Avnery: Grossmans Dilemma, 20.11.2006 (Friedensratschlag)
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Grossmans Dilemma

Was wir heute sagen, wird "Peace Now" morgen sagen und am Tag danach ein großer Teil der Öffentlichkeit

Der israelische Schriftsteller David Grossman hielt am 4. November, dem Jahrestag des Attentats auf Premier Jitzhak Rabin, eine Klagerede vor rund 100.000 Menschen (Auszüge daraus im Kasten unten). Uri Avnery, der den konsequentesten Teil der israelischen Friedensbewegung vertritt, nahm dazu in dem folgenden Text Stellung. Beide Texte, die Rede Grossmans und der Kommentar Avnerys, beleuchten die schwierige Situation, in der die Friedensbewegung in Israel stehen.



Grossmans Dilemma

Von Uri Avnery

Dies wurde in der Vergangenheit mehrfach bewiesen - auch in den vergangenen Wochen während des 2. Libanonkrieges. Wir riefen am ersten Kriegstag zu einer Demo gegen den Krieg auf, als die überwiegende Mehrheit ihn noch offen und rückhaltlos unterstützte, auch Amos Oz, David Grossman u.a. Aber als die wirklichen Motive und die tödlichen Folgen begannen, bekannt zu werden, änderte sich der Konsens. Unsere Demonstrationen wurden größer, statt 200 kamen 10 000 Demonstranten. Sogar „Peace Now“, das zunächst mit Meretz den Krieg unterstützte, änderte seinen Standpunkt und rief gegen Ende des Krieges gemeinsam mit Meretz zu einer eigenen Anti-Kriegs-Demo auf. Schließlich bewegte sich der ganze „nationale Konsens“.


DAS SCHLÜSSELWORT war „Hamas“. Es wurde auf der Tribüne ausgesprochen und unter der Zuhörerschaft gedruckt verteilt – doch unter unterschiedlichen Aspekten.

Auf der Tribüne der großen jährlichen Gedenkfeier für Yitzhak Rabin vor zwei Wochen hielt der Schriftsteller David Grossman, der einzige Sprecher dieser Veranstaltung, eine wichtige Rede. Als er zum Höhepunkt der Rede kam, empfahl er dem Ministerpräsidenten: „Reden Sie mit den Palästinensern, Herr Olmert. Reden Sie mit ihnen über die Köpfe der Hamas hinweg. Reden Sie mit den Moderaten unter ihnen, zu denen, die, wie Sie und ich, gegen Hamas und deren Ideologie sind!“

Zur selben Zeit hatten sich Dutzende von Gush Shalom-Aktivisten unter die Menge von 100.000 Teilnehmern der Rallye gemischt und verteilten Sticker, die ganz einfach sagten: „Frieden macht man mit Feinden – redet mit der Hamas!“. Später wurde berichtet, dass einige der Leute sich weigerten, die Sticker zu nehmen, aber der größte Teil nahm sie bereitwillig an.

Diese beiden Haltungen illustrieren das Dilemma, in dem sich das israelische Friedenslager jetzt befindet.

GROSSMANS Rede hat großes Echo hervorgerufen. (Sie wurde sogar in der deutschen Zeitung „Die Zeit“ abgedruckt.) Es war eine brillante Rede, die Rede eines Schriftstellers, der mit Worten umzugehen weiß. Die Rede erfüllte und hob die Gemüter der Anwesenden und wurde von den Medien als ein besonderes Ereignis gefeiert. Grossman hat zwar nicht erwähnt, dass er den Krieg anfangs befürwortete und seine Ansicht im Verlauf des Krieges änderte, aber diese Tatsache verlieh seiner eindringlichen Kritik an der Regierung sogar noch mehr Glaubwürdigkeit.

