Appell der Bürger von Falludscha an Kofi Annna, 04.11.2004 (Friedensratschlag)
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"Wir bitten Sie eine aktive Rolle einzunehmen, zum Schutz der Zivilbevölkerung und um neue Massaker zu verhindern"
"We appeal to you to take an active role in protecting civilians and preventing the new massacre"

Ein dringender Hilferuf der Bürger von Falluja an UN-Generalsekretär Kofi Annan
Letter of the people of Falluja to the UN Secretary General Koffi Annan

Die Situation im Irak, insbesondere in der Stadt Falludscha, wird für die Einwohner immer verzweifelter. Längst haben das Pentagon und die US-Militärverwaltung im Irak durchblicken lassen, dass nach der Präsidentenwahl am 2. November ein Großangriff auf Falludscha gestartet würde. Das könnte den Tod Tausender Menschen besiegeln.

Vor einigen Tagen schon haben Vertreter der Stadt sich in einem Brief an UN-Generalsekretär Kofi Annan gewandt, worin sie ihre Sorge ausgedrückt haben. Wir dokumentieren diesen Brief in einer deutschen Übersetzung sowie im englischen Original.
Im Anschluss daran veröffentlichen wir einen internationalen Appell zahlreicher Intellektueller, die ebenfalls vor einem Massaker warnen: ("Stop the Escalation").

Brief der Bürger von Falluja

Euer Exzellenz
Herrn Kofi Annan
Generalsekretär der Vereinten Nationen
New York

Falluja, den 14. Oktober 2004

Euer Exzellenz,

Es ist sehr offensichtlich, dass die amerikanischen Streitkräfte jeden Tag im Irak Völkermordverbrechen verüben. Jetzt, während wir an Eure Exzellenz schreiben, verüben die amerikanischen Streitkräfte diese Verbrechen in der Stadt von Falluja. Die amerikanischen Kampfflugzeuge werfen ihre mächtigsten Bomben auf die Zivilbevölkerung, die Hunderte von unschuldigen Leuten töten und verletzen. Zur gleichen Zeit greifen ihre Panzer die Stadt mit schwerer Artillerie an.

Wie Sie wissen, gibt es keine militärische Präsenz in der Stadt. Es gab keinerlei Aktionen seitens der Falluja-Widerstandsbewegung in den vergangenen Wochen, weil die Verhandlungen zwischen den Vertretern der Stadt und der Regierung gut voranschritten. In dieser Atmosphäre geschahen die neuen Bombardements der Amerikaner, während die Bevölkerung von Falluja sich auf das Ramadan-Fest vorbereitete.

Nun sind viele von ihnen in den Überresten ihrer zerbombten Häuser eingeschlossen wie in einer Falle und niemand kann ihnen helfen während die Angriffe weitergehen.

In der Nacht des 13. Oktobers allein haben amerikanische Bombardements 50 Häuser zerstört mit ihren Bewohnern darin. Ist das ein genozidales Verbrechen oder eine Unterrichtsstunde in amerikanischer Demokratie? Es ist offensichtlich, dass die Amerikaner Terrorakte gegen die Bevölkerung von Falluja begehen nur aus einem Grund: Die Weigerung, ihre Besatzung zu akzeptieren.

Euer Exzellenz und die ganze Welt weiß, dass die Amerikaner und ihre Alliierten unser Land zerstört haben, unter dem Vorwand, es existierten Massenvernichtungswaffen. Jetzt, nach all der Zerstörung und der Tötung von Tausenden von Zivilisten, haben sie zugegeben, dass keine Waffen gefunden wurden. Aber sie haben dann nichts gesagt zu all den Verbrechen, die sie begingen.

Unglücklicherweise schweigen nun alle und sie gedenken noch nicht einmal der ermordeten irakische Zivilbevölkerung, indem sie Worte der Verdammung aussprechen. Werden die Amerikaner eine Entschädigung zahlen, so wie es der Irak nach dem Golfkrieg [1991 a.d.Ü.] gezwungen wurde zu tun.

Wir wissen, dass wir in einer Welt leben, die mit zweierlei Maß mißt. In Falluja, haben sie ein neues, vages Ziel erschaffen: AL ZARQAWI: Das ist der neue Vorwand, um ihre Verbrechen zu rechtfertigen, das Töten und das tägliche Bombardement von Zivilisten. Fast ein Jahr ist vergangen, seitdem sie diesen neuen Vorwand erfunden haben und jedes Mal, wenn sie Häuser, Moscheen und Restaurants zerstören und Kinder und Frauen töten, sagen sie "Wir haben eine erfolgreiche Operation gegen Al-Zarqawi durchgeführt." Sie werden niemals sagen, dass sie ihn getötet haben, weil es eine solche Person nicht gibt. Und das bedeutet, dass das Töten von Zivilisten und der tägliche Genozid weitergehen wird.

