Korea: Schaulaufen in Seoul, 18.12.2012 (Friedensratschlag)
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Ziemlich vertraute Feinde

Systemannäherung in Korea: Der Enkel des Republikgründers im Norden könnte bald auf die Tochter eines Militärdiktators im Süden als neuer Präsidentin treffen

Von Rainer Werning *

Wenn am 19. Dezember in Südkorea der nächste Präsident gewählt wird, hat die 60jährige Park Geun-Hye, älteste Tochter des Militärdiktators Park Chung-Hee (1961–1979), denkbar gute Chancen, das Rennen zu machen. Pikanterweise könnte es zum Ende eines politisch überaus turbulenten Jahres geschehen, daß die Koreaner im Süden die Tochter eines Expräsidenten als neue starke Frau haben, wie denn die Koreaner im Norden mit dem knapp 30jährigen Kim Jong-Un von einem Führer in nunmehr dritter Generation regiert werden.

Da die südkoreanische Verfassung keine Wiederwahl des Präsidenten vorsieht, wird der amtierende Präsident Lee Myung-Bak Ende Februar 2013 definitiv aus dem Amt scheiden. Lee, einst in leitenden Funktionen des Hyundai-Konzerns tätig und Bürgermeister der Metropole Seoul, hat während seiner fünfjährigen Amtszeit nie einen Hehl daraus gemacht, daß er seinen Spitznamen »der Bulldozer« überaus schätzt. Seinen Wahlkampf Ende 2007 führte er in entsprechend burschikoser Manier. Die Politik seiner beiden Vorgänger, die »Sonnenscheinpolitik« Kim Dae-Jungs vis-à-vis dem Norden sowie die »Politik für Frieden und Prosperität« Roh Moo-Hyuns, kanzelte er als naiv ab, bezeichnete deren Regierungsjahre von 1998 bis 2008 als eine »verlorene Dekade« und verfolgte innen- wie außenpolitisch einen stramm antikommunistischen Kurs.

»Denuklearisierung, Öffnung und 3000« lautete Lees damaliger Wahlslogan. Nur wenn sich die Machthaber in Pjöngjang bereit zeigten, ihr Atomprogramm einzustellen und sich nach außen hin zu öffnen, sei Südkorea bereit, innerhalb eines Jahrzehnts massive Wirtschaftshilfe für die Volksrepublik bereitzustellen, damit dort das jährliche Pro-Kopf-Einkommen von umgerechnet 3000 US-Dollar überschritten werden könnte. Die nordkoreanische Führung zeigte sich im Gegenzug wenig begeistert über diesen bevormundenden Regierungsstil. Immerhin hatten Kim Dae-Jung und Roh Moo-Hyun stets versucht, mittels Dialoge innerkoreanische Positionen zu klären. Lee indes ließ sich stets von der Prämisse leiten, das Regime im Norden werde ohnehin in absehbarer Zeit im- oder explodieren.

Es entsprach einer der vielen und großen Paradoxien auf der Halbinsel, daß Kim Dae-Jung und sein Nachfolger Roh Moo-Hyun gegenüber dem Norden auf »Wandel durch Annäherung« gesetzt hatten, doch ausgerechnet von Südkoreas langjähriger »Schutzmacht« USA blockiert wurden. Deren im Herbst 2000 international gepriesene Avance gegenüber der politischen Führung in Pjöngjang wurde kurze Zeit nach dem Amtsantritt George W. Bushs im Frühjahr 2001 unzeremoniell ausgehebelt. Bush verkündete eine drastische Kehrtwende der Koreapolitik und setzte gar ein Jahr später in seinem messianischen Feldzug gegen »den internationalen Terror« Nordkorea neben Iran und Irak auf die Liste seiner ominösen »Achse des Bösen«. Und nach dem Amtsantritt Barack Obamas war es ausgerechnet dessen Kollege Lee im Blauen Haus, dem Amtssitz des südkoreanischen Präsidenten, der nunmehr seinerseits die nordkoreanische Führung brüskierte und auf Konfrontation setzte.

Als die südkoreanische Korvette »Cheonan« am 26. März 2010 südwestlich der Baeknyeong-Insel im Gelben Meer versank, beschuldigten Südkorea und die USA die Volksrepublik, das Schiff mit einem Torpedo versenkt zu haben. Südkoreas Präsident forderte ultimativ die offizielle Entschuldigung des Nordens als Vorbedingung sowohl für bilaterale Verhandlungen als auch für einen neuen Anlauf der Sechsparteiengespräche zur Lösung der nordkoreanischen Atomfragen – seit 2003 finden unter der Schirmherrschaft der Volksrepublik China in Peking entsprechende Konsultationen statt, an denen neben dem Gastgeber und den beiden Korea auch die USA, Japan und Rußland teilnehmen. Nordkorea bestritt kategorisch, für das Sinken der »Cheonan« verantwortlich gewesen zu sein und wertete den Vorfall als eine Eigeninszenierung des Südens. Auch Rußland und China zweifelten das Ergebnis eines zwischenzeitlich von Südkorea eingesetzten internationalen Untersuchungsteams an.

