Die "Mauer" zwischen Israel und dem Westjordanland, 10.05.2003 (Friedensratschlag)
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Der antiterroristische Schutzwall

Die "Mauer" zwischen Israel und dem Westjordanland

Von Michael Borgstede

Gouverneur Mustafa Malki ist wütend: "Beinahe täglich zeige ich Journalisten diese Karten und Bilder, und rege mich jedes mal wieder auf. Hier, sehen Sie sich das an! Ab sofort ist das der einzige Zugang nach Kalkilya, ein gerade einmal zehn Meter breiter israelischer Checkpoint! Und schauen Sie hier! All diese Olivenbäume fielen der Mauer zum Opfer!" Er legt den abgegriffenen Aktenordner zur Seite. "Kein Wunder, dass bisher fast 10.000 Einwohner die Stadt verlassen haben!"

Das palästinesische Kalkilya liegt nur wenige Kilometer entfernt von der sogenannten Green Line. Bisher konnte die hügelige Grüne Grenze zwischen dem Westjordanland und Israel von arbeitssuchenden Familienvätern, aber eben auch von Hamas-Aktivisten ohne größere Komplikationen überquert werden. Das soll sich ändern: Israel hat begonnen, eine acht Meter hohe Trennungsmauer zu errichten. Eine Million Dollar pro Kilometer kostet das mit Stacheldraht, Gräben und Wachtürmen gesicherte Bauwerk. An Hässlichkeit steht es seinem einstigen Artgenossen aus deutschen Landen in nichts nach, doch den Palästinensern ist es nicht vor allem deshalb suspekt. Über weite Strecken wird die Mauer nicht entlang der Grenzen von 1967 hoch gezogen, sondern einige Kilometer weiter östlich, durch palästinensisches Land. Zudem soll für eine 60 bis 90 Meter breite Sicherheitszone auf der palästinensischen Seite weiteres Land beschlagnahmt werden. Bis zu zehn Prozent des Westjordanlands könnten den Palästinensern auf diese Weise verloren gehen. Gerade für Kalkilya hat die Mauer katastrophale Folgen: Die Stadt wird dadurch an drei Seiten vollkommen eingeschlossen und damit vom Umland abriegelt, sie degeneriert zur Enklave ohne Zukunft. "Wir leben quasi unter einer Dauerausgangssperre", beschreibt der Gouverneur die Lage. "Es wurden außerdem 15 Prozent des Stadtgebietes und zwischen 40 und 50 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Landes beschlagnahmt. Am schlimmsten aber ist, dass die Arbeitskräfte aus den umliegenden Dörfern nur unter großen Schwierigkeiten in die Stadt gelangen können. Das wird unsere Wirtschaft bald vollends blockieren." Schmerzlich für eine Region, in der große Teile der Bevölkerung längst unter der Armutsgrenze leben. "Eigentlich können wir die Stadt auch gleich dicht machen", resigniert Mustafa Malki, um sich sogleich zu korrigieren: "Darum geht es den Israelis ja in Wirklichkeit. Sie wollen uns so entmutigen, dass wir unsere Sachen packen und das Land verlassen. Eher werden wir Gras fressen und verhungern, als Palästina dem Feind zu überlassen."

Für Assaf Merker, Mitglied der oppositionellen Arbeitspartei und seinerseits Bürgermeister einer Kleinstadt auf der israelischen Seite der Green Line dient die Mauer ausschließlich dem Kampf gegen den Terror. Sie habe keinerlei Wert für ein künftiges Friedensabkommen. "Es ist ja nicht so, wie der Rest der Welt sich das vorstellt, dass wir jeden Morgen mit dem innigen Wunsch aufstehen, den Palästinensern das Leben so schwer wie möglich zu machen. Wenn nicht bis Ende 2002 über 90 Selbstmordattentäter aus dem Westjordanland nach Israel gekommen wären, würde jetzt keine Mauer gebaut. Die Palästinenser behaupten, sie werde niemandem vom Überqueren der ›Grünen Grenze‹ abhalten. Aber schauen sie nach Süden: Kein Terrorist kommt von Gaza nach Israel - eben weil es dort einen Zaun gibt."

Wäre es dann nicht politisch klüger, wenn schon gebaut wird, sich dann an den Grenzverlauf von 1967 zu halten? "Klüger schon. Doch das war mit Sharon eben nicht zu machen. Außerdem wollen wir natürlich nicht unsere Verhandlungsposition durch einen unilateralen Rückzug auf die 67er Grenzen schwächen. Das wäre ein Signal an Arafat und die Hamas, dass Terrorismus doch belohnt wird. Es muss allerdings deutlich bleiben, dass der Verlauf der Mauer nichts mit einer Staatsgrenze zu tun hat."

