Israels Generalstabschef Gantz warnt vor Hysterie, 28.04.2012 (Friedensratschlag)
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Warnung vor Hysterie

Kriegsdrohungen gegen Iran

Von Knut Mellenthin *

Propaganda und professionelle Analyse sind zwei absolut verschiedene Dinge. »Ich denke, die iranische Führung besteht aus sehr rationalen Leuten«, sagt Israels Generalstabschef Benny Gantz – und widerspricht damit seinem Verteidigungsminister Ehud Barak ebenso wie seinem Premier Benjamin Netanjahu, die ständig so tun, als hätte man es auf der Gegenseite mit unberechenbaren Irren zu tun.

Der Generalleutnant, der seine militärische Laufbahn 1977 als 18jähriger begann und seinen jetzigen Posten vor 14 Monaten antrat, glaubt auch nicht an die seit 1990 von allen israelischen Regierungen wiederholte These, daß Iran an der Produktion von Nuklearwaffen arbeitet. »Sie gehen Schritt für Schritt auf einen Punkt zu, wo sie sich entscheiden können, ob sie eine Atombombe bauen wollen. Sie haben sich noch nicht für diesen zusätzlichen Schritt entschieden.« Er glaube auch nicht, daß Irans oberster religiöser Führer, Ajatollah Ali Khamenei, künftig diesen Weg gehen wolle.

Gantz äußerte sich in einem ausführlichen Gespräch mit der israelischen Tageszeitung Haaretz, über das diese am Mittwoch berichtete, zum Iran, aber auch zur Möglichkeit neuer Militäroperationen im Libanon und im Gaza-Gebiet. Israels Generalstabschef reiht sich damit in die große Zahl führender westlicher Experten – Militärs und Geheimdienstleute – ein, die der Propaganda von der kurz vor der Fertigstellung stehenden iranischen Bombe widersprechen. Ihnen zufolge besitzt Iran schon seit mehreren Jahren die technische Fähigkeit zur Produktion von Nuklearwaffen, macht davon aber bisher keinen Gebrauch. Das stimmt mit den offiziellen Aussagen iranischer Politiker überein, daß man aus ethischen, religiösen, politischen und militärischen Gründen den Erwerb von Atomwaffen ablehnt.

Die westlichen Fachleute sind sich auch darin einig, daß Luftangriffe gegen die Kernanlagen Irans dessen Atomprogramm nur kurzzeitig unterbrechen würden, also nahezu nutzlos wären. Und mehr noch: Vorgebliche Präventivschläge, über die Netanjahu und Barak immer wieder in geradezu exhibitionistischer Lautstärke schwadronieren, sind vermutlich das einzige Mittel, das die iranische Regierung zu einer Überprüfung und Neubestimmung ihrer bisherigen Haltung veranlassen könnte. Sich grundsätzlich die Fähigkeit zum Bau von Atomwaffen offenzuhalten, aber diesen Weg bewußt nicht zu gehen, stellt also die beste Abwehr Irans gegen aggressive Absichten der USA und Israels dar. Freilich nur unter der Voraussetzung, daß sich im Westen die Realisten gegen die Kriegstreiber durchsetzen.

Deutlich an deren Adresse gerichtet sagte Gantz im Gespräch mit Haaretz: »Wir sind ein besonnener Staat. Israel ist der stärkste Staat der Region und wird es bleiben. Entscheidungen können und müssen sorgfältig getroffen werden, aus historischer Verantwortung, aber ohne Hysterie.«

* Aus: junge Welt, Freitag, 27. April 2012


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