Da eine Südpolitik Pjöngjangs aus Sicht seiner politischen Führung sinnlos geworden war, orientierte man sich stärker als zuvor an dem großen nördlichen Nachbarn China. Während China durch Öl- und andere Hilfslieferungen mehr oder minder das Überleben der Volksrepublik garantiert, konnte diese im Gegenzug ihre Ausfuhren an Bergbauprodukten, die in China dringend benötigt werden, signifikant steigern. Ebenfalls ist geplant, die bilaterale Wirtschaftskooperation im chinesisch-nordkoreanischen Grenzgebiet zu intensivieren und dort neue Exportproduktions- und Handelsstätten entstehen zu lassen. Sehr zum Verdruß südkoreanischer Investoren, die sich darüber beklagten, daß der einst als Nord-Süd-Vorzeigeprojekt gepriesene Gaeseong-Industrie-Komplex vor sich hindümpele. Auch das ein Paradoxon: Nahe der nordkoreanischen Grenzstadt Gaeseong wird mit südkoreanischem Know-how und Geld für den eigenen sowie den internationalen Markt produziert.

* Von Rainer Werning ist zusammen mit Du-Yul Song im Wiener Promedia Verlag das Buch »Korea – Von der Kolonie zum geteilten Land« (208 Seiten, 15,90 Euro) erschienen.

Aus: junge Welt, Montag, 17. Dezember 2012


Schaulaufen in Seoul

Von Rainer Werning **

Nachdem sie im April mit ihrer konservativen Saenuri-Partei als Siegerin aus der Parlamentswahl hervorgegangen war, hatte es den Anschein, als sei Park Geun-Hye, Tochter des im Oktober 1979 vom eigenen Geheimdienstchef ermordeten Militärdiktators Park Chung-Hee, ebenfalls ein haushoher Sieg bei der Präsidentschaftswahl am 19. Dezember gewiß. Ihre Gefolgschaft sprach bereits von einer historischen Chance. So wie mit Obama erstmalig ein Schwarzer ins Weiße Haus eingezogen sei, könne es nunmehr der Lady glücken, im männerdominierten Südkorea als erste Frau das höchste Staatsamt zu erringen. Doch in den vergangenen Wochen konnte die Opposition kräftig aufholen, so daß es wohl zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen kommt.

Als kometenhaft aufgestiegener Stern unter den Präsidentschaftsaspiranten galt bis noch vor wenigen Tagen der promovierte Mediziner und smarte Selfmademan Ahn Cheol-Soo. Der 50jährige ist Hochschullehrer an der renommierten Seoul National University und ein überaus erfolgreicher Software-Unternehmer, der insbesondere unter Jugendlichen große Popularität genießt. Als unabhängiger Kandidat wollte Ahn den großen Wirtschafts- und Finanzkonglomeraten (chaebol) einheizen und sie stärker kontrollieren. Ihnen warf er wiederholt vor, Angestellte wie in Käfigen zu halten und nicht genügend Arbeitsplätze für Jugendliche zu schaffen. Doch am 23. November zog Ahn plötzlich seine Kandidatur zurück und erklärte, seine Anhängerschaft für die Vereinte Demokratische Partei (DUP) mobilisieren zu wollen.

Sollte das dann auch tatsächlich der Fall sein und die Opposition endlich mit der unrühmlichen Tradition brechen, gleich mehrere Kandidaten zu küren, hätte der 1953 geborene Moon Jae-In als DUP-Kandidat reale Gewinnchancen. Moon studierte wie sein enger Weggefährte, Ex-Präsident Roh Moo-Hyun (2003–2008), Jura und beteiligte sich an Protesten gegen das Regime von Park Chung-Hee. Er wurde von der Universität verwiesen, wenngleich er nach Ableistung des Militärdienstes sein Studium abschließen konnte. Gemeinsam mit Roh eröffnete er in der zweitgrößten Stadt Busan eine Anwaltskanzlei, die vorrangig Menschen- und Bürgerrechtsaktivisten Rechtsbeistand leistete und verteidigte. 2002 leitete Moon Rohs Wahlkampagne und stieg später zu dessen Stabschef im Blauen Haus auf.

Als kleinste Partei tritt die erst Anfang Dezember 2011 entstandene Vereinigte Progressive Partei, ein Zusammenschluß linker Gruppierungen, mit ihrer Kandidatin Lee Jung-Hee an. Die 42jährige, Juraabsolventin der Seoul National University, hat zwar keinerlei Chancen, auch nur annähernd an ein zweistelliges Ergebnis heranzukommen. Doch mit ihrer geschliffenen Rhetorik vermochte die agile Lee die beiden anderen Kandidaten in Fernsehduellen das eine und andere Mal arg in die Enge zu treiben. Vor allem feuerte sie Breitseiten gegen ihre Widersacherin ab, der sie vorwarf, einen Vater zu ehren, der als Masao Takaki (sein einstiger japanisierter Name) den Japanern devot gedient und ihnen in einem Blutspakt unbedingte Treue geschworen hatte.

** Aus: junge Welt, Montag, 17. Dezember 2012


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