Das andere Amerika demonstrierte, 28.10.2002 (Friedensratschlag)
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"Wir sind die wahren Patrioten"

Bernd Hendricks berichtet aus den USA

Im Folgenden dokumentieren wir einen Bericht über die großen Anti-Kriegs-Demonstrationen vom 26.10.2002 in den USA. Der Autor, Bernd Hendricks hatte uns auch schon einen Bericht über die Central-Park-Kundgebung in New York geschickt. Hendricks unterhält eine eigene deutschsprachige Internetseite in den USA: www.springwords.com – Storys von den Straßen New Yorks.


New York, 26.10.02 - Zehntausende Amerikaner demonstrierten am Samstag in zahlreichen Städten der Vereinigten Staaten gegen den geplanten Irakkrieg. Nach Angaben der Veranstalter versammelten sich in der Hauptstadt Washington D.C. 100.000 Menschen am Vietnam-Mahnmal. Redner warfen der Bush-Regierung vor, mit den Kriegplänen von den Problemen des Landes wie Armut und Unternehmensskandale ablenken zu wollen.

“Kümmern Sie sich lieber um die obdachlosen Kriegsveteranen, die vor dem Zaun des Weißen Hauses betteln müssen,” forderte die Congress-Abgeordnete Cynthia McKinney von Präsident Bush. McKinney warnte vor Einschränkungen der Bürgerrechte, die von der Regierung mit patriotischen Slogans bemäntelt würden. “Die wahren Patrioten Amerikas stehen hier”, sagte die Abgeordnete. “Wir repräsentieren das Richtige und Gute in unserem Land.” Die Demonstranten marschierten vom Mahnmal zum Weißen Haus, wo sie Plakate mit Aufschriften wie “Kein Blut für Öl” und “Regimewechsel in den USA” hochhielten. Zu den Rednern in Washington zählten die Bürgerrechtler Rev. Jesse Jackson und Rev. Al Sharpton aus New York sowie die Musikerin Patti Smith.

In San Francisco protestierten nach Schätzung der Organisatoren zwischen 50.000 und 100.000 Menschen, die vor allem aus Kalifornien angereist waren – Beobachter der Westküste waren von der Größe der Demonstration überrascht. Tausende US-Bürger versammelten sich auch in Portland, (Oregon), Seattle, Chicago, in den Bundesstaaten Texas und Kansas, Michigan, Maine, Vermont, in Madison (Wisconsin), in Nashville (Tennessie) und in Dutzenden anderen Orten. Rund 2.000 Bürger des Örtchens Taos im Bundesstaat New Mexico zogen zum Wohnhaus von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Gegen ihren prominenten Nachbarn erhoben sie symbolisch “Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.”

Der Tag war überschattet vom Tod des Senators Paul Wellstone, der am Vortag mit einem Privatflugzeug in seinem Heimatstaat Minnesota abgestürzt war. Wellstone galt in der Hauptstadt als Kriegsgegner. Vor anderthalb Wochen stimmte er im Senat gegen eine Resolution, die Präsident Bush freie Hand für einen Angriff auf Irak gibt. Wellstone, der die Antikriegsbewegung unterstützt hatte, war auf dem Weg zu einem Wahlkampfauftritt in Minnesota, als das Flugzeug offenbar infolge schlechten Wetters abstürzte. Mit ihm kamen Ehefrau und Tochter, Mitarbeiter und Piloten ums Leben. Kundgebungsredner im ganzen Land nannten den Tod Wellstones einen großen Verlust für das “andere Amerika”.

Das “andere Amerika” scheint in den jüngsten Umfragen zum Irakkrieg das Meinungsbild zu dominieren. Nur eine Minderheit setzt sich enthusiastisch für einen Krieg gegen den Irak ein. Afroamerikaner stellen den größten Anteil der Kriegsgegner. Viele Amerikaner haben die mysteriösen Umstände nicht vergessen, unter denen George Bush vor zwei Jahren an die Macht gekommen war. Sie sind verbittert, weil der außenpolitische Kurs der Regierung das Ansehen Amerikas in der Welt ruiniert. Laut Medienumfragen sind die meisten Amerikaner der Auffassung, daß die Regierung sich statt den Kriegsvorbereitungen lieber den wirtschaftlichen Problemen des Landes widmen sollte.

Viele Aktivisten werteten den Protesttag “als Beginn einer neuen Friedensbewegung in den Vereinigten Staaten.” Umstritten ist noch, welche Themen mit ihrem Friedensengagement verknüpft werden sollen. Die Aufrufe von Antikriegsveranstaltungen der vergangenen Wochen enthielten u.a. auch eine scharfe Kritik der israelischen Politik gegenüber Palestina, ohne auf die Selbstmordanschläge palestinensicher Terroristen einzugehen. Das habe nach Auffassung einiger Aktivisten viele regierungskritische Amerikaner, die Israel mit Sympathie gegenüberstehen, von der Kundgebungsteilnahme abgehalten.

Die nächste Friedensdemonstration wird in Washington im Januar stattfinden, gefolgt von einem Friedensratschlag, einer “Volksfriedenskonferenz”, auf der interessierte Amerikaner ihre Strategie im Falle eines Irakkrieges beraten werden.


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