Iraks kulturelles Gedächtnis schwer geschädigt, 08.06.2003 (Friedensratschlag)
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Iraks kulturelles Gedächtnis schwer geschädigt: "Weißer Ascheteppich in der Bibliothek"

Erkundungen in der Bagdad-Universität, im Nationalmuseum und der Nationalbibliothek

Folgenden Text der Irak- und Kurdistan-Expertin Karin Leukefeld haben wir dem "Neuen Deutschland" entnommen.


Von Karin Leukefeld, Bagdad

Hadi Salih, der junge Germanistikstudent aus dem Bagdader Stadtteil Khadimia, rutscht unruhig auf dem Beifahrersitz hin und her. Seine Hände haben sich fest um die Plastiktüte geschlossen, die auf seinem Schoß liegt. In der Tüte befindet sich ein nagelneues Wahrig-Wörter- buch, das hatte er sich bei unserer letzten Begegnung wenige Tage vor dem Krieg dringend gewünscht. Außerdem sind darin Fotos von ihm und seinen Kommilitonen. Stolz stehen vier junge Männer vor den vollen Regalen der kleinen Bibliothek der deutschen Fakultät an der Bagdad- Universität. Hinter ihnen 12 Bände Deutsche Geschichte, 14 Bände Kindlers Literatur Lexikon, drei Ausgaben von Langenscheidts Deutsch als Fremdsprache...

»Seit dem Krieg bin ich nicht wieder hier gewesen«, sagt Hadi stockend und schaut irritiert aus dem Autofenster. Der früher so lebhafte Platz vor dem Haupteingang der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Bagdad-Universität liegt wie ausgestorben, ein warmer Windstoß wirbelt Staub und Plastikreste durch die Luft. Niemand ist zu sehen, keine Studenten, die mit ihren Büchern unter dem Arm auf den Gehwegen dem schweren Eisentor zueilen. Verschwunden sind auch die Straßenhändler, die hier sonst Bücher, Zeitungen oder Obst anbieten.

Überall Gerüchte, Augenzeugen sind rar

Das eiserne Tor öffnet sich, ein paar junge Männer sitzen müde im Schatten des Torbogens, einer rückt die Kalaschnikow auf seinen Knien hin und her, schaut neugierig ins Wageninnere und winkt den Fahrer dann freundlich durch. Anders als früher wird der Ausweis nicht kontrolliert, niemand fragt nach einem Genehmigungsschreiben. Wo früher ein großes Bild von Saddam Hussein die Ankömmlinge, ist jetzt ein verbrannter Fleck. Es ist still auf dem Campus. Die Luft flimmert vor Hitze, nur das scharrende Geräusch der eigenen Schuh- sohlen ist zu hören. Verbeulte und zerbrochene Einrichtungsgegen- stände liegen herum: Stühle, Metallschränke, Tischbeine. Brandgeruch erfüllt die Luft.

Der Campus wurde nicht von US-amerikanischen Bomben zerstört, sondern von Plünderern und Brandstiftern. Sie kamen zwischen dem 7. und 9. April, als die US-Soldaten in Bagdad einmarschierten, berichtet Hadi. Der Anblick des Spracheninstituts verschlägt ihm die Sprache. Obwohl offenbar schon einige der Reinigungsfrauen das Gröbste beseitigt haben, bietet sich ein Bild der Verwüstung: die geräumige Cafeteria, die früher wie ein Bienenstock summte, ist ein Trümmerhaufen, die Wände verkohlt.

Im Gang zur deutschen Bibliothek steht eine Gruppe Männer ins Gespräch vertieft. Ihre Stimmen hallen durch den leeren Korridor. Die Professoren Dr. Fuad und Dr. Ghazi Sherif berichten ihrem deutschen Kollegen Professor Walter Sommerfeld, Altorientalist und Keilschriftexperte von der Universität Marburg, von ihren Beobachtungen. Erst seien Leute gekommen, die gestohlen hätten, was sie kriegen konnten: Tische, Regale, Computer, Telefone, empört sich Dr. Ghazi. Sogar die Telefonleitungen hätten sie aus der Wand gerissen und die Steckdosen mitgenommen.

