Haiti nach Aristide, 23.05.2004 (Friedensratschlag)
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Die Pumpgun im Laden - Haiti nach Aristide

Ruhe und Geduld ist erste Bürgerpflicht - Ein Augenzeugenbericht über die Lage im Land der Berge

Im Folgenden dokumentieren wir Auszüge aus einem Artikel, den wir der kritischen Schweizer Wochenzeitung WoZ entnommen haben.

Von Hans-Ulrich Dillmann, Port-au-Prince

(...) «Patience» gilt derzeit in Haiti als Zauberwort. Um «Geduld» bittet die vornehm gekleidete Dame im Supermarkt, während sie mit unendlicher Langmut ihren Einkaufswagen an die Kasse heranschiebt, wo die Kassiererin mit der Geschwindigkeit einer Schildkröte die Warenpreise summiert.

Aber Madame bezieht sich nicht auf die Langsamkeit, mit der sie sich dem Vorgang des Bezahlens nähert. Die Dame spricht von Politik, von der Situation und der Zukunft Haitis, dem «Land der Berge». «Es kann nur noch besser werden», sagt die Mittvierzigerin mit dem feinen Goldkettchen um den Hals und dem dicken goldenen Gliederarmband. «Rom ist auch nicht an einem Tag erbaut worden. Aristide hat über zehn Jahre eine Chance gehabt. Er hat sie nicht genutzt.»

Vor dem Supermarkt auf dem Platz St. Pierre in Pétionville hält derweil ein Militärjeep. (...) Die Kleinstadt liegt oberhalb der Hauptstadt Port-au-Prince, eine knappe halbe Autostunde enfernt. In den kühleren Anhöhen leben die Bessergestellten und Reichen des Landes. «Sie haben uns von Aristide befreit», sagt die Dame mit Blick auf den Militärangehörigen. «Jetzt müssen wir uns die Zeit nehmen, das Land zu ordnen und zu stabilisieren. Wir brauchen Sicherheit.»

Davon kann der Inhaber eines anderen Lebensmittelgeschäfts nur träumen. Anfang April standen plötzlich acht bewaffnete Männer in seinem Laden und raubten «in aller Seelenruhe» alles, was nicht niet- und nagelfest war: die Tageseinnahmen, den Dollarvorrat und die teuren Importwaren aus den Regalen. «Schreib bloss nicht meinen Namen», bittet er, bevor er Geschichten aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis erzählt: von einem bewaffneten Einbruch in ein Privathaus, einer kurzen Entführung im Parkhaus eines Einkaufszentrums und der Freilassung nach der Zahlung von ein paar schnell zusammengekratzten US-Dollar, aufgebrochenen Appartements, Strassenraub - Beute 770 Gourdes, nach derzeitigem Umrechnungskurs etwa 30 Franken. «Wir können nur hoffen, dass sich die Lage stabilisiert und es besser wird.»

Meide die Nacht

Toll ist die Situation seit dem überraschenden und von der US-Diplomatie forcierten Abgang des damaligen Staatspräsidenten Jean-Bertrand Aristide wirklich nicht. Kaum dass in den Anhöhen von Pétionville die Abenddämmerung beginnt, schliesst der Mann mit syrischen Vorfahren um halb sieben sein Geschäft - aus Sicherheitsgründen. Während der Nacht befindet sich ein Wachposten mit einer Pumpgun im Innern des Ladens. Das Viertel ist derweil in tiefe Dunkelheit gehüllt. Seit Ende Februar lassen sich die Stunden, an denen es Strom gibt, an den Fingern einer Hand abzählen. Die Stromgeneratoren in den Privathäusern jener, die es sich leisten können, laufen fast rund um die Uhr. Und viele meiden in der Nacht wegen der Überfälle den Weg runter ins Stadtzentrum von Port-au-Prince.

Auch auf dem Gelände des ebenfalls in Pétionville gelegenen Wohnhauses von Gérard Pierre-Charles sorgt der dieselbetriebene Energielieferant für eine gleich bleibende, sonore Geräuschkulisse. Der 69 Jahre alte, an den Folgen einer Polioerkrankung in der Kindheit leidende Soziologe sitzt auf seiner von Gittern geschützten Veranda und redet über die Kunst, geduldig zu sein. «Wir werden fünf, vielleicht sogar zehn Jahre brauchen, um in Haiti die Grundbedingungen für ein menschenwürdiges Leben zu schaffen. An erster Stelle steht die Bekämpfung des Hungers, dann kommen die Erziehung der Bevölkerung und die Schaffung von Arbeitsplätzen», betont der Exmarxist und einstige Weggefährte Aristides.

