Israels Botschaften verstärken Sympathiewerbung, 03.11.2010 (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Steht etwa ein neuer Militärschlag bevor?

Israels Botschaften verstärken Sympathiewerbung - Verdoppelung der PR-Ausgaben für 2011 geplant

Von Peter Strutynski

Das israelische Außenministerium geht in die ideologische Offensive: Im kommenden Jahr sollen die PR-Ausgaben in den wichtigsten europäischen Botschaften des Landes verdoppelt werden. Ziel ist eine öffentliche Pro-Israel-Kampagne, die mehr Verständnis für die Politik und die Rolle Israels im Nahost-Konflikt wecken soll.

Die Botschaften folgender Hauptstädte wurden für die Kampagne ausgewählt: London, Berlin, Rom, Madrid, Paris, Den Haag, Oslo und Kopenhagen.

In der Weisung des rechtsradikalen Außenministers Lieberman an die Botschaften ist die Rede davon, dass sich die Werbung verstärkt auf drei Bereiche beziehen soll: Einmal soll die israelische Haltung zum Friedensprozess und zu den Siedlungen deutlich gemacht werden. Zum zweiten sollen die Leistungen Israels auf den Gebieten der Technologie, der Ökonomie und des Tourismus herausgestrichen werden. Und drittens sollen problematische Entwicklungen im Nahen Osten außerhalb Israels aufgezeigt werden wie etwa die Machtstellung der Hisbollah in Libanon oder die Menschenrechtslage in Iran und Syrien.

Das Neue an der Kampagne ("advocacy campaign") liegt außerdem darin, dass die Botschaften in den jeweiligen Ländern Bürgerinnen und Bürger sowie PR-Agenturen anwerben wollen, die diese Kampagne tragen sollen. In jedem Land sollen ca. 1.000 Freiwillige angeworben werden, welche die Botschaften Israels verbreiten sollen. Spezielles Training und mehrmalige Überprüfung der Kampagnenergebnisse sind ebenfalls vorgesehen. Auch sollen Besucherreisen von "einflussreichen Personen" nach Israel organisiert werden.

Schwerpunktmäßig sollen Personen rekrutiert werden aus lokalen Jüdischen Gemeinden, aktive Mitglieder christlicher Organisationen, Journalisten, Politiker, Intellektuelle, Akademiker und Aktivisten studentischer Organisationen.

Diese und weitere Informationen sind dem nachfolgend dokumentierten Bericht aus der israelischen Zeitung Haaretz zu entnehmen. Von mir aus möchte ich nur hinzufügen, dass die Bemühungen der israelischen Regierung um ein gutes Image im Ausland immer dann verstärkt werden (müssen), wenn sie sich dieses Image durch ihre verfehlte Besatzungs- und Gewaltpolitik selbst verscherzt. Der völkerrechtswidrige Siedlungsbau bleibt ein Dauerproblem in den israelisch-palästinensischen Beziehungen, das nur durch eine Änderung der Politik aus der Welt zu schaffen ist, nicht durch eine "verbesserte" PR-Kampagne. Dasselbe gilt für die rechtswidrige faktische Einverleibung Ostjerusalems in die israelische "Hauptstadt", die Abriegelung des Gaza-Streifens und die Willkür in der Behandlung der Palästinenser in den besetzten Gebieten. Es soll hier nicht schwarz gemalt werden: Aber die PR-Kampagne des israelischen Außenministeriums könnte auch die ideologische Vorbereitung und Begleitmusik für ein neuerliches militärisches Abenteuer der israelischen Streitkräfte bilden. Die Feldzüge gegen Libanon 2006 und gegen den Gazastreifen 2008/09 sind noch in guter Erinnerung. Und die Stimmen, die einen Waffengang gegen Iran wegen dessen Atomprogramm befürworten, werden immer lauter - übrigens auch unter den Falken der USA.