Später dann seien andere Leute gekommen, die gezielt die Bibliotheken und Arbeitsräume angezündet hätten. Ob er wisse, wer das gewesen sei? Dr. Ghazi zuckt mit den Schultern. Niemand von ihnen sei dabeigewesen, sagt er, doch die Leute erzählten sich, es seien Ausländer gewesen, möglicherweise Kuwaitis. Vielleicht hätten sie das aus Rache getan, wer weiß. Überall Gerüchte, Augenzeugen sind rar.

Ein Blick durch die Tür der deutschen Bibliothek bestätigt die schlimmsten Befürchtungen. Ein weißer Ascheteppich liegt auf dem Boden, die Regale sind leer und verbrannt, kein einziges Buch ist mehr erhalten. »Die Bibliothek gibt es seit Gründung dieser Fakultät vor 50 Jahren«, sagt Dr. Fuad und blickt ratlos auf den Boden. »15.000 Bücher gab es hier, viele haben wir von deutschen Freunden bekommen.«

»Es gibt einen Krisenstab im Außenministerium in Berlin«, macht Professor Sommerfeld seinen Kollegen Mut. »Wollen wir hoffen«, lächelt Dr. Fuad etwas gequält. »Es gibt hier viel zu tun.« Dann zeigt er sein Arbeitszimmer, in dem er in den vergangenen Jahren so manchen deutschen Journalisten begrüßte. »Wir haben schon auf- geräumt«, sagt er in den leeren Raum mit ein paar zerbrochenen Möbelstücken hinein. »Sie wissen ja selbst, wie es hier früher aussah.«

»...jedenfalls nicht an unserer Kultur«

Dr. Ghazi ist weniger gelassen als sein Kollege: »Warum haben die Amerikaner dieses Gelände nicht mit einem Panzer abgesperrt, als sie einmarschierten«, fragt er vorwurfsvoll. Das Ölministerium hätten sie ja sofort gefunden und gut abgesichert. »Das zeigt doch, woran die Amerikaner hier interessiert sind, jedenfalls nicht an unserer Kultur.«

Zwischen dem 7. und 9. April gab es offenbar auch heftige Kämpfe in der Nähe des Irakischen Nationalmuseums, berichteten Augenzeugen gegenüber Professor Sommerfeld, der Bagdad und Irak wie kaum ein anderer kennt. In den letzten 20 Jahren hat er oft über Monate hier gearbeitet, vieles, was im Nationalmuseum ausgestellt war, hat der Altorientalist »selber mit ausgegraben«. Plünderer räumten das Gebäude zwischen dem 10. und 12. April offenbar gezielt aus, während USA-Soldaten zugeschaut hätten.

Lässt sich dieser Vorwurf belegen? Professor Sommerfelds Zeugen sind Mitarbeiter des Museums, die mehrfach die Soldaten zum Einschreiten gegen die Plünderer aufgefordert hätten - ohne Erfolg. »Das ist nicht unser Auftrag«, lautete die lapidare Antwort. Inzwischen allerdings sei das Museum wohl das »am besten gesicherte Museum der Welt«, scherzt Sommerfeld mit Galgenhumor. Selbst die Angestellten kämen nur nach scharfen Ausweis- und Taschenkontrollen auf das Gelände. Die beißen die Zähne zusammen angesichts solcher Demütigung.

»Was sollen wir tun«, sagt eine pensionierte langjährige Mitar- beiterin schulterzuckend mit Tränen in den Augen. Sie ist gekommen, um beim Aufräumen zu helfen, doch genannt werden möchte sie nicht. »Ich bin nicht befugt, Interviews zu geben«, sagt sie leise. Der schneidige Leutnant Bogdanus von der US-Armee beantwortet dafür umso ausdauernder die Fragen der Journalisten. Passt ihm eine Frage nicht, hält er einfach das Mikrofon zu. Der mit einer beeindruckenden öffentlichen Entschuldigung versehene Rücktritt von drei Kunsthistorikern in Washington, die Präsident Bush vor dem Krieg in Sachen »Schutz irakischer Kulturgüter« beraten hatten, gehe ihn nichts an, macht er deutlich und springt nervös zwei Schritte vom Mikrofon zurück.

