Indien: Linksfront-Regierung in Westbengalen, 24.06.2007 (Friedensratschlag)
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Jubiläum der "roten Bastion"

30 Jahre Linksfront-Regierung im indischen Bundesstaat Westbengalen

Von Hilmar König, Neu-Delhi *

Indischer Rekord: Am Donnerstag (21. Juni) beging die Linksfront im Bundesstaat Westbengalen das 30. Regierungsjubiläum. Siebenmal in Folge erhielt das Bündnis aus KPI (Marxistisch), KPI, Revolutionärer Sozialistischer Partei und Allindischem Vorwärtsblock das Vertrauen der Wähler. Brinda Karat, einzige Frau im Politbüro der KPI(M), bezeichnete das im jW-Gespräch als eine »historische Errungenschaft«. Als Grund für diesen beispiellosen Erfolg nannte sie ein »solides Bekenntnis zum Marxismus-Leninismus«, das die indischen Bedingungen berücksichtigt.

Westbengalens Chefminister Buddhadeb Bhattacharjee, ebenfalls Mitglied des Politbüros der Partei, erklärte auf der Festveranstaltung in Kolkata (früher Kalkutta), die Stärke der Linksfront vor allem aus der Tatsache, daß sie die Eigentumsverhältnisse auf dem Land geändert hat. Das wurde durch eine konsequente Bodenreform möglich, in deren Ergebnis heute 72 Prozent des Ackerlandes Kleinbauern gehören. Außerdem hat sie über die Jahrzehnte durch die Einführung des Panchayati-Systems (Gemeinderäte) der Landbevölkerung zu politischer Mitbestimmung verholfen. Bhattacharjee, seit sieben Jahren im Amt, setzt folgende Prioritäten für die Entwicklung Westbengalens, die auch sichern sollen, daß die Linksfront trotz gefährlicher Manöver einer wütenden Opposition in den nächsten Jahrzehnten an der Macht bleibt: Die Lebensqualität der Ärmsten der Armen soll verbessert werden. Der Erfolg in der Landwirtschaft –Spitzenposition im gesamtindischen Maßstab bei der Produktion von Reis, Kartoffeln und Gemüse – soll konsolidiert werden. Außerdem will man die Industrialisierung beschleunigen, obwohl es dazu Kontroversen unter den Partnern der Linksfront und einen teils militanten Widerstand vor allem aus den Reihen der regionalen Partei Trinamool Congress gibt. Und schließlich sollen Bildung und Gesundheitswesen weiter gestärkt werden.

1977 lebten in Westbengalen 60 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Heute sind es offiziell 26 Prozent. Die linke Regierung wendet von allen Bundesstaaten am meisten für Bildung pro Kopf der Bevölkerung auf. Etwas mehr als 20 Prozent aller Studenten an den renommierten Indischen Technologieinstituten (IIT) kommen aus Westbengalen, wo es 16 Universitäten und über 60 Ingenieur-Colleges gibt. Kolkata, von der bourgeoisen Presse und den Feinden der Linksfront zigmal als »sterbender Moloch« gebrandmarkt, ist lebendig, wurde modernisiert und ist selbst für ausländische Investoren attraktiv geworden. Eins der größten Probleme, die mangelhafte Versorgung mit Elektrizität, wurde aus der Welt geschafft.

Ein »Musterländle« ist Westbengalen trotz aller Fortschritte nicht. »Wir haben noch eine lange Wegstrecke vor uns. Jeder Schritt muß unter den in Indien herrschenden kapitalistischen Bedingungen getan werden. Wir haben keine sozialistische Republik Westbengalen«, führte Brinda Karat dazu aus. Dennoch wollen Prakash Karat, der Generalsekretär der KPI(M), und die Führer der anderen linken Parteien alles daransetzen, das »westbengalische Modell« in anderen Teilen des Landes zu nutzen.

Mamata Banerjee, die Chefin des Trinamool Congress, hingegen verbreitet Pessimismus. Sie und ihre Gefolgsleute begingen das 30. Jubiläum der Roten als »schwarzen Tag«. Und sie selber orakelte, das sei der »Anfang vom Ende der Linksfrontherrschaft«. Das letzte Wort darüber werden freilich wieder die Wähler sprechen.

Aus: junge Welt, 23. Juni 2007


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