Beduinen sind in der Wüste Negev zu Hause, 25.12.2010 (Friedensratschlag)
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"Sie haben zweifellos das Recht auf Grund und Boden"

Beduinen sind in der Wüste Negev zu Hause, für Israels Regierung aber ein Störfaktor. Fortgesetzte Dorfzerstörung. Ein Gespräch mit Günter Rath


Der Stuttgarter Friedensaktivist Günter Rath (Die Linke) besuchte im Oktober mit dem israelischen Friedensaktivisten Reuven Moskovich das gestern erneut zerstörte Beduinendorf Al-Arakib.

Die Palästinensersiedlung Al-Arakib in der israelischen Negev-Wüste wurde am Donnerstag zum achten Mal seit dem 27. Juli vom Militär zerstört. Was genau ist da los?

Zum allerersten Mal wurden die Häuser in Al-Arakib am 27. Juli durch 2000 Sicherheitskräfte mit Planierraupen und Abrißbirnen zerstört. Seitdem besteht das Dorf nur noch aus Trümmern der Hütten, aus Wellblechteilen, Autoreifen, viel Holz und Resten dessen, was vielleicht mal ein Wohnhaus gewesen sein mag. Seit dieser Zeit leben die Beduinen in Zelten zwischen den Trümmern ihrer Häuser. Danach wurden ihre Zelte noch sieben weitere Male, zuletzt am Donnerstag demoliert.

Wie viele Menschen sind betroffen?

300 Araber – alle mit israelischer Staatsangehörigkeit! – leben immer noch dort und bauen ihre Hütten und Zelte immer wieder auf. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Sicherheitskräfte zum neunten Mal kommen, das Dorf erneut umzingeln und mit ihren Räumfahrzeugen die Notzelte niedermachen. Oft stehlen die Soldaten auch Wertgegenstände wie Laptops oder Handys aus den Zelten der Beduinen.

Vor welchem Hintergrund spielen sich diese Angriffe auf Beduinenstämme ab?

Im Negev leben rund 160000 Beduinen. Sie wanderten mit Familien und ihrem Vieh durch die Wüste von einem Ort zum anderen, deshalb haben sie nicht das gleiche Verständnis von Bodenbesitz oder Grundbucheinträgen wie wir. Aber ihnen gehört der Boden, weil sie schon seit Generationen immer wieder dort lagern. Dies dokumentiert der Friedhof, der in der Nähe des zerstörten Dorfes liegt, seine Verstorbenen sind dort begraben. Die Beduinen haben als ursprüngliche Bevölkerung des Negev zweifellos das Recht auf Grund und Boden.

Wie wehrt sich das Dorf?

Gegen die israelische Zerstörungsmaschinerie kann man sich physisch nicht behaupten. Die Beduinen haben einen Anwalt beauftragt, sie vor Gericht zu vertreten. Das kostet viel Geld, aber der Erfolg ist bislang ausgeblieben. Es gibt für die Opfer keine rechtliche Handhabe. Den Palästinensern werden vor Gericht obskure Eigentumstitel vorgehalten, abgeleitet aus biblischen Mythen. Die Vertreibung wird durch Militärkommandos, Gerichtsurteile, Psychoterror und Gewalt durch anrückende Siedler ausgeübt.

Warum zerstört Israel Beduinendörfer, von denen keine Gefahr für seine Existenz ausgeht?

Das Land ist Besitz, den die israelische Regierung für sich beansprucht. Der Negev wird militärisch genutzt, dort werden auch chemische und biologische Massenvernichtungswaffen hergestellt.

Wüste ist außerdem nicht gleich wertloser Boden. Wenn man dort Wasser hinleitet, tritt eine üppige Vegetation zutage. Israel will sie landwirtschaftlich nutzbar machen. In der Nähe von Al-Arakib gibt es einen Wald, der vor ein paar Jahren mit deutschen Spenden angelegt wurde. Erst jetzt gehen den Spendern die Augen auf, denn damit sollen auch grüne Fakten geschaffen werden, die zur Vertreibung der Palästinenser beitragen.

Außerdem will die israelische Regierung die Menschen im bürgerlichen Sinne seßhaft machen. So kann man sie besser unter Kontrolle halten. Vielleicht ist die Lage der Beduinen mit jener der Sinti und Roma vergleichbar, die auch keinen festen Wohnsitz haben. Ihre Unterkünfte wurden z. B. von der französischen Regierung als illegal bewertet und zerstört, um sie danach einfach abzuschieben.

Wie reagiert denn die israelische Öffentlichkeit auf dieses Unrecht?

Beduinen haben leider keine große Öffentlichkeit, sie gelten als Störfaktoren und lästige Araber, die sich gegen die Politik der israelischen Regierung zur Wehr setzen. Aber immerhin: Es gibt in Israel auch einige zivilgesellschaftlich organisierte Gruppen, die sich für ein friedliches Zusammenleben einsetzen, z.B. das Komitee gegen die Zerstörung von Häusern. Die Arbeit dieser Friedensaktivisten sollte auch von Deutschland viel mehr wahrgenommen und unterstützt werden.

Interview: Martin Lejeune

* Aus: junge Welt, 24. Dezember 2010


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