Busharon: Der Countdown, 24.05.2004 (Friedensratschlag)
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Busharon: Der Countdown / Busharon: The Countdown

by Uri Avnery (deutsch-german/english)

Man kann Palästinenser en masse töten, ganze Stadtteile zerstören, wie es im Augenblick geschieht. Aber man kann nicht gewinnen. Langsam begreift dies die Öffentlichkeit.

Die seltsame Kreatur, mit Namen Busharon , befindet sich ernsthaft in Schwierigkeiten. Der vordere Teil dieses Tieres – George W. Bush – ist wegen der Nacktaufnahmen in Schwierigkeiten. Nicht nur die der unglücklichen irakischen Gefangenen mit der eifrigen auf deren Genitalien zeigenden Soldatin, sondern auch von Bush selbst, dessen Blöße alle wahrnehmen. Derjenige, der das irakische Volk vor einem grausamen Tyrannen errettet hat, der „tapfere“ Führer, der Mesopotamien mit der Demokratie beschenken wollte, der Vertreter der westlichen, gegen Barbarei kämpfenden Zivilisation – hat sich nun selbst als grausamer Barbar entlarvt.

Lassen wir uns nichts vormachen: Dies ist nicht die Sache von ein paar männlichen und weiblichen Sadisten, die sich zufällig an ein und demselben Ort befanden. Es ist bereits klar, dass es eine systematische Misshandlung der Gefangenen gab – sie nackt zu halten, sie sexuell zu demütigen, scharfe Hunde auf sie zu hetzen, die sie wahrscheinlich bissen, sie am Schlafen zu hindern, sie lange Zeit in schmerzhaften Stellungen gefesselt zu halten, ihre Köpfe in stinkende Säcke zu stecken, sie mit dem Tod durch elektrischen Strom zu bedrohen – all dies wurde photographiert. Es ist kaum daran zu zweifeln, dass mit solch einer Einstellung gegenüber Gefangenen noch schlimmere Folter angewandt wurde, die aber nicht fotografiert wurde.

Inzwischen ist ziemlich deutlich geworden, dass dies als Standardverfahren angewandt wird, um Gefangene „weich“ zu machen. Nicht nur im Gefängnis, nicht nur in allen Gefängnissen des Irak, sondern auch in Afghanistan, auf der Teufelsinsel Guantanamo und all den anderen Orten, an denen sich solche wehrlosen Opfer befinden – die meisten von ihnen unschuldige, zufällig aufgelesene, ins Gefängnis geworfene Leute. Das heißt: es war eine Verfahrensangelegenheit, die von höchster Stelle kam.

Die Soldaten und Soldatinnen, die sich so happy in diesen pornographischen Szenen fotografieren ließen, sind abscheulich; aber jeder, der mit militärischem Leben vertraut ist, weiß, dass dies keine Privatinitiative war. Solche Taten können nicht auf längere Zeit mit Hunderten aufgenommener Bilder weiter ausgeführt werden, ohne dass die ganze Befehlskette daran beteiligt ist.

Jeder gemeine Soldat wird vom Geist seines Kommandeurs beeinflusst, mindestens bis zur Stufe des Brigadechefs. Dieser Kommandeur wiederum wird vom Geist seines Vorgesetzten bis einschließlich des Generalstabschefs beeinflusst. In diesem Fall – und dies ist bewiesen – kannten die Pentagonchefs und der Verteidigungsminister die Fakten schon lange vorher. Der nachforschende General fand keinen geschriebenen Befehl – aber solche Befehle werden immer mündlich gegeben und manchmal durch eine bloße Geste oder nur mit einem Wink.

Diese Soldaten, von denen die meisten aus anständigen Familien kommen, benahmen sich wie der Pöbel beim Lynchen. Der Hintergrund ist derselbe: Leugnung der Menschlichkeit der anderen Rasse, die als „untermenschlich“ betrachtet wird. Rassismus verwandelt die Mitglieder der „Herrenrasse“ selbst in Untermenschen.

George Bush verlor mit der Veröffentlichung dieser Fotos seine Welt. Er hätte die ganze Befehlskette entlassen können, vom Verteidigungsminister bis zum Gefängnisdirektor. Das tat er natürlich nicht. All die moralischen Argumente, die diesen Krieg gegen den Irak zu rechtfertigen versuchten, sind zusammengestürzt. Keine Demokratie, keine Befreiung, keine Zivilisation. Nichts ist geblieben, außer nackter Aggression von zynischen und grausamen Raubrittern, genau wie die Handlanger von Saddam Hussein.

Sollte mir eine Prophezeiung erlaubt sein, dann begann in dieser Woche der Countdown des Endes der Karriere von George W.

