Friedensbewegung: US-Amerikaner demonstrieren in New York gegen den Krieg, 10.10.2002 (Friedensratschlag)
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Das andere Amerika: "Ohne uns" - "Deutschland hat Recht"

New Yorker demonstrieren im Central Park gegen den drohenden Irakkrieg

Von der großen Friedenskundgebung am 6. Oktober in New York haben wir einen Augenzeugenbericht erhalten, den wir im Folgenden dokumentieren. Er erschien in der Internetzeitung http://www.springwords.com/

Von Bernd Hendricks

New York, 7. Oktober 02 - Von "Regimewechsel" wird oft gesprochen an diesem Sonntagnachmittag auf dem Baseballplatz im Central Park: junge Frauen tragen Armbinden mit diesem Wort, auf Parkbänken nicken Rentner, wenn Redner es ausrufen. Ein junger Mann sitzt auf dem Rasen, an seinen Knien lehnt das Schild: "Regimewechsel fängt zu Hause an."

Zur selben Zeit wirbt der amerikanische Präsident einige hundert Kilometer nördlich auf einer Wahlkampfveranstaltung in Manchester, New Hampshire, erneut für einen "Regimewechsel" im Irak, aber hier in New York reden die Leute nur über ihn. Sie wollen ihn davon abhalten, Krieg zu führen. Ihre Sprache ist oft angefüllt mit Wut und Verachtung. Sie fühlen ihre Trauer um die Opfer des 11. September mißbraucht.

Etwa 12.000 New Yorker folgen dem Aufruf "Not In Our Name" ("Nicht in unserem Namen"), den einige dutzend amerikanische Filmemacher, Schauspieler, Musiker, Schriftsteller, Dichter, Broadway-Dramaturgen, und Uni-Professoren vor zwei Wochen veröffentlicht hatten, unter ihnen die Autoren Kurt Vonnegut, Gore Vidal und Alice Walker, die Hip-Hop-Künstler Saul Williams und Mos Def, die Regisseure Oliver Stone und Robert Altman, die Schauspielerin Marisa Tomei. Darin kündigen die Unterzeichner an, sich "der Maschinerie des Krieges und der Unterdrückung zu widersetzen." Sie wollen es nicht zulassen, "daß die Welt verzweifelt, weil die Amerikaner schweigen und nicht handeln." Am Ende der Veranstaltung lasen sie gemeinsam einen "Schwur des Widerstands": Die Regierung werde nicht in ihrem Namen Blut gegen Öl eintauschen und die amerikanische Demokratie ruinieren. Die Stimme der Zwölftausend hallte über die 5th Avenue und in die eleganten Seitenstraßen der Upper East Side.

Die Kundgebung symbolisiert das wachsende Unbehagen der Amerikaner über die Kriegspläne der Bush-Administration. In Universitäten und Colleges großer Städte wie letzte Woche an der Columbia Universität in Manhattan halten Kriegsopponenten Versammlungen ab. Zeitungen melden, daß immer mehr Kriegsgegner bei Congress-Abgeordneten und Senatoren anrufen und verlangen, den Kurs der Regierung abzulehnen. Das Verhältnis von Gegnern und Befürwortern eines Irakkrieges beträgt bei diesen Anrufen 100 zu 1, bei manchen Senatoren 200 zu 1. Die New Yorker Tageszeitung "Daily News" berichtete am Sonntag, daß zehn der 20 Congress-Abgeordneten des Staates New York den Kriegsplänen zustimmen, sieben jegliche Militäraktion ablehnen. Vor zwei Wochen gab der ehemalige Vizepräsident Al Gore mit einer Rede in Kalifornien das Signal für seine Freunde von der Demokratischen Partei, sich von dem Regierungskurs abzusetzen. Er war der erste angesehene US-Politiker, der Waffeninspektionen im Irak und eine Beteiligung der UNO forderte. Ihm folgten Senator Ted Kennedy und andere. Am heutigen Montag, dem 7. Oktober, veröffentlicht die New York Times das Ergebnis ihrer Umfrage zur Bush-Politik: 57 Prozent der Befragten wünschen, daß sich der Präsident mit den wirtschaftlichen Problemen des Landes statt mit Irak beschäftigen soll. Nur 25 Prozent wollen Irak als Hauptthema der Präsidentschaft sehen.

Konsterniert, in einem Zustand zwischen Bewunderung und Beschämtheit, hatten in den vergangenen Wochen viele Amerikaner die leidenschaftlichen Friedensappelle aus Europa, vor allem aus Deutschland verfolgt. Vor der Bühne auf dem Kundgebungsplatz im Central Park hält ein Mann ein Plakat hoch. Darauf steht: "Deutschland hat Recht."

