Der erste arabisch-israelische Krieg: Folge des UN-Plans, 12.05.2008 (Friedensratschlag)
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Folge des UN-Plans

Einen Tag nach der Ausrufung Israels beginnt der erste arabisch-israelische Krieg

Von Knut Mellenthin *

Vor dem Hintergrund des Holocaust und angesichts von Hunderttausenden jüdischen Flüchtlingen in Europa schloß sich die UN-Vollversammlung am 29. November 1947 der Empfehlung einer Kommission an, Palästina in zwei Staaten zu teilen. Jerusalem mit Umgebung sollte als besondere Einheit zunächst von der UNO verwaltet werden.

Der jüdische Staat sollte fast 60 Prozent des Gebiets von Palästina einnehmen, obwohl zu diesem Zeitpunkt nur etwa ein Drittel der Einwohner Juden und kaum 15 Prozent des Landes in jüdischem Besitz waren. Dem UN-Plan zufolge wären auf den arabischen Staat 800000 Araber und 10000 Juden entfallen, auf den jüdischen Staat hingegen 500000 Juden und 325000 Araber. Die meisten von ihnen lebten in ausschließlich oder überwiegend arabischen Orten und Gebieten. Daß sie nicht freiwillig Bürger Israels werden wollten, stand fest. Ihre Einbeziehung in den jüdischen Staat konnte also nur mit militärischen Mitteln erzwungen werden.

Dem Teilungsplan zufolge sollten der jüdische und der arabische Staat jeweils aus drei separaten Gebieten bestehen, die so ineinander verkeilt waren, daß alle Verbindungswege zwischen ihnen durch das Gebiet des anderen Staates führten. Außerdem gab es noch eine kleine arabische Enklave um die Stadt Jaffa. Jerusalem lag mitten in einem arabischen Gebiet.

Krieg programmiert

Der Teilungsplan hätte ein Maximum an gutem Willen auf beiden Seiten vorausgesetzt, um zu funktionieren. In der sehr angespannten realen Situation stellte er eine Aufforderung zur schnellen Klärung der Verhältnisse durch Krieg dar. Großbritannien, das im November 1947 noch rund 100 000 Soldaten in Palästina stationiert hatte, zog seine Truppen in den folgenden Monaten zügig ab, ohne sich um die Eskalation der Gewalt zwischen den Bevölkerungsgruppen zu kümmern. Der Teilungsplan sah zwar vor, daß die Vereinten Nationen die Verantwortung für seine friedliche und geordnete Durchführung übernehmen sollten. Tatsächlich geschah von dieser Seite jedoch absolut nichts.

Die Teilungsresolution der UNO wurde, aus unterschiedlichen Gründen, von den Palästinensern und den arabischen Staaten abgelehnt. Verworfen wurde sie aber auch vom sogenannten revisionistischen, rechtsextremen Flügel der Zionisten, der über die bewaffneten Organisationen Irgun und Lehi verfügte. Die Revisionisten hatten stets Palästina »auf beiden Seiten des Jordan« für den jüdischen Staat reklamiert und das bedeutete: einschließlich des gesamten Jordaniens. Nach ihrer Ansicht war die Resolution illegal und unannehmbar. Sie kündigten an, sich ihr mit allen Mitteln zu widersetzen. Im Juni 1948 proklamierte die Irgun gar die Nichtanerkennung des im Mai gegründeten Staates Israel. Später haben es die damaligen Führer von Irgun und Lehi im Staat Israel zu Ministerpräsidenten gebracht. Ihre Namen: Menachem Begin und Yitzchak Schamir.

Auch aus Sicht der sozialdemokratischen Führung um Ben Gurion war die Teilungsresolution der UNO eine Zumutung und außerdem überhaupt nicht zu praktizieren. Ein winziger Staat, der aus drei miteinander nicht direkt verbundenen Miniterritorien bestehen sollte, war inmitten einer nicht gerade freundlich auf das zionistische Projekt reagierenden Umgebung nicht lebensfähig. Es kam hinzu, daß ein arabischer Bevölkerungsanteil von 40 Prozent die ganze Idee des Zionismus ad absurdum geführt hätte: Dieser Staat wäre binational gewesen oder hätte es jedenfalls sein müssen, falls man nicht sämtliche Regeln der Demokratie außer Kraft setzen wollte. Unerträglich war für alle Zionisten außerdem der Verlust Jerusalems.