Er erwähnte die persönliche Tragödie, die ihn getroffen habe: in den letzten Stunden des Krieges wurde sein Sohn Uri getötet: „Das Unglück, das meine Familie und mich getroffen hat, … gibt mir kein besonderes Privileg bei unserer nationalen Debatte… Aber es scheint mir, wenn man sich mit Tod und Verlust auseinander setzen muss, dann ist dies auch mit mehr Nüchternheit und Klarheit verbunden.“

Er prägte einen neuen Satz, der sofort die Phantasie der Leute packte und den öffentlichen Diskurs bestimmte. „Unsere Führung, die politische wie die militärische, ist hohl“ erklärte er. Und dies ist seit dem Krieg tatsächlich das allgemeine Gefühl: die Führung ist bar jedes Gehaltes, ohne jeden Plan, ohne Werte – sie hat nur ein Ziel, nämlich zu überleben. Er sprach über die „Führung“ – nicht über Ehud Olmert persönlich. Aber dieses Adjektiv beschreibt genau diesen Mann selbst: ein Parteifunktionär, dessen ganzes Talent darin besteht, sich Komplotte und PR auszudenken, ohne jede intellektuelle Tiefe, ohne Vision, ohne inspirierende Persönlichkeit.

Eine andere Wortprägung wurde auch gleich aufgegriffen. Als er über den Eintritt von Avigdor Liberman als Minister für Strategie in die Regierung sprach, sagte er: „Dies ist die Ernennung eines zwanghaften Pyromanen, der nun zum Chef der Feuerwehr des Landes gemacht wurde.“

Ich konnte mich mit 90% der Rede vollkommen identifizieren. Ich konnte ihr in allem zustimmen, was sie über den Zustand des Staates aussagte, über die moralische und soziale Krise, über das Format unserer Führer und die nationale Notwendigkeit, Frieden zu erlangen. Wenn ich auf der Tribüne gestanden hätte. (Was ganz unmöglich ist, und wie ich später erklären werde), dann hätte ich ganz ähnliche Dinge wie meine Kollegen ausgesprochen, Dinge, die ich tatsächlich seit Jahrzehnten gesagt habe.

Der Unterschied zwischen uns – und es ist ein tief greifender Unterschied – betrifft die übrigen 10 % seiner Rede - und noch mehr das, wovon er nicht sprach.

Ich meine nicht Taktisches. Z.B. erwähnte er in seiner ganzen Rede nicht die Rolle der Labor-Partei in der Regierung während des Krieges und bei der Ernennung von Liberman. Olmert ist an allem schuld. Amir Peretz tauchte gar nicht erst auf.

Nein, ich meine Wesentlicheres.

NACH DEN Frontalangriffen auf die „hohle“ Führung, der es an Vision und Plänen fehlt, hätte man erwarten können, dass Grossman den auf dem Platz versammelten zehntausenden Peaceniks seine eigene Vision und seinen Plan für die Lösung des Problems vorlegt. Aber so klar und deutlich seine Kritik war – so vage und banal waren seine Vorschläge.

Was schlug er vor? Mit den „Moderaten“ unter den Palästinensern zu reden „über die Köpfe“ ihrer gewählten Regierung, um einen Friedenprozess noch einmal zu beginnen. Das ist nicht sehr originell. Das wurde schon von Ariel Sharon gesagt (und nicht getan), das wurde auch von Ehud Olmert gesagt (und nicht getan) und auch von George Bush.

Diese Unterscheidung zwischen „Moderaten“ und „Fanatikern“ auf der arabischen Seite ist oberflächlich und irreführend. Im Grunde ist es eine amerikanische Erfindung. Es trifft nicht das wirkliche Problem. Es beinhaltet ein großes Maß an Verachtung für die arabische Gesellschaft. Dies führt in die Sackgasse.

Grossmans Vorschlag lenkt die Diskussion in die Richtung „mit wem reden “ und „ mit wem nicht reden “, anstelle klar und deutlich festzustellen worüber geredet werden muss: über die Beendigung der Besatzung, über die Errichtung des Staates Palästina mit Ost-Jerusalem als seiner Hauptstadt, über den Rückzug zu den Grenzen von vor 1967 und über die Lösung des Flüchtlingsproblems.

Man könnte vernünftigerweise erwarten, dass solch eine Rede auf solch einem Platz und bei solch einer Gelegenheit klar und deutlich diese Statements enthält, anstelle von den sich immer wiederholenden, absichtlich verschwommenen Formeln. „ Geh zu ihnen mit den kühnsten, ernsthaftesten Plänen, die Israel vorzulegen in der Lage ist. Ein Plan, bei dem alle Israelis und Palästinenser mit Augen im Kopf die Grenzen unserer und ihre Verweigerung und Konzessionen erkennen können.“ Das klingt gut. Aber was bedeutet es?

