Der Mittlere Osten in Flammen, 15.08.2006 (Friedensratschlag)
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Der Nahe Osten in Flammen

"Die Brutalität der israelischen Aggression ist kontraproduktiv für die israelischen Absichten"

Interview mit Gilbert Achcar

Andrew Kennedy: Es scheint klar, daß Israel geradezu auf einen Vorwand wartete, um seine (Militär-) Aktion starten zu können, und daß Hizbollah ihn lieferte. Ist dies (auch) Ihre Ansicht?

Gilbert Achcar: Israels Absicht ist tatsächlich klarer, als es jene Hizbollahs war, als sie die Operation am 12. Juli in Szene setzte. Es scheint, daß die Operation von Hizbollah seit mehreren Monaten vorbereitet worden war, wie Hassan Nasrallah sagte, und daß sie sie hauptsächlich als einen Weg betrachteten, die Herausgabe von libanesischen Gefangenen in israelischen Gefängnissen durch einen Austausch zu erlangen. Sie war ursprünglich nicht als eine Reaktion auf die Ereignisse in Gaza gedacht - obwohl sie von der arabischen öffentlichen Meinung als eine Geste der Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung wahrgenommen wurde. Auf jeden Fall erwartete Hizbollah sicher nicht eine israelische Reaktion diesen Ausmaßes.

Israels Absicht ist sehr klar und wurde von Beginn an dargelegt. Die Operation am 12. Juli wurde als ein Vorwand aufgegriffen, um eine Offensive zu starten, die auch sehr offensichtlich seit einer langen Zeit in Vorbereitung gewesen war. Die Absicht war natürlich, Hizbollahs Vernichtung zu erreichen: das, was die israelische Armee während ihrer Besatzung Libanons zu erreichen nicht im Stande war, sollte jetzt dadurch erreicht werden, daß die Libanesen genötigt werden sollten, dieses selbst zu tun und so das Land an den Rand des Bürgerkriegs zu stoßen.

Die israelische Regierung wies die Idee eines internationalen Kontingents zunächst zurück, darauf bestehend, daß nur die libanesische Armee in den Süden gehen sollte, und so deutlich machend, daß sie wollte, daß die Libanesen Hizbollah entwaffnen. Die israelische Strategie war einerseits, Hizbollah direkte Schläge zu erteilen, und andererseits, die ganze libanesische Bevölkerung als Geisel zu nehmen, um zu erhalten, was sie von der libanesischen Regierung wollte. Im Lichte des israelischen militärischen Mißerfolgs, der Hizbollah einen bedeutenden Schlag zu versetzen, und ihres bisherigen politischen Mißerfolgs bei der Spaltung der libanesischen Bevölkerung, haben sie sich mit einem revidierten Ziel abgefunden, der Stationierung europäischer NATO-Kräfte im südlichen Libanon - mit oder ohne Feigenblatt der Vereinten Nationen.

A.K.: Wer sind hier die Hauptakteure? Ist das ein Stellvertreter-Krieg der Vereinigten Staaten? Wie weit ist das mit Israels eigenen Interessen und Zielen abgestimmt?

Achcar: Die Übereinstimmung der Ziele der Regierungen Israels und der Vereinigten Staaten ist historisch nie so durchsichtig gewesen, wie sie das seit 2001 gewesen ist, als George W . Bush in den Vereinigten Staaten an die Macht kam, gefolgt von Sharon in Israel. Der Grad der Offenheit ihres Einverständnisses ist beispiellos. Nie haben die Vereinigten Staaten so offensichtlich und offen eine israelische Aggression gebilligt. Die israelische Armee macht die militärische Arbeit, während die Vereinigten Staaten die diplomatische Arbeit übernehmen, indem sie Waffenstillstandsresolutionen blockieren und Israel Zeit verschaffen, um seine militärischen Ziele erfüllen zu können, und es zudem mit den erforderlichen Waffen zu beliefern. Die US-Bedingungen für eine Waffenruhe sind mit denjenigen identisch, die von den Israelis definiert sind und mit ihnen verabredet. Washington sieht dies als einen Teil des 'Anti-Terror-Kriegs' der Bush-Administration: Israels Aggression paßt in den US-geführten imperialistischen Kriegkurs, der seit 9/11 in diesem Teil der Welt in Gang gesetzt wurde, wo zwei Drittel der Welterdölressourcen unter der Erde liegen.

