Irakkrieg-Bush: Falsch, aber auch richtig? (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Bush: Falsch, aber auch richtig?

Victor Grossman zu Kriegführung und Besatzung im Irak. Rede in Berlin

Nachfolgend dokumentieren wir eine Rede des amerikanischen Autors, Juden und friedensbewegten Zeitgenossen Victor Grossman, die er am 13. Mai 2004 in Berlin anlässlich einer Protestaktion gegen die US-Besatzung im Irak gehalten hat.


George W. Bush ist besorgt. Der so vielversprechende Irakkrieg geht gar nicht wie geplant - und die drastischen neuen Enthüllungen zerstören die letzten Illusionen über seinen "heiligen Befreiungskampf " - (außer vielleicht bei Joschka Fischer).

Doch George Bush steht mitten im Wahlkampf und muß irgend etwas sagen. Von seinen zwei Hauptargumenten ist das eine grundfalsch, das andere goldrichtig.

Erst, zum falschen. Die grauenhaften, ekligen Taten wären nur das Werk einzelner "faulen Äpfel" sagte er, und - und die werden bestraft!

Einzelner?! Stückchenweise, Tag um Tag, kommt's heraus. Mehr als genügend Fakten waren schon lange da, die bis nach ganz oben weisen. Berichte des Roten Kreuzes, der amnesty international, des eigenen Generals. Verteidigungsminister Rumsfeld sagte, "Ich hatte sie noch nicht gelesen!" Das Nichtlesenkönnen des Präsidenten Bush scheint ansteckend zu sein!

Und Berichte der USA- Greueltaten in Afghanistan? Auch "noch nicht gelesen"? Wie ist es mit Guantanamo? Dort hatte Rumsfeld doch Brutalität, Folter und Demütigungen bejaht, ja, befohlen! Allein der Gedanke an den Häftlingen, auch Kinder und Greisen, die, völlig gefesselt, mit einer Haube über den Kopf und zugeklebten Mund den ewig langen Flug von Kabul bis Guantanamo erleiden mußten, läßt einen erschüttern. Nun soll ausgerechnet der Leiter des Horrorlagers von Guantanamo das Gefängnis in Abu Ghraib "in Ordnung bringen"!

Er ist nicht der einzige seines Schlages. Da ist etwa Lane McCotter. Er brachte als erster das Gefängnis Abu Ghraib für die USA-Besatzer "in Ordnung". Nach seinem Start als Militärpolizist in Vietnam wurde er Chef der Gefängnisse in Bundesstaat Utah. Doch als dort ein Geistesgestörter Häftling an einem Stuhl völlig nackt sechzehn Stunden lang gefesselt war - bis er starb, mußte McCotter gehen. Er gründete daraufhin eine Privatgefängnisfirma, heute eine der größten. Doch wieder gab es Skandale, 1999 stellte ein Gericht fest, daß in seinen Haftanstalten im Bundesstaat Texas Gewalt, Vergewaltigung und Erpressung herrschten. Also schickte man ihn nach Irak!

Das ist nicht nur in Texas oder Utah so. 2,1 Millionen meist farbige Häftlinge in US-amerikanischen Gefängnissen - eine Rekordzahl in der Welt - können darüber berichten. Aber gerade ist Texas interessant, weil dort 1999 George W Bush Gouverneur war. Es gab einen Rekord an Todesurteilen und Hinrichtungen, alle Befehle dazu trugen seiner Unterschrift. Er liest wohl wenig. Aber den Namen schreiben konnte er allzu gut.

Nein, es ist nicht nur Texas. Unter den erwischten Wächtern in Abu Ghraib war auch ein Sadist, der vorher Wächter in einem Gefängnis in Pennsylvania war, dem gleichen Gefängnis wo Mumia Abu-Jamal seit Jahrzehnten eingesperrt wird.

Von wegen "einigen faulen Äpfeln"! Die Geschichte der USA wurde vom Anfang an von Greuel begleitet. Schon durch Gewalt gegen die Ureinwohner des Landes, die, als sie um ihr Land kämpften als eine Art Terroristen diffamiert wurden. (Und heute noch werden: Leonard Peltiers Bitte um Befreiung hat der Oberste Gerichtshof gerade abgelehnt!)

Millionen von afrikanischen Sklaven, gefesselt und mißhandelt, oft genug tödlich, wurden von Afrika entführt und machten mit ihrer Arbeit, von Peitschen angetrieben, das große Land reich und stark. Das Lynchen von Aufmüpfigen dauerte lange nach ihrer offiziellen Befreiung; es gibt alte Postkarten mit Bildern von weißen Ortsbewohnern, die dabei im Sonntagskleidung feierten. Die Tradition der Grausamkeit liegt sehr tief.