Bogdanus leitet die Untersuchungskommission der US-Army, die nach den Plünderungen eingerichtet wurde. »Wir haben die fehlenden Stücke aufgelistet und Fotos veröffentlicht«, erklärt Bogdanus. Diese Fotos seien an Kunstmuseen und Sammler, an die Zollstellen der Nachbarländer Iraks, an internationale Flughäfen in aller Welt weitergeleitet worden. Hunderte von Tätern hätten ihre Beute zurückgebracht, nachdem die US-Militärverwaltung eine Amnestie ausgerufen hätte, so der Militärsprecher. »Ungefähr 500 Kisten mit Manuskripten und Dokumenten« seien aufgefunden worden und die »zwischen 600 und 700 sichergestellten« Kleinode können an diesem Tag erstmals in einem Nebengebäude des Museums betrachtet werden.

Der Raum ist abgedunkelt, auf einem großen ovalen Tisch stehen und liegen nebeneinander kleine Gottesfiguren aus Ton oder Stein, Schmuckstücke, Rollsiegel. Im angrenzenden Nebenraum kampieren US- Soldaten auf Feldbetten, einige Computer sind aufgestellt, Cola- büchsen und sonstige Nahrungsmittel stapeln sich in einer Ecke. Mit den Vorgängen während der Plünderungen sei man nicht befasst, so Leutnant Bogdanus. »Unser Mandat ist nicht festzustellen, wer Schuld an den Vorgängen hatte. Wir sind hier, um das Museum zu schützen und weitere Plünderungen zu verhindern.«

Die Informationen über die Verluste seien zunächst sehr wider- sprüchlich gewesen, sagt Professor Sommerfeld. Drei Mal war er im Irakmuseum, um sich von den tatsächlichen Schäden so gut es geht zu überzeugen. »Die Inventare sind im Wesentlichen noch vorhanden, man kann den Bestand weitgehend rekonstruieren.« Zum Glück sei nicht wie in der Bagdad-Universität alles verbrannt worden, sagt er. Glück im Unglück also? Das kulturelle Gedächtnis Iraks sei zwar nicht, wie zunächst befürchtet, vernichtet worden, doch habe es »ungeheure Schäden erlitten«, seufzt Sommerfeld. Nicht alles sei verschwunden, doch was eine Kulturnation ausmache - Biblio- theken, Museen, Archive - sei »entweder vollständig zerstört oder stark verwüstet und es wird noch sehr, sehr lange dauern, bis man überhaupt etwas wieder davon aufbauen kann«.

Herr Kamil ist scheinbar ungerührt

Auch die Nationalbibliothek, Beit al Hikma, das Haus der Bücher, wurde zwischen dem 7. und 9. April gewaltsam geöffnet, geplündert und zerstört. Vieles soll auch verbrannt worden sein, hieß es in Medienberichten, doch zu sehen ist das nicht. Das zentrale Gebäude ist gesperrt, sagt Herr Kamil, der seit 20 Jahren über die Ordnung in dem Gebäude wacht. Zivilisten hätten zunächst versucht, das Gebäude und die Bücher zu schützen. Viele Angestellte seien, wie er selber auch, während des Krieges nicht in Bagdad gewesen.

Kamil schätzt, dass 50 Prozent der zum Teil Tausende von Jahren alten Dokumente und Bücher vernichtet worden seien. Zerstörungen durch Krieg seien normal, meint er scheinbar ungerührt. Doch warum verbrennen Leute eine Bibliothek? »Ich weiß nicht, wer das getan hat, aber es waren auf jeden Fall Kriminelle«, meint Herr Kamil. Seiner Meinung nach habe es eine Entscheidung gegeben, alles Wertvolle in Irak zu zerstören. Und dann fügt er hinzu, was viele Iraker in diesen Nachkriegstagen sagen: »Bisher haben wir Demokratie und Freiheit noch nicht kennen gelernt, doch vielleicht werden wir es ja eines Tages noch erleben...?«

Aus: Neues Deutschland, 31. Mai 2003


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