Nun, es ist klar, dass man der gewählten palästinensischen Führung – egal wie sie zusammengesetzt ist - solche Vorschläge machen muss. Die Idee, dass wir nur mit einem Teil des palästinensischen Volkes (im Augenblick die Minderheit) verhandeln und den andern Teil (jetzt die Mehrheit) boykottieren, ist falsch und in die Irre führend. Sie ist auch von der anmaßenden Arroganz durchdrungen, die das Kennzeichen der Besatzung ist.

Grossman hat viel Mitgefühl mit den Armen und Unterdrückten in der israelischen Gesellschaft, und er drückte dies in bewegenden Worten aus. Offensichtlich versucht er, wirklich ein ähnliches Mitgefühl für das Leiden der palästinensischen Gesellschaft zu haben. Aber hier versagte er. Es ist ein Mitgefühl ohne Pathos, ohne wirkliche Gefühle.

Er sagt, dass dies ein Volk sei, das „nicht weniger gequält“ sei, als wir. Nicht weniger als wir? Gaza wie Tel Aviv? Rafah wie Kfar Sava? Er bemühte sich, eine Symmetrie zwischen den Besetzern und den Besetzten herzustellen, die so typisch für einen Teil der Peaceniks geworden ist. Das ist ein grundlegender Fehler. Das stimmt sogar, wenn Grossman das unermessliche Leiden der Juden während der Jahrhunderte meinte – selbst dies rechtfertigt nicht das, was wir jetzt den Palästinensern antun.

Über die Palästinenser, die in einer bewiesenermaßen demokratischen Wahl Hamas wählten, sagt Grossman, dass sie „Geiseln eines fanatischen Islam“ seien. Er ist sich sicher, dass sie sich in dem Augenblick vollkommen ändern würden, wenn Olmert „mit ihnen spräche“. Das ist - milde ausgedrückt - eine gönnerhafte, herablassende Haltung. „Warum setzen wir nicht all unsere Flexibilität, all unsere israelische Kreativität ein, um unsern Feind aus der Falle zu ziehen, in die er sich selbst begeben hat?“ Das heißt: wir sind die denkende, kreative Partei, und wir müssen die armen Araber aus ihrem blinden Fanatismus befreien.

Fanatismus? Ist dies vielleicht ein genetischer Zug? Oder ist es der normale Wunsch, sich von einer brutalen, erwürgenden Besatzung zu befreien, einer Besatzung, aus deren verheerendem Griff sie sich nicht befreien konnten, als sie eine „moderate“ Regierung wählten?

Dasselbe trifft auch auf Grossmans zweiten Vorschlag zu, der Syrien betraf. Auf den ersten Blick ein positiver Vorschlag. Olmert soll jeden Appell eines arabischen Führers akzeptieren, der Frieden vorschlägt. Ausgezeichnet. Aber was hat er Olmert tatsächlich vorgeschlagen? „Biete ihm (Assad) einen Friedensprozess an, der mehrere Jahre dauert; erst am Ende, wenn er alle Bedingungen erfüllt und allen Anforderungen entspricht, wird er die Golanhöhen erhalten d.h. er wird ihn in einen Prozess eines fortdauernden Dialogs zwingen.“ David Ben Gurion oder Ariel Sharon hätten es nicht besser sagen können.

Bashar al-Assad ist sicher nicht vor lauter Begeisterung von seinem Stuhl gefallen, als er dies las.

UM GROSSMANS Worte zu verstehen, muss man den Hintergrund kennen.

Es gibt nicht nur ein israelisches Friedenslager, sondern zwei – und der Unterschied zwischen ihnen ist groß.

Das 1. Friedenslager, zu dem sich Grossman zählt, nennt sich selbst „zionistisches Friedenslager“. Sein strategisches Konzept: es sei falsch, vom sog. „nationalen Konsens“ abzuweichen. Wenn man den Kontakt mit dem Konsens verliert – so glaubt man – würde man die Öffentlichkeit nicht gewinnen. Deshalb müssen wir unsere Botschaft so zurechtschneidern, dass die Allgemeinheit sie im Großen und Ganzen jederzeit annehmen kann.

