Indien-Pakistan: Ärzte waren vor Atomkrieg, 31.05.2002 (Friedensratschlag)
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"Kein Land besitzt Lizenz zum Massenmord!"

Ärzte warnen Indien und Pakistan eindringlich vor den Folgen eines Atomkrieges - Presseerklärung und Hintergrundbericht

Presseerklärung der IPPNW
Boston (USA), Berlin, den 30. Mai 2002


Bei der Vorstellung eines Schreibens an die Führer Indiens und Pakistans unterstrichen Vertreter der IPPNW, dass kein Land der Welt für sich "eine Lizenz zum Massenmord" in Anspruch nehmen könne. In Briefen an den indischen Premierminister Atal Bihari Vajpayee und den pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf erneuern Ronald McCoy, Präsident des Weltverbandes der Ärzte gegen Atomkrieg (IPPNW), L.S. Chawla, Präsident der Indian Doctors for Peace and Development und Tipu Sultan, Präsident der Pakistani Doctors for Peace and Development, ihre eindringlichen Warnungen vor einem Einsatz von Atomwaffen im Konflikt um Kaschmir.

Sie warnen, dass selbst der Einsatz einer relativ kleinen Atomwaffe mit 15 Kilotonnen Sprengkraft den sofortigen Tod von 160.000 bis zu 866.000 Menschen verursachen würde. Eine neue Studie des indischen Wissenschaftlers M.V. Ramana für das Institut für Wissenschaft und internationale Sicherheit in Washington D.C. berechnet die Opferzahlen des Abwurfs von fünf 15-Kilotonnen-Atombomben auf Städte in beiden Ländern. Demnach würden in Indien ca. 2,6 Millionen und in Pakistan ca. 1,8 Millionen Menschen sterben. Weitere 1,5 Millionen würden schwer verletzt. Spätfolgen durch die Zerstörung der Infrastruktur, des Gesundheitssystems und durch das vermehrte Aufkommen von Krebs wurden dabei nicht berücksichtigt.

Mit Sorge reagieren die Vertreter der IPPNW auf Aussagen des pakistanischen Botschafters Munir Akram bei den Vereinten Nationen, dass sein Land den Einsatz seiner Atomwaffen bei einem Angriff Indiens nicht ausschließe. Der Botschafter hatte erklärt, dass ein Nicht-Erwägen des Ersteinsatz dieser Waffen selbst gegen einen konventionellen indischen Angriff Indien die "Lizenz zum Töten" gewähren würde. Von beiden Führern verlangen die Ärzte unverzüglich auf ihre Atomwaffen zu verzichten. Der Konflikt um Kaschmir könne nur durch eine gewaltlose und verhandelte Lösung beendet werden.

Der folgende Hintergrundbericht von Xanthe Hall ist im Internet unter der Adresse www.ippnw.de/frieden/ind_pak/folgen.htm zu erhalten.

Die Folgen eines Atomkrieges zwischen Indien und Pakistan:

Über 3 Millionen Menschen drohen in einem "begrenzten" Atomkrieg zu sterben

Der Einsatz von Atomwaffen in Südostasien wird von Tag zu Tag wahrscheinlicher. Die Atomwaffenmächte Indien und Pakistan stehen sich mit über einer Million Soldaten an der Grenze in Kaschmir gegenüber. Indische Atomraketen können Pakistan innerhalb von drei bis fünf Minuten erreichen und dort das gesamte pakistanische Arsenal zerstören. Umgekehrt gibt es die gleiche Möglichkeit. Weil sich jedes Land durch einen Erstschlag den Sieg ausrechnet, ist die Gefahr eines Atomwaffeneinsatzes sehr hoch.

Weder in Indien noch in Pakistan existiert ein Frühwarnsystem. Die Regierungen würden erst von einem Angriff erfahren, wenn die Atompilze bereits am Himmel stehen. Daher halten die Verantwortlichen ihre Finger immer "auf dem Knopf" - stets bereit, den Befehl für einen Raketenstart zu geben.