Die Bevölkerung von Falluja versichert Ihnen, dass diese Person, falls sie existiert, nicht in Falluja ist und wahrscheinlich nirgendwo im Irak. Die Bevölkerung von Falluja hat viele Male angekündigt, dass jede Person, die al-Zarqawi sehen würde, ihn töten solle. Nun kann aber jeder erkennen, dass dieser Mann nur eine hypothetische Figur ist, die von den Amerikanern erschaffen wurde. Gleichzeitig haben die Vertreter von Falluja, unsere Stammesführer, bei vielen Gelegenheiten, das Kidnapping und Töten von Zivilisten angeprangert und wir haben keine Verbindung zu irgendeiner Gruppe, die solch inhumanes Verhalten praktiziert.

Exzellenz, wir bitten Sie und auch alle anderen führenden Staatsmänner der Welt, auf die US-amerikanische Administration den größtmöglichen Druck auszuüben, damit sie ihre Verbrechen in Falluja stoppen und ihre Armee abziehen, weit weg von der Stadt.

Die Stadt war sehr ruhig und friedlich, als ihre Einwohner sie wieder selbst verwalten konnten. Wir haben keine Unruhen in der Stadt gehabt. Die zivile Verwaltung ging gut, wenn man ihre begrenzten Möglichkeiten in Betracht zog.

Wir haben einfach die Besatzungsmacht nicht Willkommen geheißen. Das ist unser Recht gemäß der UN-Charta., dem internationalem Recht und den Normen der Humanität. Wenn die Amerikaner das Gegenteil glauben, dann sollen sie zuerst zu der UN gehen und all ihren ausführenden Organen bevor sie in einer Weise handeln, die im Gegensatz zur UN-Charta steht, die sie unterzeichnet haben.

Es ist sehr dringend, dass Euer Exzellenz zusammen mit anderen führenden Persönlichkeiten der Welt rasch eingreifen, um neue Massaker zu verhindern. Wir haben versucht ihre Vertreter im Irak zu erreichen, um sie zu bitten in dieser Hinsicht aktiver zu sein, aber wie sie wissen, leben sie in der Grünen Zone, wo wir sie nicht kontaktieren können. Wir möchten, dass die UN in die Situation in Falluja eingebunden wird, um neue Massaker zu verhindern

Wir haben versucht, Sie durch verschiedene Kanäle zu erreichen und haben unsere Freunde gebeten, Ihnen diesen Brief in Ihrem Büro in New York oder Genf zukommen zu lassen, in der Hoffnung, dass der Brief sie erreicht. Gleichzeitig bitten wir Sie, die ausführenden Organe der UN im Irak zu drängen, eine aktive Rolle einzunehmen, zum Schutz der Zivilbevölkerung und um neue Massaker zu verhindern, welche die Amerikaner und ihr Marionettenregime wohl planen in der allernächsten Zeit, in Falluja genauso wie in vielen anderen Teilen des Landes.

Hochachtungsvoll

Kassim Abdullsattar al-Jumaily
Präsident des Studiumzentrums für Menschenrechte und Demokratie



Für die Bevölkerung von Falluja und für:
den Falluja Shura Rat (Anm. der Übersetzerin: Stadtrat)
die Juristenvereinigung
die Lehrervereinigung
den Rat der Stammesführer
das Haus der Fatwa und religiösen Erziehung

Übersetzung von Sylvia Weiss, attac-Bayreuth und Irakinitiative

Letter of the people of Falluja to the UN Secretary General Koffi Annan.

His Excellency Mr. Kofi Annan
Secretary General of the United Nations
New York

Fallujah 14 October 2004

Your Excellency

It is very obvious that the American forces are committing crimes of genocide every day in Iraq. Now, while we are writing to Your Excellency, the American forces are committing these crimes in the city of Fallujah. The American warplanes are dropping their most powerful bombs on the civilian in the city, killing and injured hundreds of innocent people. At the same time their tanks are attacking the city with heavy artillery. As you know, there is no military presence in the city. There had been no actions taken by the Fallujah resistance in recent weeks because the negotiations between representatives of the city and the Government which were going well. In this atmosphere, the new bombardment by America has happened while the people of Fallujah have been preparing themselves for the fast of Ramadan. Now many of them are now trapped under the wreckage of their demolished houses, and nobody can help them while the attack continues.

