Irak: Im Fadenkreuz aller Kriegsparteien, 02.12.2005 (Friedensratschlag)
Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Im Fadenkreuz aller Kriegsparteien

Ausländische Helfer werden von bewaffneten Gruppierungen Iraks als lästige Zeugen gesehen

Von Karin Leukefeld*

Den ausländischen Helfern wird in Irak nicht nur Dankbarkeit entgegengebracht. Alle Kriegsparteien empfinden sie als lästige Zeugen.

Die Nichtregierungsorganisationen werden ihre Arbeit in Irak fortsetzen. Das erklärte Said Arikat, Chef der UN-Hilfsmission, nachdem am vergangenen Wochenende verschiedene Mitarbeiter humanitärer Hilfsorganisationen verschleppt worden sind. Neben der deutschen Archäologin Susanne Osthoff, die seit Jahren humanitär für die Iraker wirkt, wurden auch Aktivisten des »Christian Peacemaker Teams« (CPT) entführt.

Kasra Mofarah, Geschäftsführer des NGO-Koordinationskomitees (NCCI Irak), zeigte sich dennoch entschlossen. »Keine NGO«, so betonte er, hat bisher gesagt, die Arbeit verändern zu wollen.« In diesem Komitee sind 69 kleinere NGO zusammengeschlossen. Das »Christian Peacemaker Team« erklärte zugleich in einer Stellungnahme, man sei nicht nur besorgt über das Schicksal der entführten Freunde, sondern auch wütend. »Was unseren Kollegen passiert ist«, hieß es darin, »ist das Ergebnis dessen, was die US-Regierung und die britische Regierung mit ihrem illegalen Angriff auf Irak, mit der anhaltenden Besetzung und der Unterdrückung der Iraker angerichtet haben.«

Je nachdem, auf welche Geheimdienstinformationen man zurückgreift, gibt es – neben den ausländischen Truppen und der irakischen Armee – im Zweistromland verschiedene Kategorien bewaffneter Akteure: Al Qaida (Irak), schiitische Milizen, ehemalige Anhänger von Saddam Hussein sowie Ansar al Islam. Auch die Stämme der Euphratregion müssen hinzugerechnet werden. Die Angaben zur Zahl der Kämpfer variieren zwischen 30 000 und 200 000.

Ihre Ziele und Methoden sind sehr unterschiedlich, manche wollen ein sunnitisches Kalifat wiedererrichten, andere einen islamischen Gottesstaat. Wieder andere sind einfach nur Gegner der ausländischen Besatzer oder führen, wie im Fall von Al Qaida, den Heiligen Krieg gegen die USA und die Ungläubigen. Unter dem Namen von Al Qaida firmiert eine Vielzahl verschiedener Gruppen, die sich auch zu Entführungen bekennen.

Die Entführung ausländischer Firmenvertreter hatte im Jahr 2004 enorm zugenommen und war jeweils mit der Forderung verbunden, die Arbeit in Irak einzustellen, weil damit die Besetzung unterstützt werde. Viele Firmen kamen dem nach.

Sehr umstritten sind die Entführungen ausländischer Journalisten und Hilfsarbeiter. Nach der Ermordung des italienischen Journalisten Enzo Baldoni (August 2004) und von Margret Hassan (November 2004), der langjährigen Leiterin von Care International in Irak, gab es scharfe Kritik. Selbst Sarkawi (Al Qaida Irak) soll sich in einer Erklärung davon distanziert haben. Hochrangige Geistliche hatten die Aktionen verurteilt. Seit der Freilassung von Florence Aubenas, Journalistin von »Liberation« (Frankreich), im Juni 2004, waren bis zum vergangenen Freitag keine weiteren Entführungen ausländischer Journalisten und Hilfsarbeiter bekannt geworden.

Das irakische Innenministerium, das vor wenigen Tagen wegen geheimer Foltergefängnisse selbst zur Zielscheibe der Kritik geworden war, vermutet, dass die Entführer zwei Wochen vor den neuen Parlamentswahlen Unruhe stiften und die irakische Regierung diskreditieren wollten.

Möglich ist auch, dass, obwohl politische Forderungen vorgebracht werden, mit den Entführungen Lösegeld erpresst werden soll. Schließlich treibt eine Fülle krimineller Banden in Irak ihr Unwesen, ihre Auftraggeber sind vielfältig, die Aufklärungsquote der Verbrechen, die sie begehen, ist gleich Null.

In jedem Fall sind die Entführungen eine klare Drohung. Nicht nur dogmatischen Islamisten, die Irak zur Front gegen alles Westliche erklärt haben, sind Journalisten und NGO ein Dorn im Auge. Mitarbeiter des »Christian Peacemaker Teams« hatten schon früh von den Folterungen in Abu Ghoreib berichtet und weisen immer wieder auf Menschenrechtsverletzungen ausländischer Truppen und irakischer Behörden hin. CPT-Motto ist es, sich Menschenrechtsverletzungen aller Kriegsparteien in den Weg zu stellen. So geraten sie ins Fadenkreuz aller. Kasri Mofarah von NCCI bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, dass der »Krieg gegen NGO und Journalisten, die letzten internationalen Zeugen tagtäglicher Menschenrechtsverletzungen, von Korruption und Mord«, letztlich dazu führt, dass alle Beweise für die Verbrechen zerstört werden.

* Aus: Neues Deutschland, 1. Dezember 2005


Zur Irak-Seite

Zur Terrorismus-Seite

Zurück zur Homepage