Die 12.000 gehören zu den Vorboten der Gesellschaft: Künstler wie Claire Lemmel, die auf einem Hügel eine Kette braunrot bemalter Leinwände aufgestellt hat, das "Blutstück", das zeigt, daß es kein "wir" oder "die" gibt - "Wir sind alle eins", sagt Frau Lemmel. Es sind religiöse Leute gekommen, Moslems aus den Moscheen Harlems, die Informationsbroschüren über den Islam verteilen; und jüdische und christliche Gruppen. Ältere Männer tragen Mützen, die sie als Kriegsveteranen ausweisen. Sie waren Soldat in Korea und Vietnam. Eine große Zahl der Teilnehmer ist jung, es scheinen viele Familien angereist zu sein.

Unter dem Schatten eines Baumes wartet eine Familie - ein Mann, eine Frau, eine Großmutter, ein Mädchen, ein Junge, beide etwa zwölf oder 13 Jahre alt - auf den Beginn der Kundgebung. "Kommen Sie hier aus Manhattan?"
Die Mutter antwortet: "Nein, aus New Jersey."
"Wie denkt man in New Jersey über den Krieg?"
"In New Jersey sind viele Leute dagegen, soweit wir das beobachten können."
"Denkt man im Landesinnern nicht eher konservativ und patriotisch?"
"Man ist konservativer als in New York, das ist wahr. Aber die Zustimmung zum Krieg ist weniger leidenschaftlich als die Regierung vielleicht erwartet. Wir alle sind sehr patriotisch, aber immer mehr Leute sehen, daß die Liebe zu Amerika nicht unbedingt die Liebe zur Regierung einschließen muß."


Zu der wichtigsten Initiatoren der neuen Bewegung zählen Familienangehörige von Opfern des 11. September. Colin Kelly redet für die Organisation "September 11th Families for Peaceful Tomorrows" (Familien des 11. September für ein friedvolles Morgen). Sie erzählt den Teilnehmern vom letzten Telefonanruf ihres Bruders Bill aus dem Südturm des World Trade Center, der aus seinem Fenster das Feuer im Zwillingsturm beobachtete. Dann schlug in seinem Gebäude das zweite Flugzeug ein, die Verbindung riß ab. "Ich möchte nicht, daß der Tod meines Bruders benutzt wird, um Tod und Verderben über andere Menschen zu bringen," sagt Frau Kelly. "Solange mein Land den Weg des Krieges sucht, fühle ich mich vor Terrorismus nicht sicher."

Am Mikrofon folgen ihr eine Frau aus Afghanistan, die im Bombenhagel 19 Familienangehörige verloren hat, ein Bergungsarbeiter von Ground Zero, der glaubt, daß "die Amerikaner kluge, kreative, freundliche Menschen sind, die viel Gutes in der Welt tun können", wenn ihre Regierung aufhören würde, Probleme mit Gewalt zu lösen. Ein anderer Redner fragt das Publikum, worum es der Regierung in einem Krieg mit dem Irak geht. "Öl!", rufen die Leute. Viele nehmen den Präsidenten nicht ernst. Er sei nicht gewählt worden, er habe sich "in die Machtzentrale gelogen" und repräsentiere lediglich die "Ölleute" und sonst niemand. Die Schauspielerin Susan Sarandon verliest die Telefonnummern des Präsidenten und der lokalen Senatoren. "Ruft sie an," sagt sie. "Zeigt, was wirkliche Demokratie ist."

Außer in New York trafen sich tausende Kriegsgegner in Portland, Oregon, in San Francisco und Chicago, mehrere hundert in Texas und St. Louis, Missouri. In Manchester sagten etwa 50 Protestler ihrem Präsidenten: "Ohne uns".

Wenn sich New Yorker und andere Amerikaner ein weiteres Mal treffen, um gegen die Kriegspläne zu demonstrieren, werden sie keine T-Shirts mehr tragen wie an diesem Spätsommerwochenende. Am 26. Oktober ziehen sie nach Washington vor das Weiße Haus. Dann wird es bereits kühl sein, dann werden die Herbststürme näherrücken und in der Luft werden Spannung und Nervösität spürbar sein: wenige Tage werden sie trennen von dem Moment, an dem mächtige Männer entscheiden, ob Bomben auf irakische Familien fallen sollen oder nicht.


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