Irak: Unberechenbarer Widerstand, 15.06.2004 (Friedensratschlag)
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Irak: Unberechenbarer Widerstand

Ein Kommentar von Karl Grobe

Im Folgenden dokumentieren wir einen Kommentar von Karl Grobe, der am 14. Juni in der Frankfurter Rundschau (Seite 3) erschien und den uns der Autor freundlicherweise zur Weiterverwendung überließ.


Iraks Übergang zur scheinbaren Souveränität geht nicht so einfach vonstatten. Selbst seine Organisatoren hatten schon größere Probleme vorhergesehen. Die Ermordung zweier Regierungsmitglieder, darunter der Vize-Außenminister Bassam Kubba, bestätigt darüber hinaus, dass es Gruppen gibt, welche die neue Regierung gewaltsam dezimieren wollen, bevor sie noch amtiert. Sie sind vielschichtig und kaum als etwas Gemeinsames zu definieren. Mit den seit der Invasion Iraks etablierten Bewegungen und Organisationen des Widerstands scheinen sie nicht eben enge Kontakte zu unterhalten. Das macht sie unberechenbar.

Die Ablehnung der Besatzung und der von ihnen abhängigen Regierung ist allgemein, aber so zersplittert wie schon immer. Das dringt allmählich tiefer ins Bewusstsein der Unzufriedenen. In dem sunnitischen Bagdader Stadtteil Adhamijahat hat Scheich Ahmad Hassan at-Tahaas-Samarrai, ein sonst durchaus nicht radikaler Sunniten-Imam, am Freitag zum allgemeinen Widerstand gegen die neue Regierung unter Ijad Allawi aufgerufen. Die Veteranen des alten Regimes rief er auf, sich dem Aufstand anzuschließen und ihn mittels ihrer Erfahrung gleichzeitig zu bändigen. Das ist sowohl eine radikale Absage an den "Transformationsprozess" als auch an solche bandenmäßig auftretenden Widerstandsbewegungen wie die des Muktada as-Sadr.

Der scheint sich nun jedoch an die neuen Machtverhältnisse ein bisschen anzunähern; zum Umsturz reicht die Kraft seiner Getto-Gangs ohnehin nicht aus. Muktada will mehr Macht und mehr Ansehen, als ihm nach Alter und Bildung zustehen. Beides könnte er sich durch Kompromisse mit den alten Schiitenführern, den neuen Halb-Machthabern und durch Verrat an seiner lumpenproletarischen Gefolgschaft verschaffen. Mord ist deren Metier und nicht unbedingt sein Geschäft; Straßenkampf sehr wohl.

Es ist nun geradezu rührend, wie sehr die provisorische Regierung Muktadas "Annäherung an die Demokratie" begrüßt. Dieselben Politiker, allerdings noch unter anderem Firmenschild, haben vor einigen Wochen verlangt, den Milizführer "tot oder lebendig" zu fangen, getreulich den einschlägigen gesetzlosen Sprüchen des US-Vizekönigs Paul Bremer folgend. Zur Erinnerung: Die Washington-Londoner Koalition hat Irak in einem völkerrechtswidrigen Krieg besetzt. Sie hat die administrativen Grundlagen Iraks zerlegt, bis nichts mehr übrig war, und hat dann Teile ihrer Befugnisse als Besatzungsmacht einer Koalition williger Irakis übergeben. Von denen erwiesen sich einige als äußerst windige Opportunisten, manche gar als Tripelagenten. Die Besatzungszeit ist durch Folterskandale (Abu Ghraib), Söldnerübergriffe (Falludscha) und die Beschießung von Moscheen mit geprägt. Der moralische Aufruf der unfreien Regierung an die Opposition, sich demokratischen Wohlverhaltens zu befleißigen, hat also einen sehr merkwürdigen Nebenton.

Es ist vielleicht noch möglich, die organisierten Gegenkräfte in einen politischen Prozess zu führen, der das irakische Volk wieder zum Subjekt seiner Geschichte macht. Nur in diesem Versuch kann die Rolle der UN bestehen. Aber zur Müllabfuhr, die den in der Besatzungszeit angehäuften Trümmerhaufen wegräumt, darf die Weltorganisation ebenso wenig degenerieren wie die Vertretungen der Europäer.

Frankfurter Rundschau, 14. Juni 2004


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