Nicht nur auf palästinensischer Seite hat man dazu eine andere Meinung. Auch die israelischen Siedler und extrem-rechten Parteien wehren sich gegen den "Schutzwall", sie wollen nicht isoliert von ihrem Staatsgebiet im Feindesland zurückbleiben. Rechte Hardliner befürchten ihrerseits, die Mauer könne den Verlauf der künftigen Grenze fixieren und den Traum von einem israelischen Judäa und Samaria zerstören. Für Assaf Merker jedenfalls stellt die Mauer nur ein Hilfsmittel auf dem Weg zum Frieden dar: "Es mag pervers erscheinen, dass wir eine Mauer bauen in einer Zeit, da überall auf der Welt Mauern eingerissen werden. Aber vergessen Sie nicht: Wir bauen diese Mauer in der Hoffnung, sie nicht lange zu brauchen ..."

Mit ausgebreiteten Armen kommt mir Sharif Omar entgegen. Wenige hundert Meter hinter ihm ist das Fundament der Mauer deutlich zu erkennen. Auf einem etwa 60 Meter breiten Streifen haben Bulldozer ganze Arbeit geleistet; von dem, was dort einmal wuchs, gibt es nichts mehr. "Herzlich willkommen in Jassouf", begrüßt mich Omar, "oder in den Resten von Jassouf. Erst gehen wir etwas essen, wir haben einen kleinen Imbiss vorbereitet."

Der "Imbiss" gleicht einem Festmahl: Dutzende kleiner Teller stehen auf dem Tisch, es riecht nach gebratenem Fleisch, Auberginen, Humus und frischgebackenem Brot. Omar tunkt ein Stück Brot in das mit Thymian gewürzte Olivenöl und erzählt: "Begonnen hat alles im September mit im Wind flatternden Zetteln, die von den Israelis an unsere Olivenbäume gehängt wurden. Eine Anweisung der Armee, uns in der nächsten Woche von einem Offizier den geplanten Verlauf der Mauer zeigen zu lassen. Wir haben es nicht glauben können. Die ›Green Line‹ verläuft nämlich fünf Kilometer westlich von hier. Trotzdem steht die Mauer jetzt bei mir im Garten, sie hat unseren Ort regelrecht halbiert. Als der Offizier mitteilte, dass vier Fünftel unserer Olivenbäume und 40.000 Obstbäume gefällt würden, begannen einige zu weinen. Eine alte Frau wurde sogar ohnmächtig. Denn damit war Jassouf in seinem Lebensnerv getroffen ..."

Bisher war Omar einer der reichsten Bauern des Ortes. 20 Hektar Olivenhaine, langgestreckte Gärten mit Zitrusfrüchten und einige Treibhäuser zum Gemüseanbau sicherten ihm auch in schweren Zeiten ein gutes Auskommen, doch von 17 Hektar seines Grundbesitzes hat ihn die Mauer nun getrennt. Zwar wurde ihm versprochen, sein Land auf der israelischen Seite auch danach weiter bearbeiten zu dürfen, aber er traut dieser Zusage nicht. "So machen es die Israelis immer. Erst lassen sie uns das Land nicht bebauen - und dann enteignen sie es, weil es verboten ist, den Boden brach liegen zu lassen."

Tatsächlich scheint der Verlauf der Mauer nicht nur von Sicherheitserwägungen diktiert. Israelische Siedlungen wurden auf Kosten der Palästinenser großzügig der Westseite zugeordnet. Viele palästinensische Orte sehen sich so zwischen Siedlungen, Transitautobahnen und Mauer eingekesselt. Das sich bei derart sorgfältiger Planung auch das kostbarste Gut der Region, das Wasser, vornehmlich auf der israelischen Seite findet, überrascht niemanden mehr. "Die Hälfte des Wassers im Westjordanland kommt aus dieser Region", weiß Omar, "und zufällig liegen alle unsere sieben Brunnen jetzt auf der falschen Seite des Zauns. In jeder Hinsicht eine Katastrophe."

Der Taxifahrer, der mich später dann zum Parkplatz am Checkpoint zurückbringt, ist eigentlich Klempner. Er wohnt nicht weit von hier, aber er habe Glück, meint er. Sein Dorf liege auf der israelischen Seite der Mauer.

Glück gehabt? Ob er denn nicht lieber in Palästina leben möchte, frage ich ihn. "Ach, Politik", erwidert er in bestem Hebräisch, "ich habe acht Kinder zu ernähren und außerdem die Frau meines Bruders mit ihren vier Kindern im Haus. Ich muss ans Geld denken. Und wenn die Mauer schließlich doch zur Grenze wird, bekommen wir israelische Ausweise, und ich kann wieder in Tel Aviv arbeiten." Für diesen Fall wirbt er schon jetzt: "Falls du mal einen Installateur oder Tapezierer brauchst oder jemanden für den Garten - ich habe viel Erfahrung und bin billiger als die Israelis. Kannst du auch deinen Nachbarn sagen." Wir sind am Parkplatz, und er schreibt mir noch seine Telefonnummer auf.

Aus: Freitag 20, 9. Mai 2003

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