Andererseits bekämpft die US-israelische Allianz mit Hizbollah den Iran oder die von Iran geführte Allianz in dieser Region, einschließlich schiitischer Kräfte im Irak, des syrischen Regimes und den Appell dieser Allianz an Sunni-Fundamentalisten wie Hamas und die Moslembruderschaft in Ägypten, die Hizbollah in der aktuellen Krise unterstützten. So gibt es zwei Konflikte verflochten im gegenwärtigen Krieg – den unmittelbaren, bestehend aus Israels Aggression gegen die Hizbollah und den Libanon, und den indirekten, bestehend aus der US-Kampagne gegen den Iran. Der UN-Sicherheitsrat hat gerade eine US-gesponserte Resolution zu dem Problem des iranischen Nuklearprogramm angenommen - ziemlich unverschämt, wenn man bedenkt, daß derselbe Rat noch nicht die Beendigung von Israels Massenmord im Libanon verlangt hat.

A.K.: Welche Rolle spielt Frankreich bei alldem?

Achcar: Die französische Position hat sich entwickelt. 2004 bot Jacques Chirac den Vereinigten Staaten eine gemeinsame Front gegen die syrischen Streitkräfte im Libanon in den Vereinten Nationen an. Ihre grundlegenden Interessen waren sich in diesem Fall nahe, im Gegensatz zu dem, was in Punkto Irak gewesen war. In diesem Fall interessieren sich die Franzosen hauptsächlich für das saudische Geld. Gerade vor ein paar Tagen unterzeichneten sie eine Abmachung über einen großen Waffenverkauf an das saudische Königreich. Die Freundschaft von Chirac mit Hariri, Vater und Sohn, paßt sehr gut in diesen Rahmen - wie jeder weiß, ist der Hariri-Clan den Saudis eng verbunden. Als Hariri, mit den Saudis hinter ihm, in die Auseinandersetzung mit Syrien eintrat, bot Frankreich Washington seine Hilfe beim Fördern der UN-Resolution 1559 an, die den Abzug der syrischen Streitkräfte aus dem Libanon verlangte sowie die Entwaffnung von bewaffneten Nichtregierungs-Gruppen im Land, womit Hizbollah und die palästinensischen Flüchtlingslager gemeint waren. Seit 2004 hat Frankreich so in enger Allianz mit den Vereinigten Staaten beim Libanon-Problem zusammengearbeitet.

Aber die letzte Offensive hat Risse in der Allianz verursacht. Die Saudis verurteilten Hizbollah zunächst, aber als die israelische Aggression immer offensichtlicher brutal und mörderisch wurde und Einfluß hatte auf die arabische öffentliche Meinung, mußten die Saudis, die Ägypter, die Jordanier, alle arabischen Klientel Washingtons ihre Haltung ändern und Washington erzählen: Eure israelischen Freunde sind dabei, alles zu verderben, wir erreichen einen Siedepunkt, der ziemlich gefährlich ist, es ist Zeit anzuhalten. Die Krise wird immer gefährlicher für die gesamte Stabilität der Pro-US--Regime - zum Beispiel in Ägypten, wo die Moslembruderschaft Kapital aus der Situation schlägt. Chirac nimmt den Mittelweg seitdem - den Saudis mehr gefallend als Bush mit seinem Verlangen nach einer unmittelbaren Waffenruhe und einer internationalen Truppen-Präsenz, die auf einer politischer Abmachung basiert.

A.K.: In Ihrem Interview mit Liberazione am 15. Juli sagten Sie, daß die israelische Militäraktion die libanesische Bevölkerung mehr gegen Israel radikalisieren könnte als gegen Hizbollah. Geschieht das?

