Indien-Pakistan: Gefährliche Spannungen, 31.12.2008 (Friedensratschlag)
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Gefährliche Spannungen

Kriegshysterie zwischen Indien und Pakistan. Truppen ins Grenzgebiet?

Von Hilmar König, Neu-Delhi *

Mit Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen heizen Indien und Pakistan die Spannungen auf dem südasiatischen Subkontinent weiter an. Genau einen Monat nach dem Terrorüberfall in der indischen Hafen- und Geschäftsmetropole Mumbai wachsen die Spannungen zwischen den Nachbarstaaten. So wurde am Freitag von nicht näher benannten »Geheimdienstkreisen« (AP, 27.12.) verbreitet, daß Pakistan 20000 Mann ins Grenzgebiet zu Indien verlegen wolle. Am Samstag war zudem von der Entsendung weiterer 1300 Soldaten Islamabads die Rede. Die pakistanischen Streitkräften äußerten sich bis zum Sonntag nicht zu diesen Meldungen.

In Neu-Delhi und in Islamabad scheint wirkliche oder geschickt gespielte Konfusion zu herrschen. Die Politiker überbieten sich mit widersprüchlichen Erklärungen. Indiens Premier Manmohan Singh sagte am Dienstag, als Antwort auf den auf pakistanischem Boden vorbereiteten Terrorschlag stehe »Krieg außer Frage«. In Pakistan nahm man das mit gewisser Erleichterung auf. Premier Singh hatte damit Aussagen seines Außenministers Pranab Mukherjee relativiert, der mit scharfmacherischen Bemerkungen seit Wochen als »Falke« agiert. Vor 116 in Neu-Delhi versammelten indischen Botschaftern hatte er kürzlich geäußert, wenn es einen militärischen Konflikt geben sollte, werde das niemand vorher in den Medien ankündigen. »Wir haben alle Optionen offengelassen,« betonte er. Am Samstag dann legte Mukherjee nach: Im Angesicht der mutmaßlichen Truppenkonzentration Pakistans an der Grenze zu Indien sprach er von einer »Kriegshysterie«, die Islamabad ausgelöst habe.

In verteilten Rollen spielt man auch auf der anderen Seite mit dem Feuer. »Wir wollen nicht kämpfen, wir wollen keinen Krieg, wir wollen keine Aggression im Verhältnis zu unseren Nachbarn«, unterstrich Ministerpräsident Syed Yousuf Raza Gilani am Samstag in einer Fernsehansprache. Zugleich betonte er, die pakistanischen Streitkräfte seien »voll« darauf vorbereitet, einen etwaigen indischen Angriff zu erwidern. Pakistans Präsident Asif Ali Zardari hatte zuvor ebenfalls erklärt: »Wir wollen keinen Krieg mit Indien.« Zugleich verwies er auf das Recht der Nation, ihre »Grenzen im Falle einer Aggression zu verteidigen«. Und Außenminister Shah Mahmud Qureshi formulierte, daß, wenn Indien pakistanische Ziele angreifen sollte, es eine »starke Antwort« geben werde.

Die pakistanische Regierung monierte, daß die indische Polizei bisher noch keinerlei Beweise für eine pakistanische Hand hinter dem Mumbai-Anschlag veröffentlicht habe. Auch Interpolchef Ronald K. Noble, ein US-Amerikaner, der sich in den vergangenen Tagen in Delhi und Islamabad aufhielt, erklärte, er habe von indischer Seite offiziell noch keine Beweise zu den Vorgängen vom 26. November in Mumbai erhalten. Seine Organisation verfüge nur über Wissen aus den Medien. Unterdessen hält das gefährliche »Pingpong« der beiden Atommächte an.

* Aus: junge Welt, 29. Dezember 2008


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