On the night of the 13th October alone American bombardment demolished 50 houses on top of their residents. Is this a genocidal crime or a lesson about the American democracy? It is obvious that the Americans are committing acts of terror against the people of Fallujah for one reason only: their refusal to accept the Occupation.

Your Excellency and the whole world know that the Americans and their allies devastated our country under the pretext of the threat of WMD. Now, after all the destruction and the killing of thousand civilians, they have admitted that there no weapons were found. But they have said nothing about all the crimes they committed. Unfortunately everybody is now silent, and will not even dignify the murdered Iraqi civilians with words of condemnation. Are the Americans going to pay compensation as Iraq has been forced to do after the Gulf war?

We know that we are living in world of double standards. In Fallujah, they have created a new vague target,: AL ZARQAWI. This is a new pretext to justify their crimes, killing and daily bombardment of civilians. Almost a year has elapsed since they created this new pretext, and whenever they destroy houses, mosques, restaurants, and kill children and women they said "we have launched a successful operation against Al-Zarqawi." They will never say that they have killed him, because there is no such a person. And that means the killing of civilian and the daily genocide will continue.

The people of Fallujah assure you that this person, if he exists, is not in Fallujah and is probably not anywhere in Iraq. The people of Fallujah have announced many times that any person who sees Al- Zarqawi should kill him. Now everybody realises that this man is just a hypothetical hero created by the Americans. At the same time the representative of Fallujah, our tribal leader, has denounced on many occasions the kidnapping and killing of civilians, and we have no links to any groups committing such inhuman behaviour.

Excellency, we appeal to you, and to all world leaders to exert the greatest pressure on the American administration to stop their crimes in Fallujah and withdraw their army far away from the city. The city was very quiet and peaceful when its people ran it. We didn't witness any disorder in the city. The civil administration was going well given its limited recourses. We simply didn't welcome the occupation forces. This is our right according to the UN Charter, international law and the norms of humanity. If the Americans believe in the opposite, they should first from the UN and all its agencies before acting in a way contrary to the Charter they signed.

It is very urgent that your Excellency, along with the world leaders, intervenes in a speedy manner to prevent a new massacre.

We have tried to reach your representatives in Iraq, so as to ask them to be more active in this regard, but as you know they are living in the Green Zone where we cannot contact them. We want the UN to be involved in the situation in Fallujah so as to avoid a new massacre.

We have tried to reach you through different channels and by asking our friends to convey this letter to your office in New York or Geneva with the hope that it will reach you. At the same time we appeal to you to urge the UN agencies in Iraq to take an active role in protecting civilians and preventing the new massacre which the Americans and the puppet government are planning to start soon in Fallujah as well as many part of our country.

Best regards.

Kassim Abdullsattar al-Jumaily
President
The Study Center of Human Rights & Democracy

On behalf of the people of Fallujah and for:
Al-Fallujah Shura Council
The Bar Association
The Teacher Union
Council of Tribes Leaders
The House of Fatwa and Religious Education

STOP THE ESCALATION

Far from being over, the war in Iraq has only begun. The United States do not seem to be able to defeat the Iraqi resistance with the means they have been using.

But neither can they accept their setbacks. The very arrogance with which the war was declared and waged has put all their prestige at stake in Iraq and, thereby, decades of efforts to assure their world domination. The stakes are even greater than in the Vietnam war. The United States cannot get out of Iraq unless they leave behind a friendly government, but today they have so few friends in that part of the world that no democratic election can produce such a government.

As a result, one must seriously anticipate a military escalation after the elections -- immediately in case Bush is returned to office, perhaps more gradually should Kerry win. But the Democratic candidate has no more intention than Bush of withdrawing from Iraq. The U.S. government will seek to defeat the resistance by all possible means. The effort is already underway to demonize the resistance in world opinion by associating it with abductions and murders condemned by virtually the whole spectrum of political organizations in the Arab world.

We demand that the United States face up to reality, unconditionally withdraw their troops from Iraq, and draw the necessary conclusions as to the unacceptable nature of preventive war. It is an illusion to ask that the U.S. forces remain until Iraq is pacified or stabilized, because their very presence is so hated that it constitutes the main obstacle to any sort of pacification.