Direkte Folgen eines Atomwaffeneinsatzes

Zwischen 150.000 und 850.000 Menschen würden allein nach dem Abwurf einer einzigen kleinen Atombombe (15 Kilotonnen Sprengkraft) über Bombay innerhalb weniger Monate sterben - das ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie der IPPNW, Bombing Bombay (1999), von M.V. Ramana. Die Menschen, die an den Spätfolgen sterben würden, sind in diese Zahlen nicht eingeschlossen.

Entgegen einer weit verbreiteten Annahme, kommen die meisten Menschen nicht sofort bei der Explosion der Bombe ums Leben, sondern erst bei den nach der Explosion aufkommenden Feuerstürmen. Es ist ein qualvoller Tod, denn vor dem Sterben durch Verbrennen liegen Stunden, in denen die Menschen schwere Verletzungen erleiden. Diejenigen, die auch den Feuersturm überleben bekommen die akute Strahlenkrankheit und werden nicht in der Lage sein, Ihre Toten zu begraben oder den Verletzten zu helfen.

Konkret lässt sich das Szenario so beschreiben: Nur einer von zehn Menschen kommt direkt durch die Explosion ums Leben. Das sind vor allem die Menschen, die sich in einem Radius von ca. O,5 Kilometer um "Ground Zero" aufhalten. Bei einer Atombombe etwa mit einer Sprengkraft vergleichbar der Hiroshima-Bombe (12,5 KT) würden am Explosionszentrum 95% der Menschen gleich an der tödlichen Gammastrahlung oder an der eine Zehntelsekunde später folgenden Hitzewelle, mit Temperaturen von 3000 bis 4000° C, sterben. Darum herum werden die meisten Menschen jedoch schwere Verbrennungen erleiden - ohne zu versterben. Ihre innern Organe werden durch die der Explosion folgenden Druckwelle verletzt werden, sie werden aus ihrem Körperöffnungen bluten und durch herumfliegende Trümmer und splitterndes Glas getroffen oder unter Trümmern begraben werden - und sie werden nichts mehr sehen können.

Alle Menschen, die sich in einem Radius von etwa 2,5 km um den Explosionsort befinden, erblinden durch das Licht der Explosion permanent, egal ob sie ihre Augen offen oder geschlossen halten. Im weiteren Umkreis werden alle diejenigen, die mit offenen Augen in Richtung der Explosion schauen, erblinden. Selbst in einer Entfernung von 80 km vom Ground Zero erscheint die Explosion mehrere Male heller als die Mittagssonne.

Erst dann kommt der Tod: in den nun folgenden Feuerstürmen, die alles Brennbare im Umkreis von zwei Kilometern vom Zentrum in ein Flammenmeer verwandeln. In vielen indischen und pakistanischen Städten lebt ein Großteil der Bevölkerung in Slums, die aus leicht entzündbaren Materialien gebaut sind. Viele Familien nutzen Gasflaschen zum Kochen, die bei einem Feuer leicht explodieren. Die Massen von Autos, Mofas und Bussen mit ihren Benzintanks erhöht die Zahl der Explosionen zusätzlich.

Wer die Gammastrahlung, die Hitze- und die Druckwelle als auch den Feuersturm überlebt hat, befindet sich wahrscheinlich mindestens 10km vom Explosionszentrum entfernt. Für diese Überlebenden beginnt innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen die akute Strahlenkrankheit: Schwindel und Erbrechen, Krämpfe, Durchfall, Fieber, blutender Schleimhautzerfall in Rachen, Kehlkopf und Darm, Haarausfall, Schluckbeschwerden, punktförmige Hautblutungen, Bewusstlosigkeit - bis hin zum Hirntod, zu tödlichen Magen-Darm-Störungen oder zu tödlichen Knochenmarksschädigungen können auftreten. Diesen kranken Überlebenden wird man nicht helfen können. Denn die Ärzte und Krankenpfleger,die überlebt haben, werden selbst krank sein.