Das Interesse, die Linien des Teilungsplans mit Gewalt zu verändern und dabei zugleich die Bevölkerungsverhältnisse zu »korrigieren«, bestand daher nicht nur bei den Rechtsextremen, sondern auch bei der sozialdemokratischen Führungsgruppe. Auf Drängen Ben Gurions wurde am 12. Mai 1948 beschlossen, bei der Proklamation Israels die Staatsgrenzen nicht festzulegen. Dabei ist es bis heute geblieben.

Der erste arabisch-israelische Krieg begann nicht erst am 15. Mai 1948 mit dem Eingreifen regulärer Armeen aus den Nachbarländern, sondern unmittelbar nach der Teilungsresolution vom November 1947. Auf der einen Seite kämpften palästinensische Guerillaverbände, teilweise mit Unterstützung aus arabischen Staaten. Sie konnten zwar kaum Territorium besetzen, gefährdeten oder blockierten aber die Verkehrswege, schnitten jüdische Siedlungen ab und griffen sie an. Auf der anderen Seite heizten seit Januar 1948 Irgun und Lehi den Konflikt durch Bombenanschläge auf arabische Bevölkerungszentren an. Zugleich versuchten die offiziellen Streitkräfte, die Haganah, die versprengt liegenden jüdischen Gebiete miteinander zu verbinden und auszuweiten.

Anfang April 1948 konnten die Zionisten zur militärischen Offensive übergehen, wobei mitunter, wie bei der Eroberung von Haifa, die Haganah und die Rechtsextremisten zusammenarbeiteten. Durch diese Operationen wurden noch vor der Proklamation des Staates Israel weitgehend die im Teilungsplan vorgesehenen Linien erreicht und zum Teil schon überschritten. Eine Massenflucht der arabischen Bevölkerung setzte ein, besonders nachdem sich die Nachricht vom Massaker in Deir Jasin verbreitete.

Einheiten der Irgun und der Lehi hatten am 9. April 1948 das nahe Jerusalem gelegene Dorf überfallen und – nach unterschiedlichen Angaben – zwischen 100 und 250 Menschen ermordet. Deir Jasin und die Massenflucht setzten die arabischen Regime – die zwar lautstark Kriegsparolen verbreiteten, aber vor Taten eher zurückschreckten, weil sie sich ihrer militärischen Schwäche bewußt waren – unter Zugzwang. Die Länder, die durchweg gute Beziehungen zu Großbritannien unterhielten und deren Armeen zum Teil eng mit dem britischen Militär kooperierten (Jordanien, Ägypten, Irak, Saudi-Arabien), warteten mit ihrer Intervention das offizielle Ende des britischen UN-Mandats am 14. Mai ab – vermutlich in Absprache mit London.

Israelische Überlegenheit

Der erste arabisch-israelische Krieg begründete, vor dem Hintergrund des Holocaust, den Mythos vom tapferen kleinen Volk, das sich gegen eine riesige Übermacht von vernichtungswilligen Feinden behauptet. Indem man einfach die Bevölkerung der Staaten zusammenzählte, die Israel den Krieg erklärt hatten, kam man zu der Version, 27 Millionen Araber hätten eine halbe Million Juden überfallen. Tatsächlich schickten die arabischen Staaten insgesamt maximal 60000 Mann an die Fronten. Zu Kriegsbeginn bestand zahlenmäßig ungefähr Parität –etwa 30000 Mann auf jeder Seite –, in der Endphase hatten die israelischen Streitkräfte eine doppelte Überlegenheit.

Das Ergebnis des Krieges war erstens, daß Israel sich weit über die Linien des UN-Teilungsbeschlusses hinaus ausdehnte. Zweitens, daß 750000 arabische Palästinenser geflüchtet oder vertrieben waren, so daß im Gebiet Israels nur noch etwa 100000 als tolerierbare Minorität lebten. Israel erlaubte die Rückkehr der Flüchtlinge nicht, wie es die am 11. Dezember 1948 von der UN-Vollversammlung verabschiedete Resolution 194 vorsah. Nicht zustande kam auch der von der UNO beschlossene arabisch-palästinensische Staat: Das jordanische Regime annektierte das Land westlich des Jordan, soweit es nicht von Israel erobert worden war. Ägypten unterstellte den Gazastreifen seiner Verwaltung.

* Aus: junge Welt, 10. Mai 2008


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