Jegliche Kritik an der israelischen Politik - z.B. das, was im vorangegangenen Absatz steht - wird von den Botschaften und ihren bezahlten oder nicht bezahlten "Freiwilligen", die demnächst auch hier zu Lande rekrutiert und gebrieft werden, als "antiisraelische" oder gar "antisemitische" Propaganda denunziert werden. Dies ist - gerade in Deutschland - eine der schlimmsten Etiketten, die man einem politischen Gegner nur anheften kann. Die Friedensbewegung wird davon nicht ausgenommen, im Gegenteil: Schon heute gerät jede Veranstaltung oder Ausstellung, jede Veröffentlichung, die sich kritisch mit der israelischen Politik auseinandersetzt, unter Antisemitismus-Verdacht und wird mitunter sogar aus Rathäusern oder Gewerkschaftshäusern verbannt. Norman Paech hat vor wenigen Tagen zu Recht festgestellt: "Bemerkenswert ist, daß die Vorwürfe in wesentlich robusterer Manier vorgetragen werden, als die Kritiker ihre Kritik an der israelischen Regierung äußern. Das reicht von der Beschimpfung bis zum Verbot des Auftritts ..." (N. Paech: Vergleich und Erinnerung.)

Ein Wegducken hilft nicht. Wer das Feld den falschen Israelfreunden überlässt, die in ihrer "uneingeschränkten Solidarität" zu Israel die Jahrzehnte dauernde Entrechtung der Palästinenser oder jeden noch so verheerenden Feldzug der israelischen Armee rechtfertigen, schädigt nicht nur das Ansehen Israels in der Welt, sondern trägt dazu bei, dass ein gerechter Frieden im Nahen Osten in immer weitere Ferne rückt. Die Alternative zum Frieden aber wollen wir uns nicht ausmalen - sie wäre verheerend für Palästinenser und Israelis.


Lieberman urges Europe embassies to use 'allies' in PR efforts

New advocacy campaign to begin early next year, will make extensive use of professional advocacy and public relations experts by Israeli embassies in Europe.

By Barak Ravid


The Foreign Minister is planning to initiate a new public relations campaign in a number of European capitals early next year. The campaign, which will make extensive use of professional advocacy and public relations experts by Israeli embassies in Europe, aims to also use as many as a thousand people in each country, who will be willing to volunteer to spread Israel's message.

A week ago, the embassies of Israel in London, Berlin, Rome, Madrid, Paris, The Hague, Oslo, and Copenhagen were informed about the basic principles of the new public relations plan. "It was decided to give public relations emphasis in the countries you are serving," Naor Gilon, who heads the Western Europe division at the ministry, wrote the envoys.

"The Foreign Minister is very interested in this campaign and intends to meet with you on the issue at a meeting of ambassadors," the message wrote, referring to a meeting that is scheduled to take place next month.

The Foreign Ministry is putting its money on the gambit too, doubling the public relations budgets of the embassies in the nine capitals in Europe for next year.

Each ambassador was instructed to prepare, by January 16, a list of at least 1,000 "allies" who will be routinely briefed by the embassy for advocacy and public relations. These "allies" will have to be willing to take action on behalf of Israel, through support demonstrations and rallies, in publishing articles in the press, etc.

Among the types of persons that will be sought to assist in the campaign will be members of the local Jewish community, activists in Christian organizations, journalists, politicians, intellectuals, academics and activists in student organizations.

The novelty of this campaign is that it will not rely on the work only of Israeli diplomats and volunteer supporters, but on professional lobbying and public relations companies hired by the embassies.

The instructions from the Foreign Ministry to the embassies is that the firms not be "advertising firms but companies that will assist the embassy in its work vis-a-vis influential elements."

The professional lobbyists and PR agents will be provided with materials from the embassies, and which will be produced by a special team at the Foreign Ministry.

The Foreign Ministry team will produce three types of materials: political messages, in which Israel's positions on the peace process, the settlements, etc. will be encapsulated; "branding" messages which will position Israel in specific areas of activity, such as technology, economy, tourism, etc.; and messages about problematic developments in the Middle East which are not directly related to Israel, such as human rights in Iran or Syria, Hezbollah's take over in Lebanon, etc.

The ministry has also instructed the ambassadors in those nine capitals to focus their activities on organizing groups of influential persons from those countries to visit Israel.

The ambassadors were also instructed to hold, at least once a month, a high profile public event.

The public relations campaign will be evaluated in two surveys that the ambassadors were instructed to carry out during 2011, and reports every three months on the work of the "allies."

Quelle: Haaretz (Israel), 28.11.10


Zurück zur Israel-Seite

Zur Seite "Rassismus, Antisemitismus"

Zur Friedensbewegungs-Seite

Zurück zur Homepage