In einer neuen Studie des indischen Forschers M.V. Ramana von der Princeton Universität, New Jersey, USA, wurde die Anzahl der Opfer eines "begrenzten" Atomkrieges zwischen Indien und Pakistan berechnet . Als Folge eines Abwurfs von zehn 15-Kilotonnen-Atombomben auf Städte in beiden Ländern würden laut der Studie in Indien ca. 2,6 Millionen und in Pakistan ca. 1,8 Millionen Menschen sterben. Weitere 1,5 Millionen würden schwer verletzt. Spätfolgen durch die Zerstörung der Infrastruktur, des Gesundheitssystems und durch das vermehrte Aufkommen von Krebs wurden dabei nicht berücksichtigt. Der Natural Resources Defense Council in Washington D.C. schätzt die Anzahl der Opfer sogar noch zehn mal höher ein , und eine Untersuchung vom US-Geheimdienst besagt, dass bis zu 12 Millionen sterben werden , allerdings schließt diese Zahl die Opfer der Feuerstürme nicht ein.

Fallout

Wenn eine oder mehrere der Atombomben auf dem Boden oder in geringer Höhe explodieren, ist der Fallout (radioaktiver Niederschlag) wesentlich höher als bei einer Explosion in der Luft. Bei einer Windstärke von circa 25 km pro Stunde wird eine Fläche von etwa 70 Quadratkilometer mit über 100 Rad pro Stunde durch eine 15-KT-Atombombenexplosion auf dem Boden verseucht. 15 Quadratkilometer werden mit 300 Rad pro Stunde, 2,2 Quadratkilometer mit 1000 Rad pro Stunde und 0,3 Quadratkilometer mit 3000 Rad pro Stunde verstrahlt.

Bestrahlung / Todesrate
über 600 Rad / 95 - 100%
450 Rad / 50%
200 Rad / 5%


Auch wenn sie überleben, werden die Menschen an den bereits geschilderten unterschiedlich schweren Formen der Strahlenkrankheit leiden. Auch die Niedrigstrahlung, von der eine viel größere Umgebung betroffen sein wird, wird in den darauf folgenden Jahren zu einem erhöhten Aufkommen genetischer Schäden und Krebs führen.

Bei einer Explosion in großer Höhe gibt es zwar kein sofortiges Fallout, dennoch kann wie in Hiroshima und Nagasaki geschehen, schwarzer Regen entstehen. Dieser bildet sich durch um radioaktive Partikel kondensierende Wassertropfen. Die höher geschleuderten Partikel gelangen später weiter entfernt zur Erde zurück. Dieser Fallout wird je nach Wetterbedingungen wie eine Art Staubfahne vom Wind weitergetragen. Rund die Hälfte des Fallouts atmosphärischer Atomwaffentests schlug in der Nähe des Testgeländes und innerhalb einiger hundert Kilometer Entfernung davon in sogenannten Downwind-Gebieten auf die Erde nieder. Der Rest des radioaktiven Materials lagerte sich uneinheitlich rund um den Globus ab. Bei Regen werden die Partikel rascher zu Boden getragen. Wo die Partikel konzentriert mit starker Verstrahlung vorkommen spricht man von "hot spots".

Ein Atomkrieg hält sich nicht an Grenzen

Ein Atomkrieg in Südostasien bleibt weder "begrenzt" noch regional. Er wird sich politisch auf die Atomwaffenmächte China, Russland und die USA auswirken; mit einer Ausweitung des Krieges auf weitere Länder ist zu rechnen. Die gesundheitlichen Auswirkungen machen ebenfalls nicht an den Grenzen halt. Wie nach dem Tschernobyl-Unfall oder den atmosphärischen Atomtests wird die freigesetzte Strahlung um den Globus wandern und überall Sandkästen, Milch, Pilze und Gewässer verseuchen.

Nach einer kurzen Zeit der Entspannung und Abrüstung ist nun das Schreckgespenst des Atomkrieges zurückgekehrt. Und lassen wir uns nicht beirren. Dies ist keine lokale Bedrohung. Die USA hat längst beschlossen, neue Atomwaffen zu entwickeln und ihren Bestand auf Dauer zu sichern. Diese neue Atomwaffendoktrin wird Ländern rund um den Globus kein gutes Beispiel sein und das Aufrüsten forcieren. Müssen wir erst die Horrorbilder eines Atomkrieges im Fernsehen erleben, bevor wir etwas gegen die atomare Seuche unternehmen? Die Bilder von Hiroshima, Nagasaki und Tschernobyl sollten uns eine Warnung sein.

Xanthe Hall, Abrüstungsreferentin der IPPNW
30. Mai 2002

Quelle: www.ippnw.de


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