Achcar: Es geschieht tatsächlich und jenseits meiner Erwartungen. Die große Brutalität der israelischen Aggression ist wirklich kontraproduktiv für die israelischen Absichten - und vereinigt den Libanon im Widerstand gegen die israelischen Offensive. Israels Angriff ist so mörderisch, so unterschiedslos gewesen, daß die große Mehrheit der Libanesen dieselben Schlüsse gezogen hat: erstens, daß die israelische Offensive vor langer Zeit vorbereitet worden war, so daß die ganze Diskussion der Operation vom 12. Juli etwas irrelevant ist, und sie eindeutig als Vorwand benutzt wurde; zweitens, daß Israel nicht die Hizbollah allein und sogar nicht nur die Schiiten, sondern die gesamte Bevölkerung ins Visier nimmt. Das ganze Land wird als Geisel gehalten. Die ganze Wirtschaft ist zerstört. Stimmt, die Offensive hat hauptsächlich libanesische Schiiten getötet - wahrscheinlich mehr als 1000 bereits, wenn man diejenigen, die noch unter den Trümmern sind, einbezieht - aber in Bezug auf die Leben, die betroffen sind, arm gemacht und ruiniert sind, ist eine riesige Zahl von Libanesen betroffen, und Israel wird klar als der Feind des libanesischen Volkes als Ganzes wahrgenommen. Auf einer mehr allgemeinen regionalen Ebene erreicht der Haß auf Israel und die Vereinigten Staaten neue Spitzenwerte. All das wird zweifellos das Wachstum von Terrororganisationen des Typs Al Qaeda befördern. Ich fürchte, daß das, was wir bis jetzt - 9/11, 7/7 und Madrid - gesehen haben nur ein Vorgeschmack des Horrors ist, der noch kommen und der die Zivilbevölkerungen im Westen betreffen wird.

A.K.: Ist die libanesische Linke in der Lage gewesen, in dieser nationalen Welle der Wut und des Widerstands eine Rolle zu spielen und sie zu politisieren? Oder ist sie marginalisiert?

Achcar: Die Libanesische Kommunistische Partei (LKP) ist ein Schatten ihrer selbst, dessen, was sie in den 70er Jahren und 80er Jahren zu sein pflegte. Sie war eine der wichtigsten kommunistischen Parteien in der arabischen Welt, in Relation zur Größe des Landes, und sie war einer der bedeutenden Akteure im Bürgerkrieg 1975-1990. Die LKP war die erste, die Angriffe gegen die israelische Besatzung 1982 im Namen des ´nationalen Widerstands` unternahm, nachdem sich die Invasion festgesetzt hatte. Erst später gab es den 'Islamischen Widerstand' und Hizbollah. Für Hizbollah war die LKP ein Rivale, da die hauptsächliche soziale Basis Letzterer unter Schiiten und im südlichen Libanon war, der Zielgruppe von Hizbollah. Hizbollah baute sich teilweise auf durch den Kampf gegen die LKP um diese Zielgruppe und es gelang ihr, die Vorherrschaft zu erringen. Dabei wurde ihr durch die iranische Unterstützung und durch die Tatsache außerordentlich geholfen, daß sie auf den dominierenden ideologischen Trend in der Region setzte, der sich zugunsten des islamischen Fundamentalismus seit den 1970er Jahren entwickelte, wohingegen es der LKP an politischer Kühnheit mangelte und sie durch die sich entfaltende Krise der Sowjetunion tief getroffen wurde. In den 1990er Jahren durchlebte die LKP tiefe Krisen ein, sich spaltend und fragmentierend. Was bleibt, ist nicht völlig unsichtbar, aber sie ist nicht mehr in der Lage, eine wichtige Rolle zu spielen - unglücklicherweise, da sie die wichtigste linke Gruppierung im Lande ist. Folglich ist der Libanon keine Ausnahme von der allgemeinen Regel in der Region: Der historische Mißerfolg von nationalistischen Kräften und der Mißerfolg der Linken hat ein Vakuum geschaffen, das von islamischen Fundamentalisten gefüllt worden ist.

A.K.: Einige britische Linke tragen sich wahrscheinlich mit dem Gedanken, daß Hizbollah fähig ist, sich nach links zu entwickeln. Ist das eine Phantasie?