Während sich vielleicht fünfzehn Prozent der acht Millionen EinwohnerInnen des Landes ausreichend ernähren können, leben rund vierzig Prozent mit einem Franken und weniger deutlich unter der von der Weltbank festgelegten Armutsgrenze von einem US-Dollar am Tag. «Haiti ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre.» Und jetzt sei die Stunde der Technokraten und nicht die politischer Parteien, findet Pierre-Charles, der sich vor dem Sturz Aristides immer wieder verstecken musste, weil Anhänger des Präsidenten Mordkomplotte gegen ihn geschmiedet hatten. «Endlich haben wir einen demokratischen Freiraum.» (...)

Für ihn ist es kein Problem, dass die in der Demokratischen Plattform zusammengeschlossene Convergence Démocratique und die Gruppe der 184, die in den letzten Monaten den öffentlichen Protest gegen den autokratischen Staatschef im Präsidentenpalais von Port-au-Prince getragen hatten, derzeit nicht in die Verwaltung und Regierung des Landes mit einbezogen sind. «Es geht heute darum, einen Konsens mit allen gesellschaftlichen Gruppierungen zu finden. Die Mitglieder der Übergangsregierung unter Gérard Latortue machen eine vernünftige und brauchbare Arbeit ...»

Rache oder Gerechtigkeit?

«Wir sind weder in der Regierung noch in der Opposition», versucht beim Frühstück der Sozialdemokrat Micha Gaillard die politische Mengelage zu beschreiben. Keine Partei, keinen Protagonisten der letzten Jahre in die Übergangsregierung zu berufen, sei «auch unsere eigene Entscheidung», sagt der 49-jährige Physiologe, während er eine Omelette zerlegt. Gaillard ist führendes Mitglied des Nationalkongresses demokratischer Bewegungen (KONAKOM), Koordinator der haitianischen SozialdemokratInnen sowie Sprecher der Demokratischen Plattform. «Ohne die Integration aller Kräfte würde uns die Stabilität fehlen. Deshalb mussten wir auch die Rebellen mit ins Boot holen.» Fragen nach der Vergangenheit einiger Rebellenführer, nach deren Verantwortung für Morde und Menschenrechtsverletzungen findet Gaillard zwar berechtigt, aber es gebe keine Alternative. «Wenn Sie am Ertrinken sind, fragen Sie Ihren Retter auch nicht nach seinem Vorstrafenregister, oder?»

Der Mann mit dem Fünftagebart, der von 1991 bis 1994 Sprecher von Jean-Bertrand Aristide war, sieht derzeit keine Chance, ohne die Rebellen um Guy Philippe auszukommen. Rache und Revanche müssten zurückstehen. «Wir müssen uns erst wieder finden und die Wahrheit herausfinden.» Einen Teil dieser «Spurensuche» soll eine Wahrheitskommission bewältigen. Sie soll die Verbrechen der letzten Jahre untersuchen. «Danach wird es vielleicht eine Amnestie geben» - auch für Leute wie den Rebellenführer Louis-Jodel Chamblain, der wegen Massakern an Aristide-AnhängerInnen in Abwesenheit zu zweimal lebenslänglich verurteilt wurde und sich Ende April der haitianischen Justiz gestellt hat. Das Gebot der Versöhnung gelte auch für Aristide. «Der frühere Präsident muss zurückkehren können», sagt Gaillard.

(...) Eine der Massenzellen des Polizeigefängnisses von Gonaďves würde der gestürzte ehemalige Staatschef im Falle einer Rückkehr sicher nicht mehr belegen.

Das Gefängnis haben die Mitglieder der ehemaligen «Kannibalenarmee» bereits zu Beginn ihres Aufstands im Februar gestürmt und niedergebrannt. Von den bewaffneten Rebellen um Butteur Métayer ist heute nichts mehr zu sehen. Die Zugangsstrasse zur Hafenstadt ist neu geteert, die Barrikaden, die die Stadt abriegelten, sind weggeräumt. Vor den Trümmern der Haftanstalt stehen ein halbes Dutzend Lastkarren. Geduldig warten die Männer in zerlumpten Kleidern, bis sie an der Reihe sind und sich an den Steinresten bedienen können. Geschwind werden die Steine auf die Karren geladen und abtransportiert. Mit dem Alten wird Neues gebaut. «Wir haben lange auf eine solche Gelegenheit gewartet», übersetzt mein Begleiter die Äusserungen eines Mannes aus dem Kreyňl, der Landessprache Haitis. «Ich nutze die Steine, um mein Haus auszubauen.»