Das Hinterteil des Tieres – Ariel Sharon – steckt auch in großen Schwierigkeiten. Es begann mit der Ablehnung des „Einseitigen Trennungs“-Planes durch die Likudmitglieder, durch einen winzigen Teil der Bevölkerung, der von den Siedlern manipuliert wird. Seitdem bewegt er sich wie ein Raubtier im Käfig. Unter seinen Ministern und Parlamentsmitgliedern, (die ans Parteireferendum gebunden sind,) hat er nicht die Mehrheit. Er ist nicht in der Lage, eine neue Regierung zu bilden (die Mitglieder der Knesset seiner Partei lassen dies nicht zu); er ist unfähig, gegenüber Präsident Bush, sein Versprechen einzuhalten – und macht Bush auf diese Weise lächerlich.

Er schwätzt nun über „andere Pläne“, die er jetzt schmiede – was an Groucho Marxs Witz erinnert: „Dies sind meine Prinzipien. Wenn ihr sie nicht mögt, hab ich noch andere.“ Falls Sharon wirklich beabsichtigt haben sollte, Gaza zu verlassen, dann hätte er es schnell und ohne viel Spektakel getan: er hätte sich an einen strengen Zeitplan gehalten, ohne die Details alle paar Tage zu wechseln. Er hätte in diesen Plan die Evakuierung der „Philadelphi Achse“ eingeschlossen, eines schmalen Streifens von kaum hundert Metern Breite zwischen Gaza und Ägypten, der fast jeden Tag menschliche Opfer kostet.

Eine Woche nach dem Likudreferendum ereigneten sich zwei schreckliche Explosionen. Ein gepanzertes Fahrzeug, das eine große Menge Sprengstoff transportierte, fuhr nach Gazastadt hinein, um dort Gebäude in die Luft zu jagen. Es wurde von einer am Straßenrand von palästinensischen Guerillas versteckten Bombe getroffen. Es explodierte und riss sechs Soldaten in Stücke. Am nächsten Tag passierte dasselbe noch einmal auf der „Philadelphi Achse“: ein gepanzerter Wagen voller Sprengstoff war dorthin geschickt worden, um Tunnels unter der Grenze zu zerstören. Er wurde von einer palästinensischen Rakete getroffen und explodierte mitsamt seinen 5 Mannschaftsmitgliedern. Die Macht von jeder der beiden Explosionen war so stark, dass die Leichenteile über Hunderte von Metern zerstreut wurden. Das ganze Land sah im Fernsehen, wie israelische Soldaten auf allen Vieren krochen und den Sand mit bloßen Händen durchkämmten, um die Leichenteile ihrer Kameraden aufzusammeln. Die Medien wetteiferten bei der Orchestrierung einer nekrophilen Hysterie mit endlosem Gerede über „Leichenteile“, unterbrochen von Beerdigungen.

Es war unmöglich, die direkte Verbindung zwischen der Ablehnung des Rückzugs durch das Likud-Referendum und dem Tod der Soldaten zu übersehen. Dies wurde vom Schauspieler Shlomo Wishinsky, dessen Sohn Lior im zweiten Fahrzeug getötet wurde, auf sehr einfache Weise zum Ausdruck gebracht: er machte die Mitglieder des Likud für den Tod seines Sohnes verantwortlich.

Es war das erste Mal, dass die israelische Öffentlichkeit das wahre Bild von Gaza sah: kein „Terror“, keine „Terroristen“, sondern einen klassischen Guerilla-Krieg, an dem die ganze Bevölkerung gegen die Besatzungskräfte teilnimmt. Heute ist es Gaza – morgen die Westbank.

In solch einem Kampf können wir nicht gewinnen. Man kann Palästinenser en masse töten, ganze Stadtteile zerstören, wie es im Augenblick geschieht. Aber man kann nicht gewinnen. Langsam begreift dies die Öffentlichkeit. Die „zionistische Linke“ – so scheint es – wacht aus ihrem vier Jahre dauernden Koma auf.

Israel will den Gazastreifen verlassen, wie es den „Sicherheitsstreifen“ im Libanon verließ. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Streifen ist so offensichtlich, dass banale Schlagzeilen es in allen Medien verkünden.

Sollte mir eine zweite Prophezeiung erlaubt sein, dann beginnt in dieser Woche der Countdown des Endes der Karriere von Ariel Sharon.

Erstellt am 15.05.2004

Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)

Quellen: www.zmag.de; www.uri-avnery.de


Busharon: The Countdown

by Uri Avnery

15.05.04

The strange creature named the Busharon is in serious trouble.

The front half of this animal - George W. Bush - is having trouble with nude photos. Not only those of the hapless Iraqi prisoners, with the exuberant female soldier pointing at their genitals, but also of Bush himself, whose nakedness was exposed for all to see.

The savior of the Iraqi people from a cruel tyrant, the gallant leader bestowing democracy on Mesopotamia, the representative of Western civilization fighting against barbarism - has himself been exposed as a cruel barbarian.