Achcar: Grundsätzlich ja. Sogar eine plebejische Gruppe wie die Organisation von Muqtada Al Sadr im Irak ist eine größere soziale Bedrohung der Bourgeoisie als Hizbollah. Die Letztere ist natürlich radikal in ihrer Opposition zu Israel, wie es gewöhnlich bei islamischen fundamentalistischen Kräften ist, die dem Iran verbunden sind, aber in der libanesischen Politik ist Hizbollah völlig ins System integriert. Sie hat zwei Minister in der Regierung, die von Hariri-geführter US-Klientel beherrscht wird, und sie alliiert sich mit ganz reaktionären Figuren. Stimmt, sie organisiert Sozialeinrichtungen, aber nur wie Kirchen oder Wohlfahrtsorganisationen es tun - sie repräsentieren überhaupt keine soziale Bedrohung für die bürgerliche Gesellschaftsordnung. Es gibt nicht einmal ein Potential dafür in Anbetracht der Ideologie von Hizbollah, ihrer Struktur, ihrer engen Verbindungen zum Iran und zu Syrien. Der Iran, Hizbollahs Modell von Gesellschaft und Staat, ist in seiner sozialen Struktur äußerst bourgeois. Was auch immer ein populistisch herumschimpfender Ahmadinejad (der iranische Präsident) im letzten Jahr in seinem Wahlkampf um die Präsidentschaft gegen den Kapitalisten Rafsanjani losgelassen hat, das wird in keinerlei Art konkreter sozialer Maßnahmen übersetzt. In dieser Hinsicht ist das Venezuela von Chavez ein viel progressiverer Staat: Der Iran ist keine moslemische Entsprechung von Venezuela. Solche Vergleichbarkeiten gab es im Mittleren Osten in den 60er Jahren, aber es ist ihrem Mißerfolg geschuldet, daß der islamische Fundamentalismus wachsen konnte.

A.K.: Ben Gurion hatte die Idee, daß Israels Grenzen natürliche sein sollten - der Litani-Fluß im Norden und der Fluß Jordan im Osten. Ist es das, was die Angriffe auf den Libanon und die Palästinenser verbindet?

Achcar: Die Projekte eines Größeren Israel sind obsolet und sind das schon seit einer sehr langen Zeit. Die Raketen der Hizbollah sind ein weiterer Beweis für die Tatsache, daß 'natürliche Grenzen´ nicht viel bedeuten. Sogar nachdem es 1982 in den Libanon eingefallen war, konnte Israel das neu okkupierte Territorium nicht lange unter seiner direkten Kontrolle behalten. Diese sind gebirgige Gebiete, passend für den Guerillakampf, und die libanesische Bevölkerung hatte eine militärische Ausbildung im Laufe mehrerer Jahre des Bürgerkriegs erhalten. Daher die riesige Vorsicht der israelischen Truppen beim Eindringen in den südlichen Libanon nach dem 12. Juli. Die Israelische Verteidigungsstreitkräfte nahmen gerade mal drei Dörfer in den ersten zwei Wochen ein und das mit relativ hohen Kosten; sie trafen auf heftigen Widerstand. Sie entschieden sich dafür, Zuflucht zu suchen beim Plattmachen der kleinen Stadt von Bint Jubail, nachdem es sich als unmöglich erwiesen hatte, sie zu kontrollieren. Die Israelis fahren fort zu sagen, daß sie den südlichen Libanon nicht wieder in Besitz nehmen wollen - aus gutem Grund.

Als in Palästina die Kosten der direkten Kontrolle der Palästinensergebiete nach der ersten Intifada 1987-88 zu hoch wurden, beendete Israel sie und gab diese direkte Kontrolle auf. Aber es plant, den Hauptteil seiner Kolonialsiedlungen in der Westbank aufrechtzuerhalten sowie seine direkte Kontrolle der Grenzen zwischen den Palästinensergebieten und benachbarten Ländern, ob nun die Grenze von Gaza mit Ägypten oder das Land entlang dem Jordan zur Isolierung der Westbank von Jordanien.

A.K.: Ist Israel jetzt verwundbarer?

Achcar: Diese Frage bezieht sich auf ein von jüdischen Kritikern des Zionismus lange vorgebrachtes Argument. Weit davon entfernt, das Sanktuarium (Schutzort) für die Juden der Welt zu werden, was die Zionisten versprachen, verwandelt sich Israel immer mehr in eine tödliche Falle für seine jüdischen Einwohner. Die alte Warnung antizionistischer Juden wird immer relevanter wegen der Evolution zerstörerischer Techniken und Waffen. Israel setzt seine eigene Bevölkerung riesigen Gefahren aus. Israels unbarmherzige, barbarische Weise im Umgang mit den Palästinensern und den Libanesen, nährt Haß gegen sich in der ganzen Region. Das wird sicher viele Menschen dazu bringen, den Israelis den schmerzhaftesten Schaden zufügen zu wollen, der möglich ist, und mit dem verglichen die Katyusha-Raketen von Hizbollah ziemlich gütig aussehen könnten. Es bedarf ungefähr 50 Raketen von Hizbollah, um durchschnittlich einen Israeli in der laufenden Konfrontation zu töten. Aber was ist, wenn Geräte gemacht werden könnten, um Israel Massenvernichtung zuzufügen? Das ist es, was Israel gegen sich selbst anstachelt. Zawahiri, Stellvertreter Bin Ladens, gab eine Erklärung ab, die Schläge gegen Israel verlangt, als ob er Hizbollah überbieten wollte. Israel fügt jetzt einen schrecklichen Albtraum den Libanesen zu, es hat einen dauerhaften Albtraum den Palästinensern zugefügt, aber es bereitet auch einen entsetzlichen Albtraum für sein eigenes Volk vor.

