Ramadi: "Wir leben in einer Kriegszone", 22.06.2006 (Friedensratschlag)
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"Wir leben in einer Kriegszone"

Ein bedrückender Bericht aus Ramadi - Irakischer Widerstand nicht nur gegen US-Truppen, sondern auch gegen Al Kaida

Von Karin Leukefeld

"Die Situation in Ramadi ist wie in Bagdad, sehr ernst. Wir beobachten die Lage mit großer Aufmerksamkeit", erklärte Generalmajor Wiliam Caldwell, Sprecher der US-geführten Truppen im Irak Anfang Juni. Nun ist Ramadi Ziel einer neuen Militäroperation geworden.

US- und irakische Truppen haben die Stadt in den vergangenen Tagen weitgehend abgeriegelt. Kontrollpunkte sollen "den Strom der Aufständischen unterbinden", so Oberstleutnant Bryan Salas gegenüber Journalisten. Zivilisten könnten aber weiterhin "die Stadt betreten und verlassen."

Einwohner berichten anderes. Per Lautsprecher seien von Amerikanern am 13. Juni Hausdurchsuchungen angekündigt worden, die Einwohner sollten die Stadt verlassen. Das hätten viele Familien getan, wobei sie weiße Fahnen gehalten hätten, um nicht von US-Scharfschützen erschossen zu werden. 70% der rund 400.000 Einwohner hätten die Stadt inzwischen verlassen, ist dem Bericht eines Journalisten aus Ramadi zu entnehmen, der für das "Institut für die Berichterstattung über Krieg und Frieden" (www.iwpr.net) schreibt. Das wären rund 280.000 Menschen. Die Irakische Rote Halbmondgesellschaft (IRCS) hat seit Beginn der jüngsten Offensive 1.500 Familien (ca. 10.000 Personen) registriert. Der IRCS-Mitarbeiter Hamid al-Karboli berichtete, die Flüchtlinge würden mit Zelten, Nahrungsmitteln und sauberem Wasser versorgt, doch die Nachfrage steige stetig. Die Einwohner von Ramadi seien sehr wütend über die unaufhörlichen Luftangriffe. Sowohl US-Soldaten als auch Aufständische hätten im Zuge von Kämpfen immer wieder Häuser gestürmt oder Dächer besetzt.

Viele Familien seien zu Angehörigen in die irakisch-syrischen Grenzstädte Kubaisa, Haditha oder Ani geflohen, auch wohlhabende Iraker unterstützten die Flüchtlinge. Es gäbe aber auch Familien, die in leer stehenden Gebäuden oder Moscheen Zuflucht gesucht hätten.

"Wir leben in einer Kriegszone", beschrieb Thair Saad (45) die Situation in Ramadi gegenüber dem UN-Informationsnetzwerk (IRIN). "Es gibt weder Strom, noch Trinkwasser, noch Telefonanschlüsse. Wie sollen wir ein normales Leben führen!" Die sechsköpfige Familie von Saad floh nach Bagdad, wo sie nun monatlich $300 Miete für ein kleines Haus im Stadtteil Amirija bezahlen muß. Der Student Ghayath Salim al-Dulaimi (17) berichtete, die Anbar Universität und die örtlichen Schulen hätte wegen der Militäroperationen mitten in den Abschlussprüfungen geschlossen. Keiner habe das Schuljahr abschließen können. Aus seiner Nachbarschaft seien alle Familien geflohen.

Aufgrund der anhaltenden Militäroperationen ist die Zahl der zivilen irakischen Opfer in der Anbar Provinz besonders hoch. Die New York Times berichtete kürzlich, dass das Pentagon seit 2003 insgesamt $19,7 Millionen an Kompensationsgelder für getötete Angehörige gezahlt habe, $9,5 Millionen davon erhielten Einwohner der Anbar Provinz.

Wer kämpft in An Anbar gegen die Besatzungstruppen?

Die US-Armee gibt an, in Ramadi Gruppen der Al Khaida zu bekämpfen, das allerdings tun seit geraumer Zeit schon ganz andere. Gegenüber dem bereits erwähnten Journalisten des "Instituts für die Berichterstattung über Krieg und Frieden", sprach ein Mitglied des "Islamisch-Nationalen Irakischen Widerstands für die Befreiung Iraks" über die Beweggründe und Ziele seiner Gruppe. Abu Omar, wie der Mann sich nannte, erklärte, ihr Ziel seien nicht nur die US-Truppen: "Wir kämpfen nicht nur gegen die Amerikaner, wir kämpfen gegen die Extremisten und jeden, der diesen ehrenhaften Widerstand verunstaltet", sagte Abu Omar.

Die extremistischen Al Khaida Gruppen hätten die Lage in Ramadi und in der Anbar Provinz verschlimmert, seit sie 2004 begonnen hätten, die irakische Polizei anzugreifen. Auch Mitglieder der Provinzräte und sunnitische Stammesführer seien von Al Khaida getötet worden. Auf ihren Leichen habe man jeweils Zettel gefunden, auf denen Musab al-Zarkawi für die Morde die Verantwortung übernahm. Wer gewagt hätte, den Zettel zu entfernen und den Leichnam zu beerdigen, habe sein eigenes Leben riskiert.

Die Polizeikräfte und Stammesführer müssen in die Kooperation mit den US-Amerikanern geradezu hineingebombt worden sein, ist den Schilderungen von Abu Omar zu entnehmen. Erst als im Januar 2006 mehr als 100 junge Männer getötet worden waren, die sich um die Aufnahme bei der Polizei beworben hatten, hätten die lokalen Kräfte einer Zusammenarbeit mit der US-Armee zugestimmt. Die Folge waren weitere Al Khaida Morde an Stammesführern wie Scheich Nasir al-Fahdawi und einem Mitglied im Provinzrat, Haj Khidir.

"Wir Iraker brauchen keinen Zarkawi, der uns führt", betont Abu Omar. Den „Heiligen Krieg gegen die Amerikaner" werde der Widerstand fortsetzen, "aber nicht gegen unsere eigenen Leute."

* Dieser Artikel erschien – leicht gekürzt – unter der Überschrift "In der 'Kriegszone' Ramadi" am 21. Juni 2006 im "Neuen Deutschland".


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