Let no one kid himself: this is not a case of a few sadists, male and female, who happened to find themselves in one place. It is already clear that there was systematic abuse of prisoners - keeping them naked, humiliating them sexually, sending in vicious dogs which probably bit them, preventing them from sleeping, keeping them shackled in painful positions for a long time, covering their heads with filthy hoods, threatening them with electrocution - all these were photographed. But there can be little doubt that with such an attitude towards the prisoners, much worse torture was applied but not photographed.

It is now quite clear that this is applied as standard procedure for "softening" up prisoners. Not only in this prison, not only in all the other prisons in Iraq, but also in Afghanistan, in the devil's island of Guatanamo and all the other places where such defenseless victims, most of them quite innocent people who were picked up by accident, are imprisoned. Meaning: this was a matter of policy, coming from the highest level.

The soldiers, male and female, who happily let themselves be photographed in these pornographic scenes are certainly detestable, but anyone familiar with military life knows that this was not a private initiative. Such acts cannot go on for a long time, with many hundreds of pictures shot, without the whole chain of command being involved.

Every simple soldier is influenced by the spirit of his commanders, at least up to the level of the brigade. Its commander in turn is influenced by the spirit of his superiors, up to and including the Chief- of-Staff. In this case, it has been proven that the Pentagon chiefs and the Secretary of Defense knew the facts long ago. The investigating general did not find any written order, but such orders are always conveyed orally, and sometimes by a mere gesture or a wink. These soldiers, most of them from decent homes, behaved as people do in lynch mobs, and for the same reason: the denial of the humanity of other races, which are considered sub-human. Racism turns the members of the master-race themselves into sub-human beings.

George Bush lost his world with the publication of these photos. He could have fired the whole chain of command, from the Secretary of Defense down to the prison commander. He didn't, of course.

All the moral arguments attempting to justify his war against Iraq have come crashing down. No democracy, no liberation, no civilization. Nothing is left except the naked aggression of cynical and cruel robber barons, just like the henchmen of Saddam Hussein. If I may be permitted a prophecy: this week starts the countdown to the end of the career of George W.

The animal's rear end - Ariel Sharon - is also in great trouble.

This started with the rejection of the "Unilateral Disengagement" plan by the Likud members, a tiny part of the population, manipulated by the settlers. Since then Sharon has been prowling around like a caged predator. He has no majority among his ministers and members of parliament (they are bound by the party referendum), he is unable to form another government (the MPs of his party will not allow it), he is unable to fulfil his promise to President Bush (and has made Bush look ridiculous).

He has begun to blabber about "other plans" that he is forming - reminding one of Groucho Marx's joke: "Those are my principles. If you don't like them, I have others."

If Sharon had really intended to leave Gaza, he would have done it at once and without the hullabaloo, fixing a strict timetable and without changing the details every few days. He would have including in his plan the evacuation of the "Philadelphi Axis", the narrow strip a few hundred yards wide between Gaza and Egypt, which demands a human sacrifice almost every day. A week after the Likud referendum, two terrible blows were delivered. An armored vehicle carrying a large quantity of explosives entered Gaza city in order to blow up buildings, and was hit by a roadside bomb planted by Palestinian guerillas. It exploded, tearing the six soldiers to pieces. The day after, the very same thing happened on the "Philadelphi Axis": an armored personnel carrier full of explosives, which was sent there to blow up tunnels under the border, was hit by a Palestinian rocket and blew up with its five crew members.

The power of each of the two explosions was such that body parts were scattered over hundreds of meters. The whole country saw on TV how Israeli soldiers crawled on all fours, filtering the sand with their bare hands in order to gather the body parts of their comrades. The media competed in the orchestration of a necrophile hysteria, with endless talk about "body parts" interlaced with scenes of funerals.

It was impossible to ignore the direct connection between the Likud referendum's rejection of the withdrawal and the death of the soldiers. This was expressed in the most simple way by the actor Shlomo Vishinsky, whose son Lior was killed in the second vehicle, when he blamed the members of Likud for the death of his son.

For the first time, the Israeli public saw the real picture of Gaza: not "terror", not "terrorists", but a classic guerilla war, with the whole population taking part in the struggle against the occupation forces. Today's Gaza, tomorrow's West Bank.

In such a struggle, we cannot win. One can kill Palestinians wholesale, destroy whole neighborhoods, as is happening now. But one cannot win. The public is beginning to understand that. The "Zionist Left", so it seems, is also waking up from its 4-year coma.

Israel will leave the Gaza Strip, as it left the "Security Strip" in South Lebanon. The similarity between the two strips is so obvious, that banal headlines proclaim it in all the media.

If I may be permitted a second prophecy: this week starts the countdown to the end of the career of Ariel Sharon.

May 15, 2004

Source: http://gush-shalom.org


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