Indien: Kultur der Straflosigkeit, 30.12.2012 (Friedensratschlag)
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Kultur der Straflosigkeit

Gastkommentar. Proteste gegen Vergewaltigung in Indien

Von Shoma Chaudhury *

Die Empörungswelle nach der Vergewaltigung einer Studentin in Neu-Delhi ist zu begrüßen und wirkt befreiend. Gleichzeitig ist diese Empörung aber auch beunruhigend. Da ist vor allem die Angst, daß das Thema wieder verschwindet, ohne daß sich etwas ändert. Zudem drängt sich die Frage auf, warum es so eines brutalen Vorfalls bedurfte, um diesen Aufschrei auszulösen. Warum reichten Hunderte andere Vergewaltigungen nicht aus, um unser Gewissen aufzurütteln?

Die harte Wahrheit ist ist, daß Vergewaltigung in Indien kein abweichendes Verhalten darstellt, sondern ein grassierendes Phänomen ist. Vergewaltigung wird kulturell sanktioniert durch primitive und gedankenlose Kommentare zu derartigen Vorfällen. Dabei fällt der Blick auf ein Verbrechen gegen Frauen immer durch das Prisma der Verantwortung der Betroffenen. Viele wurden nicht nur aufgrund der Brutalität des aktuellen Falles aufgerüttelt, sondern auch dadurch, daß das Verbrechen nicht allzu spät am Abend passierte und die unauffällig gekleidete Frau sich in Begleitung eines Mannes in einer gut beleuchteten schicken Gegend in Neu-Delhi aufhielt. Dies macht aber erst die unterträgliche Haltung deutlich, daß Vergewaltigungen zu später Nachtstunde, an abgelegeneren Orten und von Frauen, die alleine unterwegs oder sexy gekleidet sind, weniger Aufregung wert seien. Der Diskussion über Gewalt gegen Frauen liegt die Vorstellung zugrunde, daß diese durch ihre Dummheit oder durch ihre Freizügigkeit geradezu darum betteln, vergewaltigt zu werden.

Der aktuelle Fall wirft weitere Fragen auf. Was betrachten wir als Gewalt? Muß erst eine Frau nackt und mit zerfetzten Genitalien auf die Straße geworfen werden, bevor wir Gewalt wahrnehmen? Fast jede zweite indische Frau wurde bereits in ihren eigenen vier Wänden begrapscht, belästigt oder vergewaltigt. Sofern sie es wagt, darüber zu sprechen, wird ihr meist geraten, dies für sich zu behalten. Einen Onkel zu benennen, der seine minderjährige Nichte belästigt hat, wäre eine Schande für die Familie. Und daß es so etwas wie Vergewaltigung in der Ehe gibt, übersteigt ohnehin das Vorstellungsvermögen der meisten. Sogar Richter empfehlen Vergewaltigungsopfern häufig, den Täter zu heiraten, um der Hölle eines Lebens als von der Gesellschaft verstoßene Singlefrau zu entgehen.

Wie kann die indische Gesellschaft diese Situation überwinden? Härtere Strafen sind unbedingt erforderlich, um die Vorstellung von Straflosigkeit bei Vergewaltigung zu beenden. Aber dies kann nur ein Punkt sein. Maßnahmen der Regierung zur Gender-Sensibilisierung auf allen Ebenen der Gesellschaft sind notwendig. Was wir aber vor allem brauchen, ist ein entschlossener Anlauf in Richtung Moderne. Dies betrifft dann aber auch die von einigen Demonstranten erhobenen Forderungen nach Todesstrafe. Abgesehen von allgemeinen Argumenten gegen die Todesstrafe: In den wenigsten Fällen kommt es überhaupt zu einer Anklage.

* Shoma Chaudhury ist leitende Redakteurin des in Neu-Delhi erscheinenden Magazins Tehelka

* Aus: junge Welt, Freitag, 28. Dezember 2012 (Gastkommentar)

Letzte Meldung: Vergewaltigungsopfer gestorben

Zwölf Tage nach der Vergewaltigung durch sechs Männer in Neu Delhi ist die bei der Tat schwer verletzte 23-jährige Inderin am Samstagmorgen, 29. Dezember, gestorben. Die brutale Vergewaltigung hatte in Indien eine heftige Debatte um sexuelle Gewalt ausgelöst. Besonders Frauen und junge Menschen gingen aus Wut und Empörung auf die Straße

Aus Furcht vor neuen Massenprotesten rief die Polizei in Neu Delhi die Menschen zur Ruhe auf und riegelte mehrere Bezirke im Zentrum der indischen Hauptstadt ab. Trotz der starken Polizeipräsenz und der strengen Sicherheitsvorkehrungen gingen aber nach Agenturberichten in Neu Delhi und etwa in Kolkata viele Menschen im Gedenken an die Frau auf die Straße, darunter auch zahlreiche Männer. Sie zündeten Kerzen an und trugen Schilder mit Sprüchen wie "Todesstrafe für Vergewaltiger" und "Mein Körper - Mein Recht". Viele Demonstranten hatten sich in Anspielung auf die Unterdrückung von Frauen in der indischen Gesellschaft den Mund oder die Augen verbunden.

Premierminister Manmohan Singh und die Vorsitzende der regierenden Kongresspartei, Sonia Gandhi, richteten bewegende Worte an die Nation und versprachen einen besseren Schutz für Frauen. Viele Menschen gingen im Gedenken an die 23-Jährige auf die Straße.

Er sei "zutiefst betrübt", dass die junge Studentin ihren schweren Verletzungen erlegen sei, erklärte Singh und äußerte Verständnis für die Massenproteste nach der brutalen Tat Mitte Dezember. Dies seien "verständliche Reaktionen" eines jungen Landes gewesen, das auf einen Wandel hoffe.

Singh rief die Inder auf, ihre Emotionen und Energien in "konstruktives" Handeln umzuwandeln. "Es ist nun an uns, dafür zu sorgen, dass ihr Tod nicht umsonst war", erklärte Singh. Indien müsse zu einem besseren und sichereren Platz für Frauen werden.

Gandhi versprach, der tragische Tod der jungen Frau werde "nicht umsonst" gewesen sei. "Als Frau und Mutter verstehe ich den Schmerz", erklärte sie. In Indien ist sexuelle Gewalt gegen Frauen an der Tagesordnung. Viele Opfer trauen sich aber nicht, ihre Peiniger anzuzeigen, weil sie sowohl die schwerfällige Justiz als auch die Reaktionen männlicher Polizisten fürchten.




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