Die „Frieden-Jetzt“-Bewegung befindet sich im Zentrum dieses Lagers und noch einige andere Gruppen und Persönlichkeiten gehören dazu. Es ist eine vollkommen legitime Strategie, wenn sie nur Erfolg gehabt hätte, die Massen zu gewinnen. Leider geschah dies nicht: „Frieden Jetzt!“, das 1982 Hunderttausende bei einer Protest-Demo gegen das Sabr- und Shatila-Massaker mobilisieren konnte, gelang es letzte Woche, nur 150 Demonstranten gegen das Beit Hanun-Massaker auf die Beine zu bringen. (Die anderen Bewegungen, die sich der Demonstration anschlossen, brachten es auf eine ähnliche Anzahl. Zusammen waren wir etwa 300). Etwa dieselbe Anzahl kam in letzter Zeit bei anderen Demonstrationen von Paece-Now zusammen, auch bei denen, die mehr Zeit für Vorbereitungen hatten.

Dieses Lager hält engen Kontakt mit zwei politischen Parteien, mit Meretz und mit dem linken Flügel von Labor. Fast alle Gründer und Führer von Peace Now waren Kandidaten dieser beiden Parteien, und einige von ihnen wurden in die Knesset gewählt. Eine der Gründerinnen ist jetzt die Ministerin für Bildung in der Olmert-Peretz-Kriegsregierung.

DAS ANDERE Lager, gewöhnlich als das „radikale Friedenslager“ bezeichnet, führt eine entgegen gesetzte Strategie durch: unsere Botschaft auch dann laut und deutlich zu verkündigen, wenn sie unbeliebt und weit entfernt vom üblichen Konsens liegt. Die Hypothese ist, dass der Konsens uns folgt, wenn unsere Botschaft sich in der Realität als richtig erwiesen hat.

Dieses Lager, zu dem „Gush Shalom“ gehört, (und in dem ich aktiv bin ) und Dutzende anderer Organisationen, engagiert sich in täglich tatkräftiger Weise: beim Kampf gegen die Mauer und all die anderen schlimmen Dinge der Besatzung bis zum Boykott gegen die Siedlungen und die Unterstützung der Soldaten, die sich weigern, in den besetzten Gebieten ihren Dienst zu tun.

Dieses Lager unterscheidet sich auch vom anderen dadurch, dass es enge Kontakte zu den Palästinensern pflegt, mit der Führung und mit den einfachen Dorfbewohnern, die gegen die Mauer kämpfen, die ihnen das Land raubt. Vor nicht langer Zeit begann „Gush Shalom“ einen Dialog mit Hamasführern. Diese Kontakte ermöglichen es uns, die palästinensische Gesellschaft in all ihrer Komplexität, ihren Gefühlen, Ansichten, Forderungen und Hoffnungen besser zu verstehen.

Mit keiner Partei verbunden, ist diesem Lager bewusst, dass es keine Massenbewegung wird. Das ist der Preis, den es zahlen muss. Es ist unmöglich, allgemein beliebt zu werden, während man einen Standpunkt einnimmt und Aktionen ausführt, die gegen den Konsens sind. Wie kann sie dann noch Einfluss ausüben? Wie kann es sein, dass im Laufe von Jahren viele ihrer Standpunkte von der Allgemeinheit angenommen werden, einschließlich solcher Leuchten wie Grossman?

Wir nennen dies den „Zahnradeffekt“. Ein kleines Zahnrad mit seinem eigenen Antrieb setzt ein größeres in Bewegung, das wieder ein größeres bewegt usw. bis es das Zentrum des Konsenses trifft. Was wir heute sagen, wird „Peace Now“ morgen sagen und am Tag danach ein großer Teil der Öffentlichkeit.