Das trifft weiß Gott auch in anderen Ländern zu, beileibe nicht nur in den USA oder England: Doch als mächtigste Land der Welt haben die USA auch außerhalb ihres Landes demonstriert, wie Freiheit und Demokratie aussehen, wenn Männer wie Bush, Rumsfeld, Cheney und ihre viele Vorgänger sie gestalten.

George W. Bush liest wenig - doch einige Geschichtsbücher müßte er in die Hand nehmen. Wenn nicht schon früher könnte er mit Hiroshima und Nagasaki beginnen, mit den Zehntausenden von Opfern, fast alle Zivilisten. Und in Vietnam, wieder als ungebetene Befreier, ließen Eisenhower, Kennedy, Johnson und Nixon mehr als 2 Millionen Vietnamesen sterben. Damals gab es auch fürchterliche Bilder, wie die von den getöteten Frauen und Kindern von My Lai. Und waren es nicht Nixon und Kissinger, die den Putsch in Chile organisierten, wo viele Tausende gefoltert und getötet wurden weil, wie Kissinger meinte, "die Chilenen nicht verantwortungsvoll genug wären", den amerikanischen Weg zu wählen.

Nehmt eine Weltkarte, macht die Augen zu: fast überall trifft man mit dem Finger auf ein Land wo solche Massentragödien resultierten. Indonesien, Timor, den Philippinen, Afghanistan, die Türkei, Libanon und heute Ortschaften wie Ramallah und Gazastadt, wo amerikanische Waffen töten. Auch Angola, Kongo, Panama, die Schweinebucht in Kuba, Guatemala. Nicaragua - die Karte ist voller solchen Blutspuren!

Doch halt! Wie gesagt, in einem hatte George W. Bush recht. Er meinte, das, was in Abu Ghraib geschah, wäre nicht das echte Amerika. Und in der Tat, neber der langen, blutigen Spur gab es immer und immer wieder ein anderes Amerika, ein tapfer kämpfender Trupp gegen Brutalität, gegen Foltern und Bombenterror.

Schon vor etwa 150 Jahren lehnte der junge Abraham Lincoln die Aggression gegen Mexiko ab. "Was haben die Mexikaner gegen uns getan?" fragte er als Abgeordneter, der deshalb nicht wiedergewählt wurde. Der große Autor Henry Thoreau ging lieber ins Gefängnis als Kriegssteuer bezahlen. Und John Brown kämpfte mit einer kleinen, mutigen Bande gegen die blutige Sklaverei und deren Terror.- und wurde gehängt. Die schwarze Harriet Tubman führte Hunderte durch die Wälder, aus der Sklaverei in die Freiheit.

Kurz nach 1900 schoß der große Schriftsteller Mark Twain mit bitterer Satire gegen das brutale Abschlachten der Befreiungsbewegung in den Philippinen durch die USA-Militär, auf Kosten unzähliger Zivilisten. Der "Wobbly"-Gewerkschafter Big Bill Haywood und der Sozialistenführer Eugene Debs gingen ins Gefängnis, weil sie gegen das Schlachten im ersten Weltkrieg protestierten. Und dann der Vietnamkrieg! Es dauerte lange, viel zu lange ehe auch das Gros der irregeführten Amerikaner begriff, was geschah. Der Tod von mehr als 50 000 junge Amerikaner spielte dabei eine zu große Rolle. Erst kämpften wenige, doch dann gingen Hunderttausende auf die Straße, wie noch nie zuvor, und halfen schließlich, das Blutvergießen zu beenden.

Schon vor einem Jahr in Februar marschierten nicht nur eine halbe Million hier in Berlin und andere Millionen in aller Welt - sondern auch in New York, San Francisco und Hunderten von anderen USA-Orten, groß und klein. Die Medien tun alles, um die Menschen zu verwirren, abzulenken und mit falschem Patriotismus zu irreführen. Doch die einzigen echt patriotischen Losungen in den USA lauten: Hört sowohl mit dem Foltern und mit dem Schießen auf! Bringt die Soldaten nach Hause! Hoffen wir, daß dieser Ruf viel lauter in aller Welt zu hören sein wird - aber auch in Chicago, Atlanta, New York und - verdammt noch mal! - auch in Texas und im Weißen Haus! Da sind Kriegsverbrecher. Gemeinsam, dort wie hier, wir müssen sie stoppen!

Victor Grossman, 13. Mai 2004

Von Victor Grossman erschien auf unserer Website zuletzt:
"Es hat niemals ein Land gegeben, das nur Gerechtes oder Richtiges tat"
Victor Grossman antwortet auf die Kritiker der Demonstration vom 15. Februar (27. Februar 2003)


Zur Irak-Seite

Zur Seite "Friedensbewegung"

Zurück zur Homepage