Kein «Frieden im Magen»

Was dort unten, in der Tiefebene des Artibonite um Gonaďves oder in der knapp achtzig Kilometer entfernten Hauptstadt Port-au-Prince politisch geschieht, interessiert Elta Fortune reichlich wenig. Sie muss sich um das tägliche Überleben ihrer sechs Kinder kümmern. Die 32-Jährige lebt oberhalb des kleinen Marktfleckens Montrouis abgelegen in den Bergen auf 800 Metern Höhe. Ihre windschiefe Hütte liegt zwei Fussstunden von der nächstgrösseren Ortschaft, Ivoire, entfernt. In der unmittelbaren Umgebung gibt es keinen Brunnen.

Zum nächsten Wasserloch muss sie mindestens vierzig Minuten gehen. Wasser findet sie dort nur in den frühen Morgenstunden. Ohne die geringe finanzielle Unterstützung ihres Bruders, der vor Jahren illegal in die USA ausgewandert ist, könnte Elta ihre Kinder weder kleiden noch ansatzweise ausreichend ernähren. Ihr Mann ist Tagelöhner, findet ab und an auf den kargen Feldern Arbeit.

Die stürmischen neunziger Jahre sind hier oben an den Menschen ebenso vorbeigegangen wie die Revolte der letzten Monate. Für Elta und ihre bäuerlichen NachbarInnen sind die Versprechungen des Armenpriesters Aristide, «Frieden im Magen», niemals Wirklichkeit geworden. «Vielleicht», sagt sie hoffnungsvoll in Kreyňl, «wird sich jetzt was ändern. Gen Patience.» Man müsse «Geduld haben». Auch Elta Fortune kennt das neue haitianische Zauberwort. (...)



Geschönte Zahlen

Illusionen über die wirtschaftlichen Perspektiven macht sich der Ökonom Kesner Pharel nicht. Nur die wenigstens der rund acht Millionen HaitianerInnen hätten eine feste Arbeit, sagt Pharel. Die Mehrzahl der Bevölkerung müsse sich mit Gelegenheitsarbeiten im informellen Sektor über Wasser halten. Die offiziellen Zahlen, die die Weltbank regelmässig veröffentlicht, hätten hingegen wenig mit der wirtschaftlichen Realität der Menschen gemein. Während das jährliche Pro-Kopf-Einkommen in einem der ärmsten Länder der Welt auf rund 600 Franken kalkuliert wird, liegt es nach Berechnungen unabhängiger ÖkonomInnen tatsächlich bei 300 Franken.

Ohne die Überweisungen der im Ausland lebenden HaitianerInnen könnten viele Menschen in Haiti nicht überleben. Jährlich transferieren AuslandshaitianerInnen rund eineinhalb Milliarden Franken in die Karibikrepublik. Im Inland bieten lediglich die Fabriken rund um den Flughafen von Port-au-Prince feste Arbeitsplätze und ein regelmässiges Einkommen.

Der minimale Tageslohn liege momentan bei 36 Gourdes, sagt der 44-jährige Wirtschaftswissenschaftler Pharel. Das entspricht knapp 1.50 Franken. In einigen der Fabriken in den so genannten Freihandelszonen würden bis zu 50 Gourdes bezahlt. Etwa 30 000 Menschen finden in den Fabriken Beschäftigung.

Zwei Drittel der HaitianerInnen leben auf dem Land, zum Teil in schwer zugänglichen Gegenden. «Sie leben von dem, was sie aus der Erde herausholen. Aber die wenigsten besitzen überhaupt bebaubare Ackerfläche», sagt Pharel. Ihre Situation wird sich wohl auch in den kommenden Jahren kaum ändern. Es fehle aufgrund der politischen Instabilität an in- und ausländischen Investitionen. Dabei sei Eile geboten, denn mit einer demografischen Wachstumsrate von 2 Prozent drohe das Land immer weiter in die Armut abzurutschen. Seit beinahe dreissig Jahren ist das Pro-Kopf-Einkommen rückläufig, durchschnittlich beträgt das Minus 1,6 Prozent pro Jahr. «Während der Putschphase von 1991 bis 1994 ist das Pro-Kopf-Einkommen um 30 Prozent zurückgegangen.

Alleine um diese Verluste zu kompensieren, hätten wir nach einer Studie der Weltbank seit 1995 ein Jahreswachstum von 5 Prozent haben müssen. De facto haben wir aber Minuszahlen geschrieben», sagt Kesner Pharel.



Aus: WOZ, 19. Mai 2004


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