Dies wurde in der Vergangenheit mehrfach bewiesen - auch in den vergangenen Wochen während des 2. Libanonkrieges. Wir riefen am ersten Kriegstag zu einer Demo gegen den Krieg auf, als die überwiegende Mehrheit ihn noch offen und rückhaltlos unterstützte, auch Amos Oz, David Grossman u.a. Aber als die wirklichen Motive und die tödlichen Folgen begannen, bekannt zu werden, änderte sich der Konsens. Unsere Demonstrationen wurden größer, statt 200 kamen 10 000 Demonstranten. Sogar „Peace Now“, das zunächst mit Meretz den Krieg unterstützte, änderte seinen Standpunkt und rief gegen Ende des Krieges gemeinsam mit Meretz zu einer eigenen Anti-Kriegs-Demo auf. Schließlich bewegte sich der ganze „nationale Konsens“.

Es mag stimmen, dass das „radikale Friedenslager“ und das „zionistische Friedenslager“ - während sie verschiedene Rollen spielen – sich einander im entscheidenden Kampf um die öffentliche Meinung ergänzen.

GROSSMANS REDE sollte in diesem Geist beurteilt werden.

Es war eine bewegende Rede, ja eine großartige Rede. Sie enthielt nicht alles, was wir uns wünschten, aber für Grossman und das Lager, zu dem er gehört, war es wirklich ein großer Schritt in die richtige Richtung.

17. November 2006

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert

Quelle: Deutschsprachige Website von Uri Avnery: www.uri-avnery.de


Auszüge aus Grossmans Rede:

(...) Jitzhak Rabin hat den Weg des Friedens mit den Palästinensern nicht aus besonderer Sympathie für sie oder ihren Führer eingeschlagen. Auch damals war die vorherrschende Meinung, dass wir keinen Partner unter den Palästinensern hätten und es mit ihnen nichts zu verhandeln gäbe. Rabin schritt zur Tat, weil er in weiser Einsicht erkannte, dass die israelische Gesellschaft nicht ewig in einem ungelösten Konflikt würde existieren können. Früher als viele andere merkte er, dass das Leben in einem Dauerklima der Gewalt, der Besatzung, des Terrors, der Angst und Hoffnungslosigkeit einen Preis verlangte, den Israel langfristig nicht aufbringen konnte.
Diese Dinge gelten auch heute, und zwar in verschärftem Maße.
(...)
Betrachten Sie die Palästinenser einmal nicht durch Kimme und Korn oder eine geschlossene Straßensperre. Sie werden ein Volk erblicken, das nicht weniger gepeinigt ist als wir. Ein besetztes, deprimiertes Volk ohne Hoffnung. Gewiss sind die Palästinenser mit schuld, dass wir in der Sackgasse gelandet sind. Gewiss haben auch sie erheblichen Anteil am Fehlschlagen des Friedensprozesses. Aber betrachten Sie sie einen Moment anders. Nicht nur die Extremisten unter ihnen. Nicht nur diejenigen, die ein Interessenbündnis mit unseren Extremisten haben. Schauen Sie auf die entscheidende Mehrheit dieses bedauernswerten Volkes, dessen Schicksal mit unserem verknüpft ist, ob wir wollen oder nicht.
Gehen Sie zu den Palästinensern, Herr Olmert. Suchen Sie nicht immerfort Gründe, nicht mit ihnen zu reden.
(...)
Die entscheidende Mehrheit der israelischen Bürger begreift längst – wenn auch teils nicht sehr begeistert –, wie die Lösung des Konflikts in Umrissen aussehen wird. Die meisten von uns sehen ein, dass das Land geteilt werden und ein palästinensischer Staat entstehen wird. Warum führen wir also weiterhin ermüdende innerisraelische Grabenkämpfe, die nun schon bald vierzig Jahre andauern? Warum vertritt die politische Führung weiterhin die Position der Extremisten und nicht die der Mehrheit? Unsere Lage wäre doch ungleich besser, wenn wir so einen nationalen Konsens selbst erreichen könnten, ehe die Umstände – Druck von außen oder eine neue Intifada oder ein weiterer Krieg – uns dazu zwingen. Wenn wir das schaffen, ersparen wir uns Jahre des Blutvergießens und der nutzlosen Verschwendung. Jahre des Befangenseins in einem furchtbaren Irrtum.

Die Rede Grossmans ist in einer deutschen Übersetzung (aus dem Hebräischen von Ruth Achlama) in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" (Nr. 46, 9. November 2006) veröffentlicht worden.




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