Irak, Rüstung, Massenvernichtungswaffen, Embargo, UN-Inspektionen, USA, Angriff, 16.05.2002 (Friedensratschlag)
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"Ein Angriff gegen den Irak ist nicht gerechtfertigt"

Eine Warnung des ehemaligen UNO-Waffeninspekteurs im Irak, Scott Ritter

Im Folgenden dokumentieren wir einen Artikel, der Ende April 2002 über die Internetseite von Radio France Internationale (www.rfi.fr) verbreitet wurde, in einer deutschen Übersetzung. Unser Dank geht an Elke für die Übermittlung.


Scott Ritter, als ehemaliger UNO-Inspekteur mit der Abrüstung des Irak beauftragt, urteilt, dass die Drohung eines amerikanischen Militärschlags gegen den Irak lediglich dem Willen Washingtons entspricht, Saddam Hussein zu eliminieren.

Seit den Attentaten vom 11. September und den gegen die von Präsident Bush als „Achse des Bösen“ betrachteten Länder Irak, Iran und Nordkorea ausgestoßenen Drohungen nimmt die Horrorvision eines Angriffs gegen das Regime von Saddam Hussein immer mehr Gestalt an. Wenn auch die Verschlimmerung der Lage im Nahen Osten und der Widerstand der arabischen Länder gegen einen solchen Angriff, wie sie ihn unmissverständlich während ihres letzten Gipfeltreffens in Beirut formulierten, die Amerikaner veranlasste, ihre Attacke zu modifizieren, so scheint es doch klar, dass es sich dabei nur um einen einfachen Aufschub und nicht etwa um eine Annulation handelt. In diesem Zusammenhang legt Scott Ritter, einer der ehemaligen UNO-Inspekteure für Abrüstung, Wert auf die Feststellung, dass ein Angriff gegen den Irak heute vollkommen ungerechtfertigt wäre.

Vor jeder Äußerung ist es Scott Ritter zunächst wichtig, seinen Werdegang in Erinnerung zu rufen. Er ist amerikanischer Staatsbürger und überzeugter „Patriot“. Während zwölf Jahren war er Nachrichtenoffizier im Dienst der Marine. Gerade seine Kenntnisse im Bereich des Waffenabbaus waren der Grund für seine Überstellung zur UNSCOM, der Sonderkommission der Vereinten Nationen, welche mit der Kontrolle der Zerstörung der Massenvernichtungswaffen beauftragt war, über die der Irak verfügte. Scott Ritter fügt sogar hinzu, dass er Republikaner sei und bei den letzten Wahlen für Georges Bush gestimmt habe.

Dessen ungeachtet lehnt er sich gegen die Außenpolitik der amerikanischen Regierung in bezug auf den Irak auf. Seiner Aussage nach „gibt es wirklich keine irakische Bedrohung, und nichts rechtfertigt heute einen neuen Krieg“. Und Scott Ritter weiß, wovon er spricht, hat er doch zwischen 1991 und 1998 nicht weniger als 40 Inspektionen im Irak durchgeführt, davon 15 als Leiter der Mission. Trotz geringer Zusammenarbeit seitens des Regimes von Saddam Hussein hat die UNSCOM seiner Ansicht nach eine ausgezeichnete Arbeit geleistet. „Ich kann bestätigen, dass seit 1996 zwischen 90 und 95 Prozent des irakischen Arsenals zerstört ist“, versichert er und fügt präzisierend hinzu, dass der Irak über viele Jahre hinweg unfähig sein wird, irgendein Programm atomarer, chemischer oder biologischer Waffen wiederaufzubauen.

