Ein Dorf in Lesotho, 23.12.2007 (Friedensratschlag)
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Vorweihnachtszeit in Lesotho

Im Dorf Ha Nchela wird mit einer Filmvorführung gefeiert

Von Marianne Gysae *

Auch in der Vorweihnachtszeit lasten die alltäglichen Probleme auf den Menschen in Lesotho. Ablenkung bringt ein mobiles Kino.

In Maseru, der Hauptstadt des kleinen Königreichs Lesotho, herrscht großes Gedränge vor den Einkaufsständen und in den Läden. Alle sind in guter Stimmung. Aus Lautsprechern dröhnt Musik: Weihnachtslieder, Reggae, Hip Hop – eine bunte Mischung. Kinder und Jugendliche tanzen dazu, zwischen ihnen sogar ein Weihnachtsmann mit Bart und Mütze – bei 30 Grad im Schatten. Frauen sitzen am Straßenrand, verkaufen Obst und Gemüse. Traditionelle Heiler bieten Kräuter und Medizin an. Aber die meisten Menschen drängeln sich an den Verkaufsständen, die Billigware aus China anbieten. Hier kann man fast alles finden: Plastikschuhe, Schmuck, buntes Spielzeug und sogar Tannenbäume zum Aufklappen mit bunten Glühbirnen.

Auch Thabiso Motsusi und Maolosi Thabane suchen nach Geschenken für ihre Familien. Zum Weihnachtsgottesdienst will man neu eingekleidet sein. Endlich haben die beiden Aids-Aktivisten Zeit, um in der Hauptstadt einzukaufen. Meistens sind sie mit dem Geländewagen unterwegs und machen Fahrten über Land, durch die kleinen Dörfer. Das Auto der Organisation Sesotho Media ist ein mobiles Kino. Damit zeigen sie Filme aus der STEPS-Serie, die vom Alltag mit HIV/Aids handeln, in Schulen, Gemeindehäusern, Gefängnissen, Kliniken und unter freiem Himmel. Nach den Vorführungen diskutieren sie mit den Zuschauern. Sie wollen die Menschen ermutigen, Eigenverantwortung zu übernehmen.

Die beiden stürzen sich ins Gewühl. Thabiso findet ein Umschlagtuch für seine Mutter, mit dem sie sich in der Kirche die Schultern bedecken kann. Maolosi kauft für seinen Sohn einen Anzug und ein Paar schwarze Schulschuhe. Es bleibt nicht viel Zeit zum Einkaufen, denn schon wartet Kollege Thabo Nkuebe mit dem Wagen auf sie. Heute geht es noch in das Dorf Ha Nchela.

Keine 50 Kilometer von Maseru entfernt, ist in dem Dorf vom Trubel nichts mehr zu spüren. Hier überschatten auch in der Weihnachtszeit die Alltagssorgen das Leben der Bewohner. Alle warten sehnsüchtig auf Regen, die Felder und Gärten sind ausgetrocknet. Der Kampf ums tägliche Überleben ist in den letzten Jahren noch härter geworden. Wie überall in Lesotho sind auch hier fast ein Drittel der Menschen im Alter von 15 bis 49 Jahren mit HIV infiziert. Auch Thabiso und Maolosi leben seit Jahren mit dem HI-Virus. Im Gegensatz zu den meisten Menschen in Lesotho reden sie aber offen über ihr Leben mit HIV, wenn sie mit den Filmen durch das Land reisen. Dadurch machen sie anderen Mut, sich testen zu lassen und Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen. Zusammen mit lokalen Selbsthilfeinitiative haben sie in Ha Nchela und den Nachbardörfern schon mehrere Aufklärungsveranstaltungen organisiert.

Heute sind sie aber nicht als Aufklärer gekommen, kurz vor Weihnachten wollen sie mit den Dorfbewohnern feiern. Vor Sonnenuntergang stellen sie Leinwand, Projektor und Tonanlage auf dem Dorfplatz auf. Den Strom holen sie sich von Autobatterien, die während der Fahrt aufgeladen wurden.

Aus den Lautsprechern ertönt Musik und lockt die Menschen an, die nach und nach aus Ha Nchela und den umliegenden Dörfern erscheinen. Alt und Jung gemischt, die meisten in traditionelle Basotho-Decken gehüllt, denn auch im Hochsommer kann es abends in den Bergdörfern kühl werden. Kinder und Jugendliche fangen an zu tanzen. Die Sonne geht unter und die Filmvorführung beginnt. Die Zuschauer folgen gespannt den einheimischen Kurzfilmen, die von Sesotho Media in der lokalen Sprache Sesotho produziert wurden. Das Publikum macht mit, kommentiert und klatscht laut nach jedem Film. Zum Schluss wird der Lieblingsfilm gezeigt: »Piki Piki«.

Sesotho Media hat diesen lustigen Film zum Thema Umweltschutz vor ein paar Jahren hier im Dorf gedreht. Viele Bewohner haben mitgespielt. Der Film ist der absolute Hit. Jede Bewegung und jeder Gesichtsausdruck der Darsteller wird kommentiert. Doch es wird nicht nur gelacht, manche haben auch Tränen in den Augen. Einige der Darsteller leben nicht mehr. Erinnerungen werden geweckt, über die man sich laut austauscht. Die Filmvorführer sind erschöpft und wollen eigentlich zusammenpacken. Aber die Zuschauer drängen darauf, »Piki Piki« noch ein zweites Mal zu sehen.

Thabiso, Maolosi und Thabo geben nach. Es ist die letzte Veranstaltung vor Weihnachten und in der Weihnachtszeit muss gefeiert werden.

* Aus: Neues Deutschland, 20. Dezember 2007


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