortszeit ereignete, erschütterte das belebte Geschäfts- und Hotelviertel der Innenstadt und zerstörte im Umkreis von 400 Metern zahlreiche Häuser, Geschäfte und Fahrzeuge. Libanesische Fernsehsender zeigten dichten schwarzen Rauch, der nahe des Regierungssitzes aufstieg, sowie Bilder brennender und reglos auf der Straße liegender Menschen während Krankenwagen zum Attentatsort eilten.

Schatah, von 1997 bis 2000 Botschafter des Libanon in den USA, diente zuletzt dem früheren Ministerpräsidenten Saad Hariri als Berater. Er gehörte einer Koalition an, welche Söldner unterstützt, die im Nachbarland Syrien einen blutigen Krieg gegen Präsident Baschar Al-Assad führen. Als Gegner der schiitischen Hisbollah, die auf Seiten Assads kämpft, setzte er noch 59 Minuten vor seinem Tod eine Twitter-Botschaft ab: »Die Hisbollah macht Druck, um die gleiche Macht in Fragen der Sicherheits- und Außenpolitik zu bekommen, die Syrien 15 Jahre lang im Libanon ausgeübt hatte.«

Laut der Nachrichtenagentur ANI war Schatah am Freitag auf dem Weg zum Wohnpalast von Saad Hariri, wo er sich mit Personen aus dem Umkreis von Hariri zu einer Besprechung treffen wollten.

Hariris Vater, der Milliardär und Politiker Rafik Hariri, war am 14. Februar 2005 in Beirut zusammen mit 22 anderen Menschen ebenfalls bei einem Autobombenanschlag getötet worden. Ein von den Vereinten Nationen in Den Haag eingerichtetes Sondertribunal hat Mitglieder der Hisbollah wegen dieses Mordes angeklagt. Der Prozeß soll am 16. Januar 2014 beginnen. Saad Hariri machte am Freitag bar jeden Beweises die Hisbollah auch für den Bombenanschlag auf Schatah verantwortlich. »Soweit wir wissen, sind die Verdächtigen diejenigen, die vor der internationalen Justiz fliehen und sich weigern, sich einem internationalen Tribunal zu stellen.«

Libanons amtierender Regierungschef Nadschib Mikati erklärte zur gezielten Tötung Schatahs: »Die Ermordung zielte auf eine moderate Figur, die an den Dialog glaubte, die Logik, die Stimme der Vernunft und das Recht, unterschiedliche Standpunkte zu haben.« Mikati verurteilte zugleich alle Handlungen, die nur zu weiterer Gewalt und zu Tötungen führen, die »nur Chaos verursachen und weitere Schäden für die Nation«.

** Aus: junge Welt, Samstag, 28. Dezember 2013


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