Iran: Ölpreisschock wegen Kriegsgefahr, 29.06.2008 (Friedensratschlag)
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Ölpreisschock wegen Kriegsgefahr

Weltbörsen geben deutlich nach / US-Generalstabschef in Israel

Von Jürgen Elsässer *

Der Ölpreis steigt angesichts der drohenden Gefahr eines Iran-Krieges auf immer neue Höhen.

Neue Ölpreis-Rekordpreise haben die Börsen am Freitag weltweit auf Talfahrt geschickt. In Asien brachen die Kurse um bis zu fünf Prozent ein. In Deutschland hatte der Dax im Tagesverlauf Verluste von etwa einem Prozent, nachdem er am Vortag bereits 2,4 Prozent eingebüßt hatte. Der US-amerikanische Aktienindex Dow Jones gab am Donnerstag um über drei Prozent nach und landete auf einem Jahrestief. Auch am Freitag begann der Wertpapierhandel in New York im Minus.

Hauptfaktor der Verluste ist der steile Anstieg der Ölpreise. Innerhalb der letzten zwöf Monate hat sich der Preis pro Fass auf etwa 140 Dollar glatt verdoppelt. Allein am Freitag stieg der Preis für Leichtöl aus Texas und für Nordseeöl um circa zwei Dollar. Der Schub war ausgelöst worden durch die düsteren Prophezeiungen von Gazprom-Chef Alexej Miller und dem Präsidenten der ölexportierenden Staaten (OPEC), Chakib Khelil. Miller sagte einen Fasspreis von 250 Dollar für das nächste Jahr voraus. Khelil prognostizierte einen Anstieg auf 150 bis 170 Dollar schon in den nächsten Wochen.

Schlimmstenfalls – so Khelil – seien sogar »200, 300 oder 400 Dollar« vorstellbar. Damit müsse man rechnen, falls sich der Konflikt um das iranische Atomprogramm verschärfe, begründete der OPEC-Mann seine Prognose.

Die Verteuerung des Schwarzen Goldes sei der steigenden Nachfrage der Schwellenländer geschuldet, behaupten die westlichen Regierungen. Dem widersprachen die Ölförderstaaten auf dem Krisengipfel am vergangenen Wochenende in Dschidda. Zur Beruhigung der Märkte hat das größte Förderland Saudi-Arabien dort angekündigt, seine Produktion ab sofort zu erhöhen, bis Ende kommenden Jahres um 30 Prozent.

Dass sich die Hausse dennoch nicht abgekühlt hat, hängt mit der Kriegsgefahr zusammen. Der Preissprung Anfang Juni um satte neun Prozent folgte der Ankündigung des israelischen Transportministers Schaul Mofaz, Israel werde Iran bei Fortsetzung von dessen Atomprogramms angreifen, sowie ähnlichen Drohungen von Premier Ehud Olmert beim in Washington. Zur Monatsmitte übten 100 israelische Kampfjets über der Ägäis die Bombardierung des iranische Atomforschungszentrums Natanz.

Dem Preissprung in dieser Woche war ein Beschluss der Europäischen Union am Montag vorangegangen, Sanktionen auch noch gegen die letzte iranische Bank zu verhängen und damit die Geschäftsbeziehungen mit der Islamischen Republik zu strangulieren. Damit ging die EU weit über die Beschlusslage der UNO hinaus. Zur Vergeltung drohte Lybien zur Wochenmitte, seinen Ölexport in die EU zu drosseln.

John Bolton, früher UN-Botschafter der USA und Vertrauter von Vizepräsident Dick Cheney, nannte schon einen ziemlich konkreten Termin für den Kriegsbeginn: Nach der US-Präsidentschaftswahl am 4. November und vor der Amtseinführung des neuen Mannes in das Weiße Haus am 20. Januar müsse losgeschlagen werden. Vor diesem Hintergrund ist es elektrisierend, dass US-General- stabschef Michael Muller dieses Wochendende seinen Amtskollegen in Tel Aviv besucht.

Die Zeche zahlen schon jetzt die kleinen Leute: Nach offiziellen Angaben des Statistischen Bundesamtes stiegen die Preise in Deutschland im Juni um 3,3 Prozent per annum. Das ist der höchste Wert seit 15 Jahren. Heizöl kostete in Baden-Württemberg 67 Prozent mehr als im Vorjahr. In Belgien kletterte die Inflation auf 5,2 Prozent.

Notleidende Banken sind auch in Deutschland dazu übergegangen, Immobilienkredite an Heuschreckenfonds zu verscherbeln, die dann Zwangsvollstreckungen einleiten können. Auch ein gestern beschlossenes Gesetz kann Häuslebauer davor nicht schützen.

* Aus: Neues Deutshcland, 28. Juni 2008


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