Meanwhile, we affirm that we shall oppose by all peaceful and legal methods every attempt to crush the Iraqi resistance by a military escalation such as was attempted during the Vietnam war. We call on all governments to grant asylum to American military personnel refusing to serve in Iraq. We shall do our best to spread all available information to counter the war propaganda, and we shall try to mobilize world public opinion, as in 2002, to demand that the United States abandon their efforts to impose a military solution on Iraq.

Jean Bricmont, UCL-FYMA
Belgium

First provisional list of signatories (30.10.04)
  • Jean Bricmont, prof. of theoretical physics and political publicist, writer of this petition, Belgium
  • Lieven De Cauter, prof of philosophy, Belgium
  • Patrick Deboosere, demographer, Belgium
  • Hana Al Bayaty, film maker, Iraq/France
  • Dirk Adriaensens, SOS Iraq, Belgium
  • Ayse Berktay, WTI organiser, Turkey
  • Abdul Ilah Al Bayaty, author, Iraq/France
  • Haifa Zangana, Iraqi-Kurdish novelist and journalist, Irak/UK
  • Noam Chomsky, author, USA
  • Ed Herman, Professor Emeritus of Finance, Pennsylvania, economist and media analyst, USA Michael Parenti, author, USA
  • William Blum, author of books on US foreign policy, Washington, DC
  • Karen Parker, attorney, USA
  • Amy Bartholomew, Law professor, Canada Richard Plunz, professor urban design,New York Pierre Galand, Senator, Belgium
  • Ahmedzaib Khan Mahsud, Architect / Planner, Doctoral candidate, K. U. Leuven
  • Dr.Haithem Alshaibani, Prof of.Physics, UAE
  • Tareq aldelaimi, writer and political activist, Iraq Salah Omar Al Ali, Chief Editor of Al Wifaq Al Democraty, Iraq
  • Tom Barry, Policy Director, Interhemispheric Resource Center (IRC), USA
  • John Saxe-Fernández, Professor, Mexico
  • Joachim Guilliard, journalist, Germany
  • Alkan Kabakcioglu, Posdoctoral Fellow in Physics, University of Padova, Padova, ITALY
  • Erik Swyngedouw, prof of social geography, Oxford
  • Ur Shlonsky, Professor Geneva, Switzerland
  • Xavier Bekaert, theoretical physicist, Paris
  • Nicolas Boulanger, Chercheur en Physique Théorique, Belgium
  • Bruno Vitale, physicist, Geneva (Switzerland)
  • Biju Mathew, Professor, USA
  • Anton Regenberg, former director of the Brussels Goethe Institute
  • Anthony Alessandrini, New York University Students for Justice in Palestine, USA
  • Ayca Cubukcu, Ph.D. student, Columbia University, WTI-New York organizer, New York
  • Madiha Tahir, student and activist, USA
  • Rania Jawad, Graduate Student, New York City
  • Gizem Arikan, Graduate Student, USA
  • Stephanie Schwartz, New York, NY
  • Ozlem Altiok, Peace Action of Denton, Texas, USA
  • Obie Hunt, therapy aide Manhattan Psychiatric Center, USA
  • Pierre Py, Dictionnaire Historique de la Suisse
  • Janine Tillmann Py, Switserland
  • Silvia Cattori, Journaliste, Suisse
  • Adriana Hernandez Alarcon Mexico Doctor, member and founder of the organization "Not in Our Name México"
  • Aracely Cortes Galan Mexico, member and founder of the organization "Not in Our Name México"
  • Federico Campbell, México, Journalist, member and founder of the organization "Not in Our Name México"
  • Ramsés Ancira, México, Jorunalist, member of "Not In Our Name Mexico"·
  • Rosa García, México, member and founder of of the organization "Not in Our Name México"
  • Gabriel Perez Rendon, Mexico, Doctor, member and founder of the organization "Not in Our Name México" Annelies De Backer, Belgium
  • Griet Boddez, director's secretary, Belgium
  • Ariella Masboungi, Architect and urbanist, France
  • Stefan Boeykens, Architect-Engineer, Leuven, Belgium
  • Paul Blondeel, urban research and consultancy, Amsterdam
  • Daniela Peluso, Anthropologist, Canterbury, UK
  • Erling Fidjestřl, social worker, Norway
  • Kaat Boon, civil engineer architect, Brussels
  • Elise Christensen, Peace Council, Norway
  • Catherine Denis, Médecin généraliste, Belgium
  • Simten Cosar, Ankara, Turkey
  • Enrique Ferro, Peace Activist, Brussels
  • Behcet Akalin, Istanbul-Turkey, IT Director
  • Saul Landau, journalist, USA
(the petition and the list will be on our website soon: www.brusselstribunal.org)


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