Indonesien: Gewalt gegen Frauen nimmt zu, 05.06.2010 (Friedensratschlag)
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"Zur Ordnung rufen"

Gewalt gegen Frauen in Indonesien nimmt dramatisch zu. Wesentliche Ursache dürfte deren gewachsenes Selbstbewußtsein sein, das vielfach brutal unterdrückt wird

Von Thomas Berger *

Es ist auch in Indonesien keineswegs ein neues Phänomen. Doch der Anstieg der registrierten Fälle von Gewalt gegen Frauen auf mehr als das Zweieinhalbfache binnen eines Jahres deutet auf enorme Konflikte zwischen den Geschlechtern hin. 143586 Akte physischer oder psychischer Gewalt sind für 2009 aktenkundig - im Jahr zuvor waren es noch 54425. Und die Zahl von 2008 war wiederum doppelt so hoch wie 2007, als es noch 25000 Fälle gab.

2001 waren im Rahmen der gleichen Erhebung lediglich 3169 Fälle registriert worden. Erstellt wird sie von der Nationalen Kommission zu Gewalt gegen Frauen, die kürzlich auch die neuesten Daten vorgelegt hat. Die Kommission räumt dabei ein, daß die bessere Erfassung zu der enormen Steigerung ebenso beigetragen hat wie das größere Interesse der Öffentlichkeit und insbesondere der Medien. Die kritische Berichterstattung über einige besonders dramatische Fälle ermutige immer mehr Opfer, die Taten anzuzeigen oder sich zumindest an soziale Organisationen zu wenden.

Dennoch bleibt auch der reale Anstieg bei den Gewalttaten gegen Frauen dramatisch. 95 Prozent ereigneten sich dabei 2009 innerhalb der Familie, nahezu fünf Prozent in der Dorfgemeinschaft oder der etwas weiteren gesellschaftlichen Umgebung. Lediglich in 54 Fällen handelte es sich um Akte staatlicher Gewaltanwendung.

Je nach Blickwinkel ließen sich der Statistik Positives und Negatives abgewinnen, hieß es Anfang Mai in einem Beitrag der englischsprachigen Tageszeitung Jakarta Post zum Thema. Sie zeige, daß eine wachsende Zahl Frauen Mißhandlung und Demütigung nicht mehr einfach hinnehme. Das im Jahr 2004 vom Parlament verabschiedete Gesetz gegen häusliche Gewalt sei dabei ein Schritt in die richtige Richtung, der helfe, Täter juristisch zur Verantwortung zu ziehen. Erschreckend bleibe die Tatsache, daß die Gewaltbereitschaft von Männern offenbar zunehme. In dem Zeitungsbeitrag wird darauf verwiesen, welche Rolle das traditionelle Bild von Familie und Frauen in diesem Zusammenhang spielt. Wie überall findet in Indonesien, einem der bevölkerungsreichsten Länder Asiens, nicht nur technische, sondern auch gesellschaftliche Modernisierung statt. Zugleich ist der südostasiatische Inselstaat die weltgrößte muslimische Nation, und die Sichtweisen des konservativen Islam kollidieren mit gewandelten individuellen Vorstellungen, was Freizügigkeit beispielsweise bei Bekleidung und bestimmten Verhaltensweisen betrifft.

Am stärksten tritt dies in Aceh zutage. Die frühere Bürgerkriegsprovinz an der Nordspitze der größten Insel Sumatra ist geprägt von besonders orthodoxer Auslegung religiöser Vorschriften, was sich teilweise auch in der lokalen Gesetzgebung niederschlägt. Das Verbot von engen Hosen oder anderer »ungebührlicher« Aufmachung etwa wird von Sicherheitswächtern strikt kontrolliert.

Mit dem gewachsenen Selbstbewußtsein vieler junger indonesischer Frauen können die Männer nur schlecht umgehen. Nach der Eheschließung, oftmals noch von den Familien mit nur geringer Beteiligung des Brautpaares arangiert, wird der Freiheitsdrang der Frau nicht selten brutal unterdrückt. Verhaltensweisen, die nicht familiären oder gesellschaftlich-religiösen Normen entsprechen, werden vom Partner dann manchmal auch mit Mißhandlungen beantwortet. Hinzu kommt die weiter vorherrschende Ansicht, daß der Mann in der Beziehung das Recht habe, seine Frau »zur Ordnung zu rufen« und dabei weitreichende Mittel einzusetzen.

Frauenrechtlerinnen fordern deshalb, das Gesetz von 2004 konsequenter durchzusetzen. Während sich in den großen Städten manches hin zu mehr Freiheiten für Frauen entwickelt habe, bleibe auf dem flachen Land noch vieles zu tun. In den Metropolen ist es relativ leicht, eine Anwältin zu finden, die gegen den brutalen Ehemann juristisch vorgeht - auf dem Dorf gibt es solche Angebote in der Regel nicht.

* Aus: junge Welt, 4. Juni 2010


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