Scott Ritter prangert heute an, was er „die versteckte Politik der Vereinigten Staaten“ nennt. Während offiziell – so erklärt er – Washingtons einzige Sorge der irakischen Abrüstung gelte (und es in dieser Hinsicht der UNO seine volle Unterstützung antrage), verfolge Washington inoffiziell das alleinige Ziel, Saddam Hussein zu beseitigen. „Wenn das nicht so wäre“, bekräftigt Scott Ritter, „wie könnte man dann erklären, dass die UNO trotz der Zerstörung des irakischen Arsenals seit 1996 immer noch nicht die gegen Bagdad verhängten wirtschaftlichen Sanktionen aufgehoben hat?“ „Seit nunmehr zehn Jahren wird Saddam Hussein durch die amerikanischen Medien verteufelt“, meint der amerikanische Experte. „Das wirkt sich in den Vereinigten Staaten so aus, dass die Bush-Regierung nichts anderes als die Eliminierung des irakischen Präsidenten mehr ins Auge fassen kann“, versichert er.

„Eine Rückkehr der UNO-Experten ist nötig.“

Währen weder Washington noch Bagdad wirklich eine Rückkehr der UNSCOM-Inspektoren in den Irak wünschen, ist Scott Ritter der Ansicht, dass ihre Arbeit vor Ort notwendig sei und dazu führen könnte, einen neuen Konflikt zu vermeiden. Seit der Ankündigung eines wahrscheinlichen amerikanischen Angriffs hat Bagdad ohne Frage seine Haltung differenziert und sogar Gespräche mit der UNO hinsichtlich einer eventuellen Rückkehr ihrer Experten begonnen. Diese Unterredungen brach der Irak abrupt und ohne neue Terminvereinbarung ab, „um nicht die Aufmerksamkeit von der Situation im Nahen Osten abzulenken“. Während Georges W. Bush zunächst eine Rückkehr der UNO-Experten wünschte, machte er dann sehr schnell einen Rückzieher angesichts des Drucks von Seiten des konservativen Flügels seiner Partei, welcher die Eliminierung Saddam Husseins bevorzugen würde. Denn schließlich wäre diese Eliminierung nicht mehr zu rechtfertigen, wenn die UNSCOM die Zerstörung des irakischen Arsenals bestätigen würde.

Ein Angriff auf den Irak während der kommenden Wochen scheint allerdings wenig wahrscheinlich. So hat Saudi-Arabien schon zum wiederholten Male wissen lassen, dass es die Führung eines solchen Angriffs von seinem Territorium aus ablehnt. Das wiederum veranlasste die Amerikaner, ihre Streitkräfte seit dem Herbst vergangenen Jahres nach Katar zu verlegen. Diese Verlegung droht mehrere Monate in Anspruch zu nehmen, was den Briten Tony Blair, größter Verbündeter Georges Bushs bei dessen Kreuzzug gegen Saddam Hussein, kürzlich zu der Aussage bewog, dass „die Stunde der Militäraktion noch nicht geschlagen hat“.

Andererseits riskieren die Amerikaner große Schwierigkeiten, einen Angriff auf Bagdad zu rechtfertigen, nachdem sie - infolge des Scheiterns der Reise von Collin Powell und der Weigerung George Bushs, seine Unterstützung Israels zu modifizieren - alle arabischen Staaten (darunter auch die gemäßigten Länder wie Marokko) gegen sich aufgebracht haben.

Mounia Daoudi, 20.04.2002

Anmerkung d. Übersetz.:
Der obenstehende Artikel wurde auf der Internetseite von Radio France Internationale : www.rfi.fr veröffentlicht. Er wirft vielleicht ein bezeichnendes Licht auf den weiteren Fortgang der Ereignisse, insbesondere auch auf die USA-Reise von Ariel Sharon. Die im Anschluß daran zu beobachtende –scheinbare?- Mäßigung Scharons im Konflikt zwischen Israel und Palästina könnte nicht nur auf das Interesse der USA zurückzuführen sein, eine weitere Destabilisierung in der Ölregion zu vermeiden, sondern auch der US-amerikanischen Absicht dienen, einen Krieg gegen den Irak doch noch in absehbarer Zeit führen zu können.



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