A.K.: Wie sind die Aussichten für den Aufbau einer neuen arabischen sozialistischen Linken? Was können Sozialisten und Antiimperialisten tun?

Achcar: In der heutigen Arabischen Welt ist der Raum für den Aufbau einer sozialistischen Linken ziemlich marginal, die Linke ist ideologisch isoliert. Dennoch sollte es eine permanente Anstrengung für den Wiederaufbau einer sozialistischen Linken geben, und das kann nicht am Schwanzende des islamischen Fundamentalismus getan werden. Linksaktivisten sollten den Fundamentalisten nicht allein das Terrain des Kampfs gegen Imperialismus und den zionistischen Staat in Besitz nehmen lassen, wie einige Abteilungen von ihnen neigen zu tun, aber es ist klar, daß die Linke es mit den religiösen Kräften in dieser Beziehung nicht bald wird aufnehmen können. Auf vielen anderen Gebieten jedoch sind die Fundamentalisten keine Mitbewerber - wenn sie dort nicht gar Feinde sind: im Kampf für die Rechte und Interessen von Arbeitern und Bauern, für die Rechte der Arbeitslosen, für Frauenrechte, im Kampf gegen die sexuelle Unterdrückung, für den Säkularismus, für die Freiheit des Gewissens und für die Freiheit von religiöser Herrschaft im gesellschaftlichen Leben usw. Dies sind Probleme, um die die Linke in der arabischen Welt intensiv kämpfen sollte - aber sie sollte es tun ohne anzunehmen, einen Durchbruch in der nahen Zukunft erreichen zu können, sonst wird sie schnell demoralisiert sein. Dem Aufbau einer neuen sozialistischen Linken in der arabischen Welt kann durch die internationale Linke geholfen werden. Wenn auch Lateinamerika ganz weit weg ist, die linke Wende dort ist anregend. Aber der Haupteinfluß auf die Entwicklung einer sozialistischen Kraft im Mittleren Osten wird aus Europa kommen, wo es einen bedeutende sozialistische Linke gibt. Die Antikriegsbewegung in den westlichen Ländern war sehr wichtig im Unterrichten der arabischen Öffentlichkeit, daß es nicht ein Konflikt von Zivilisationen oder Religionen ist, sondern ein imperialistischer Kriegskurs, der kapitalistischen Interessen dient und als solcher von den sozialen Bewegungen im Westen bekämpft wird. Der Fortschritt der sozialen Bewegung in Europa kann nur vorteilhafte Wirkungen im Mittleren Osten haben. Deshalb ist es auch für die europäische sozialistische Linke entscheidend, in der vordersten Reihe des Kampfs gegen Islamophobie zu stehen, so die islamische fundamentalistische Propaganda untergrabend, die durch ebendiese Islamophobie genährt wird.

* GILBERT ACHCAR wuchs im Libanon auf, bevor er nach Frankreich ging, wo er Politische Wissenschaften an der Universität Paris-VIII unterrichtet. Unter seinen neusten Arbeiten sind "Östlicher Hexenkessel" (2004) und "Der Konflikt der Barbarismen" (2. Aufl. 2006); ein Buch seiner Dialoge mit Noam Chomsky über den Mittleren Osten, Gefährliche Macht, steht vor der Herausgabe bei Paradigm Publishers

Gilbert Achcar wurde von Andrew Kennedy am 1. August für die September-Ausgabe des Socialist Outlook interviewt.
ZNet | Mideast, 4. August 2006
Für uns ins Deutsche übersetzt von Klaus D. Fischer



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