Israels Schriftsteller für Verhandlungen mit Hamas, 04.10.2007 (Friedensratschlag)
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Israels Schriftsteller verlangen Verhandlungen mit der Hamas über einen Waffenstillstand

Von Donald Macintyre, Jerusalem *

Von Donald Macintyre, Jerusalem *

Eine Gruppe von Israels einflussreichsten Schriftstellern – darunter David Grossman, Amos Oz and A. B. Yehoshua – hat die Regierung aufgefordert, Gespräche über einen Waffenstillstand mit der Hamas zu beginnen.

Yehoshua, einer von Israels angesehensten Romanautoren, unterstützte gestern den Aufruf, indem er darauf hinwies, dass Israel in der Vergangenheit „viele Male“ mit seinen eingeschworenen Feinden verhandelt hatte.

Die elf Autoren haben eine Petition unterschrieben, die Ehud Olmerts Regierung drängte, zu verhandeln, um sowohl die militanten Raketenangriffe auf Israel als auch die häufigen Luftschläge und das militärische Eindringen in den Gazastreifen durch das israelische Militär zu beenden. Der Konflikt hat in den letzten Wochen wiederholt Leben von Palästinensern gefordert – darunter auch Zivilisten – und auch wegen andauernden Angriffen mit Kassam-Raketen Elend zu der Grenzstadt Sderot in der westlichen Negev gebracht.

Das israelische Kabinett – das den Aufruf zurückgewiesen hat – erklärte den Gazastreifen letzte Woche zu „feindlichem Gebiet“ und entschied in einem Schachzug, der bei der EU und der UN ernsthafte öffentliche Besorgnis hervorgerufen hat, den Gazastreifen von der Energie- und Stromversorgung abzuschneiden.

Gestern kündigte die israelische Bank Hapoalim als eine weitere Reaktion auf die Entscheidung des Kabinetts an, dass sie Verbindungen mit palästinensischen Banken im Gazastreifen abbricht.

Yehoshua erklärte in seinem Haus in Haifa, dass er und seine Kollegen den Aufruf entworfen haben, um „die sehr verstörende, äußerst schreckliche Situation für die Bewohner von Gaza und die Israelis, die an der Grenze leben“ zu beenden.

Er fügte hinzu: „Wir haben viele Male mit Feinden verhandelt, die Israel völlig feindlich gegenüberstanden oder Israel nicht anerkannt haben – Jordanien, Syrien und Ägypten. 1981 einigte sich Menachem Begin mit der PLO [Palestinian Liberation Organisation, Palästinensische Befreiungsorganisation] auf einen Waffenstillstand, obwohl sie die Legitimität Israels vollständig leugnete.“

Yehoshua erklärte, dass von zwei Teilen der Petition der erste als Ermutigung für Herrn Olmert gemeint war, seine Verhandlungen über den Entwurf eines Abkommens mit dem Palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas, der im Westjordanland eine Notstandregierung eingesetzt hat, fortzusetzen.

Aber er warnte, dass er bezweifele, die israelische Öffentlichkeit würde einen Friedensvertrag zwischen Herrn Olmert und Herrn Abbas befürworten oder den Rückzug von Truppen und Siedlern aus dem Westjordanland gutheißen, wenn sie „nicht Gaza beruhigen“.

Er sagte, dass er glaubt, der Hamas sollten Gespräche über einen Waffenstillstand angeboten warden, bevor “extreme Maßnahmen” gegen die Bevölkerung von Gaza ergriffen würden.

“Ich weiß nicht, wie die Hamas reagieren wird.” Aber er sagte, das Angebot von Gesprächen – die von beiden Seiten ohne Vorbedingungen geführt werden wollten – „würden die Würfel in die Hand der Hamas legen und sagen: Haltet die dummen Raketen auf, die ihr nach Israel abfeuert.“

In Anerkennung der Tatsache, dass es bisher keine positive Reaktion der Regierung gegeben hat, sagte Yehoshua, dass es eines der Ziele sei, langfristig darauf hinzuwirken, die “Legitimität” solcher Gespräche mit der Hamas “vorzubereiten”.

Er sagte, die PLO – nun von Herrn Abbas geführt – sei zur Zeit für Israel ein „lieber Sohn“, fügte aber hinzu: „Ich erinnere mich, wie es vor 20 Jahren war, als wir zu Gesprächen mit ihnen aufriefen; wenn man die Worte PLO auch nur erwähnte, sagten die Leute, sie wollten dich umbringen.“

Aber er sagte, er hoffe auch, dass die Erklärung der Schriftsteller „in das Bewusstsein“ der Palästinenser in Gaza „rücken“ würde, sodass sie parallel Druck auf die Hamas ausüben würden, einem Waffenstillstand zuzustimmen.

Mark Regev, ein Sprecher des Außenministeriums, sagte: „Wir sind eine offene und demokratische Gesellschaft, in der die Menschen unterschiedliche Ansichten haben können. Aber es ist die Meinung der Regierung, dass, wenn man Gespräche mit der Hamas aufnimmt und ihr Legitimität und Anerkennung gibt, man die Position der [palästinensischen] Gemäßigten unterminiert.“

Taher Nounou, Sprecher der von Ismail Haniyeh geführten de facto Regierung der Hamas in Gaza, sagte, jeder Waffenstillstand müsse von beiden Seiten durchgeführt werden und dass Israel „die Belagerung [Gazas] aufheben“ müsse. Jede Reaktion auf den Vorschlag der Intellektuellen solle eine offizielle Reaktion von Israel abwarten.

Vor der blutigen Übernahme Gazas durch die Hamas im Juni hatte die Hamas darauf bestanden, jeder Waffenstillstand müsse sich auf das Westjordanland beziehen, aber Yehoshua sagte, das Westjordanland sei nun ein Fall für die palästinensische Notstandsregierung – mit der es einen Waffenstillstand gab.

[1] Israels Minister für Infrastruktur, Benjamin Ben Eliezer, sagte, der verhaftete Anführer der Fatah, Marwan Barghuti, sollte in einem Gefangenenaustausch freigelassen werden, bei dem auch der vor 14 Monaten in Gaza entführte israelische Unteroffizier Gilad Shalit eingebunden sein solle.

Übersetzung: Lena Jöst

Originalartikel: Israel's leading writers demand talks with Hamas on a ceasefire. Aus: The Independent (UK)
September 26, 2007
http://news.independent.co.uk/world/middle_east/article2998937.ece



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