Indien-Pakistan: Kriege wäre willkommen, 13.12.2008 (Friedensratschlag)
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Jetzt rauchen die Colts

Indien/Pakistan: Ein kleiner Krieg käme beiden Ländern nicht ungelegen

Von Ursula Dunckern *

In den indischen Grenzdörfern des Khemkarakam-Sektors im Punjab haben die Bauern ihr Hab und Gut zusammengeschnürt und die Büffel von den Weiden geholt. Was sie antreibt, ist die Angst, in die Schusslinie einer indisch-pakistanischen Konfrontation zu geraten wie im Dezember 2001, nach dem Terrorschlag gegen das Parlament in Delhi.

Gibt es wirklich Krieg? Die Diplomatie jedenfalls klingt immer schriller. Delhi beschuldigt Islamabad, die Zerstörung von Mumbais Kronjuwelen - der beiden beliebtesten Luxushotels des Landes - inszeniert zu haben. Die Verbindung der Attentäter zu den Kaschmir-Militanten der Lashkar-e-Toiba (LeT) in Pakistan, die mutmaßlich seit den neunziger Jahren vom pakistanischen Geheimdienst ISI protegiert wird und derzeit als rechte Hand von al Qaida in Südasien gilt, scheint eindeutig. Andererseits ist die LeT seit Jahren einer der "üblichen Verdächtigen", sobald in den Städten Indiens Bomben explodieren. Diesmal jedoch hat Delhi die perfekten Beweise in der Hand. Die seien zu perfekt, sagen manche: einen Kutter voller Sprengstoff aus Karatschi, ein Satellitentelefon mit der gespeicherten Nummer eines allgemein bekannten Terrortrainers der LeT, Geheimdienstfotos eines Trainingscamps, schließlich einen pakistanischen Kronzeugen. Der 21-jährige Azam Amir Qasab - er hat von zehn Mumbai-Angreifern als Einziger überlebt - soll zugegeben haben, mit 19 anderen Pakistani monatelang von der LeT auf den großen Coup vorbereitet worden zu sein. Die LeT - sonst nicht schüchtern mit Bekenntnissen - streitet das ab.

Mit so viel Trümpfen in der Hand sucht Delhi entschlossen das Endspiel. Einen detaillierten Report soll es geben, der vielen Regierungen weltweit übergeben wird, um Islamabad international zu ächten. Ermittler von CIA, FBI und Mossad sind bereits vor Ort, die indischen Erkenntnisse zu erhärten.

Erwartungsgemäß bestreitet Pakistan jede Verwicklung. Außenminister Shah Mehmood plädiert für Besonnenheit und Kooperation im Kampf gegen den gemeinsamen Feind, doch fühlt sich seine Regierung brüskiert, wenn der indische Premier Singh den neuen pakistanischen ISI-Chef General Ahmed Shuja Pasha "einbestellen" will. Zunächst hat Pakistans Präsident Zardari unter dem Druck von US-Außenministerin Rice dies akzeptiert, dann aber zu verstehen gegeben, kein souveräner Staat könne seinen Geheimdienstchef wie einen Angeklagten vorladen lassen.

Die innenpolitischen Kollateralschäden nach den Tagen des Grauens von Mumbai muss vor allem die regierende Kongresspartei verkraften, so dass Premier Manmohan Singh die Flucht nach vorn antritt und der Devise folgt: Härte gegen Pakistan. Ein kleiner, begrenzter Krieg könnte Wunder wirken, vielleicht als "chirurgischer Eingriff", um islamistische Trainingscamps im pakistanischen Teil Kaschmirs zu zerstören, wovon indische Militärs seit langem träumen.

Logischerweise lässt der Druck der Ereignisse die Dreiecksbeziehung zwischen den USA, Indien und Pakistan nicht unberührt, was sich so oder so auf die Lage in Afghanistan auswirken muss. Beide Atommächte buhlen um Washingtons Hand, wobei das Verhältnis der USA zu Pakistan momentan von einem schweren Tief getrübt scheint, während die strategische Allianz mit Indien einem Hoch zustrebt. Doch hat Islamabad einen Joker im Ärmel, den die Amerikaner kaum unterschätzen dürften: den Abzug seiner 100.000 Soldaten von der afghanischen Grenze, sollte Indien einen Angriff wagen. Kaum auszudenken, was das für die NATO in Afghanistan bedeuten würde. In diesem Fall bliebe den USA keine andere Wahl, als mit eigenen Truppen die pakistanisch-afghanische Grenzregion zu besetzen.

Pakistans Armee, die unter General Kayani die Militärkoalition mit den USA halten will - während die Regierung das Protestlied gegen US-Militäroperationen auf eigenem Boden singt -, könnte ein Schlagabtausch mit Indien ganz recht sein. Man hätte den perfekten Vorwand, dem Anti-Taliban-Kampf zu entsagen, und die perfekte Chance, die divergierenden Kräfte in einem fragilen Staat gegen den Erzfeind zu vereinen. Könnte der Terror von Mumbai am Ende der Auftakt zu einem großen Drama gewesen sein?

* Aus: Wochenzeitung "Freitag", Nr. 49, 4. Dezember 2008


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